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Brexit wäre ein harter Schlag für das Pfund

In vier Monaten wird über den Brexit abgestimmt. Das Pfund ist bereits jetzt auf Abwärtskurs - und es könnte noch schlimmer kommen. Experten rechnen mit Abstürzen im zweistelligen Bereich.

Veröffentlicht am 22.02.2016

Grossbritannien flirtet heftig mit dem «Brexit» - und bringt damit seine Währung ins Straucheln. Schon seit Wochen schwächelt das Pfund und es könnte noch schlimmer kommen, sollten die Briten im Juni tatsächlich für das Ausscheiden ihres Landes aus der EU stimmen.

Die britische Währung dürfte dann um 15 bis 20 Prozent einbrechen, weil ausländische Investoren reihenweise die Flucht ergreifen könnten, prophezeiten jüngst die Analysten der US-Grossbank Goldman Sachs. Auch Niall Delventhal vom Brokerhaus FXCM sieht schwere Zeiten auf die britische Währung zukommen: «Die konjunkturelle Last, die der Austritt aus der EU mit sich bringen würde, wäre ein harter Schlag für das Pfund.»

Tiefster Stand seit sieben Jahren

Zu Wochenbeginn sorgte ein prominente Zuwachs im Lager der «Brexit»-Befürworter für Wirbel am Devisenmarkt. Londons Bürgermeister Boris Johnson - einflussreich und immer für markige Worte gut - kündigte an, er werde trotz der Einigung auf ein EU-Reformpaket auf dem jüngsten EU-Gipfel in Brüssel für ein Ende der Mitgliedschaft werben.

Das Pfund rutschte am Montag um mehr als zwei Prozent auf 1,4059 Dollar und damit den tiefsten Stand seit sieben Jahren. Zudem wetteten so viele Investoren auf eine weitere Abwertung innerhalb der kommenden sechs Monate wie nie zuvor.

Reformpaket geht Briten nicht weit genug

Der britische Premierminister David Cameron will am 23. Juni in einem Volksentscheid über den Verbleib des Landes in der EU abstimmen lassen. Der konservative Politiker und die übrigen Staats- und Regierungschefs der EU hatten sich am Freitagabend in Brüssel auf ein Reformpaket verständigt, mit dem ein «Brexit» verhindert werden soll. Cameron setzte unter anderem durch, das Grossbritannien vom Ziel einer weiteren EU-Integration ausgenommen wird. Auch für die britische Finanzbranche gaben die Chefs der Mitgliedstaaten bestimmte Garantien ab.

Das Ergebnis bringe einen Sonderstatus für die Briten dar, konstatierten die Analysten des Bankhauses Metzler. «Dennoch geht dieses Ergebnis vielen Politikern nicht weit genug.» Neben dem Bürgermeister Londons sprachen sich auch sechs Minister für den «Brexit» aus. Cameron hatte ihnen freigestellt, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. In der Bevölkerung lagen die EU-Befürworter zuletzt klar vorn. Sie kommen laut der Zeitung «Mail on Sunday» auf 48 Prozent und damit auf 15 Punkte mehr als die Gegner. «Alles wird davon abhängen, wie sich die (...) bislang unentschiedenen Wähler verhalten werden», meint Commerzbank-Analyst Peter Dixon. Nach Umfragen sind dies fast ein Fünftel der Briten.

Wirtschaft könnte unter die Räder geraten

Viele Volkswirte, Analysten und Ratingagenturen sind sich einig, dass ein Ausscheiden Grossbritanniens aus der EU schlecht für das Königreich wäre, weil unter anderem der freie Güter- und Dienstleistungsverkehr mit dem restlichen Kontinent wegfallen würde. Zölle und andere Handelshemmnisse dürften die Ausfuhren der Insel bremsen, zudem würden die Einfuhren zu Lasten von Verbrauchern und Produkten verteuert, prognostiziert DZ-Bank-Analyst Christian Kahler. Die italienische Grossbank UniCredit geht davon aus, dass ein «Brexit» im nächsten Jahrzehnt rund sechs Prozent der britischen Wirtschaftsleistung kosten könnte - im vergangenen Jahr war die Wirtschaft des Königreichs um 2,2 Prozent gewachsen.

Die Agentur Moody's warnte zuletzt, das britische Rating könnte bei einer Abstimmung pro Brexit mit einem negativen Ausblick versehen werden, was eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit des Landes wahrscheinlicher machen und damit auch die Schuldenaufnahme verteuern würde. Bislang bewertet Moody's die Bonität mit Aa1, die Ratingagentur S&P sogar mit dem Spitzenwert «AAA». Die britische Wirtschaft gehörte in den vergangenen Jahren zu den am schnellsten wachsenden der Industrieländern. Das liegt vor allem an der guten Entwicklung der Dienstleister, zu der auch die starke Finanzbranche gehört.

(reuters/cfr)

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