Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Franz Wenzel*: Die Weltbörsen werden insbesondere vom politischen Geschehen und dem konjunkturellen Umfeld geprägt. Die Schlagzeilen zum Dauerstreit zwischen den USA und ihren wichtigsten Handelspartnern bestimmen den Takt an den Weltbörsen. In Europa sind es die hausgemachten politischen Spannungen, die die Börsianer umtreiben. Insbesondere Frankreich sorgt für negative Schlagzeilen. Ferner machen sich Sorgen um eine mögliche Rezession breit, zumal die nationalen und internationalen Institutionen ihre Wachstumsprognosen nach unten revidiert haben.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
In dem aktuellen mit Unsicherheit behafteten Umfeld ist der defensive Charakter der Schweizer Börse zweifellos ein Positivum. Nach der Erholung zum Jahresanfang erwarten wir eine Verschnaufpause an den internationalen Börsen, gefolgt von einer weiteren Erholung im zweiten Quartal, zumal dann die Berichtssaison und die anstehende Dividendensaison den Kursnotizen eine willkommene Unterstützung bieten sollten.

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* Franz Wenzel ist Anlagestratege für Institutionelle Kunden bei AXA Investment Manager.

Quelle: Danny Mejia
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Wo steht der SMI in 12 Monaten?
2019 wird von zunehmender Volatilität gezeichnet sein. Die grossen Börsen werden sich zwischen Hoffen und Bangen bewegen. Die Schweizer Titel werden sich analog bewegen, aber mit einer geringeren Schwankungsbreite. Auf Jahressicht erwarten wir gleichwohl eine positive Wertentwicklung für die Eurozone und damit auch für die Schweizer Börse in Höhe von etwa +/– 5  Prozent, analog dem Wachstum der Unternehmensgewinne. Eine überdurchschnittliche Entwicklung im internationalen Vergleich ist allerdings nicht zu erwarten.

Der Internationale Währungsfonds hat seine Prognose für das globale Wachstum erneut gesenkt. Teilen Sie seine Sorge um die weltweite Konjunkturentwicklung?
Zweifellos ist der aktuelle negative Trend Anlass zur Sorge. Allerdings ist die Annahme «moderat schwächeres Wachstum» keinesfalls gleichbedeutend mit Rezession. Die aktuellen Wachstumsprognosen bewegen sich von einem relativ hohen Niveau in Richtung Potentialwachstum. Zugegebenermassen hat sich dieses auf einem niedrigen Niveau eingependelt und die Gefahr, in eine Rezession abzurutschen, ist angestiegen. Allerdings bleibt die konsumtive Nachfrage sehr robust angesichts einer guten Beschäftigungslage und stetiger Lohnzuwächse.

Die Mobilfunktechnologie 5G könnte die Digitalisierung der Wirtschaft entscheidend voranbringen. Was raten Sie Anlegern, die von diesen technologischen Umwälzungen profitieren möchten?
Der technische Fortschritt ist heute ein ständiger Wegbegleiter, dem sich alle Investoren stellen sollten, unabhängig vom Sektor. Allerdings darf dies nicht zu unkontrollierten Investitionsentscheidungen führen. Man erinnere sich an den Bitcoin-Exzess. Wir verfolgen eine Anlagestrategie, die sich an die Philosophie «Wachstum zu einem vernünftigen Preis» anlehnt. Investoren sollten sich auf eine derartige Fondsauswahl konzentrieren und weniger eine Einzeltitelauswahl fokussieren, die ein hohes Einzelwertrisiko birgt.

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Die Frage über das künftige Verhältnis mit der EU spaltet Grossbritannien. Wie stark wird die britische Wirtschaft aus heutiger Sicht durch den Brexit Schaden nehmen?
Bei der aktuellen politischen Gemengelage ist eine eindeutige Aussage de facto nicht möglich, zumal die künftige Ausgestaltung vollkommen unklar ist. Sollte sich eine Art «hard Brexit», also ein Brexit ohne Rahmenvertrag, herauskristallisieren, wird man davon ausgehen können, dass sich über die kommenden Jahre ein schwächeres Wachstum einstellen wird. Eine historische Norm ist nirgends erkennbar. Wir unterstellen, dass sich das Sozialprodukt wegen Standortverlagerungen um mehrere Prozentpunkte abschwächen könnte, gestreckt über mehrere Quartale.

Chinas Wirtschaft wächst so schwach wie seit 18 Jahren nicht mehr. Wie sind die neuen Konjunkturzahlen aus der weltweit zweitgrössten Volkswirtschaft zu werten?
In der Tat hat sich das chinesische Wachstum von 6,8 Prozent im ersten Quartal auf 6,4 Prozent im vierten Quartal weiter abgeschwächt. Dies spiegelt sowohl die strukturelle Neuausrichtung hin zur Binnennachfrage beziehungsweise Richtung Konsum als auch den zunehmenden Gegenwind infolge des Handelsstreites mit den USA. Insbesondere Letzterer erzwingt weitere Konjunkturstimuli. Der Fiskalpolitik, die insbesondere den Mittelstand unterstützen wird, kommt dabei die Hauptverantwortung zu. Weitere Zinsschritte können ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. All dies ändert aber nichts an dem Trend hin zu schwächerem, besser ausbalanciertem Wachstum.

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