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Referendum
Brexit-Wetten: Das sind die Chancen - und Risiken

Briten: Der Entscheid über ein «Ja» oder «Nein» in der EU wird noch lange nachwirken. Keystone

Am 23. Juni stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab. Für Anleger ergeben sich Chancen im Blue-Chip-Segment und beim Pfund. Investieren in Grossbritannien wird aber so oder so risikoreicher.

Von Carla Palm
am 20.04.2016

UBS-Ökonom Dean Turner beobachtet von einem Glasgebäude an der Finsbury Avenue im Herzen Londons die Wirtschaft Grossbritanniens. Doch nun ist das Thema so wichtig, dass die Schweizer Grossbank ihn an den Paradeplatz nach Zürich holt, wo Investoren und Medienvertreter warten. Turner ist der Experte der UBS für den Brexit, sein Rat ist gefragt.

Am 23. Juni stimmen die Briten darüber ab, ob ihr Land in der Europäischen Union (EU) bleiben wird oder nicht. Die Meinungsumfragen deuten auf einen knappen Wahlausgang. «Aktuell liegt beim bevorstehenden Referendum die Gruppe der EU-Befürworter knapp in Führung. In Telefonumfragen ist dies sogar noch etwas deutlicher», erklärte Turner Anfang April in Zürich.

Das Verhältnis könnte angesichts der höheren Wahlbereitschaft der EU-Gegner jedoch jederzeit drehen. Gemäss dem letzten «UK Polling Report» sind 42 Prozent für einen Verbleib in der EU und 41 Prozent dagegen. Rund 14 Prozent wissen noch nicht, wie sie abstimmen werden.

UBS-Ökonomen halten es mit den Wettbüros

Die Ökonomen der UBS dagegen schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass die Briten die EU verlassen, nur auf 30 Prozent. Damit entsprechen sie Quoten der britischen Wettbüros, die schon bei der Abstimmung über die Unabhängigkeit Schottlands am Ende richtig lagen.

Nicht alle glauben an die Vernunft der Briten. Je näher das Referendum rückt, desto grösser werden Unsicherheit und Volatilität an den Finanzmärkten. Wie sollen Anleger diesen ungewissen Ausgang der Abstimmung jetzt absichern?

Pfund dürfte mit Brexit weiter fallen

Gemäss Turner läuft das grosse Geschäft an den Devisenmärkten. Das britische Pfund verlor wegen der erhöhten Unsicherheit seit November vergangenen Jahres gegenüber dem Dollar mehr als 14 Prozent. Gegenüber dem Franken und dem Euro waren es gut 10 Prozent. Zwar spielen dabei auch die Zinspolitik der Bank of England und die Entwicklung des Haushaltsdefizits eine Rolle. Doch kommt ein Brexit, dürfte die Währung noch weiter fallen. Das Pfund könnte am Brexit sogar zerbrechen, ­befürchten ­Finanzexperten wie der Princeton-Professor Harold James.

Wie gross der Schaden tatsächlich wäre, ist schwer vorhersehbar. Die Analysten von Goldman Sachs gehen von einer weiteren Abwertung des Pfunds von 15 bis 20 Prozent aus. Auch andere Leitwährungen wie der Euro würden in Mitleidenschaft gezogen. Anleger müssten für diesen Fall jetzt ihre Vermögenswerte in Pfund verkaufen oder absichern, etwa mit dem Kauf von sicheren Währungen wie dem Franken oder dem Dollar. Die steigenden Preise an den Optionsmärkten zeigen genau diesen Trend. Eine übertriebene Reaktion, meint Turner. Ein Brexit-Premium sei in den Kursen bereits enthalten, so seine Einschätzung.

Bleiben die Briten in der EU, wie die UBS-Ökonomen annehmen, dürfte die britische Währung sogar wieder zulegen. «Wir rechnen mit einer deutlichen Erholungsrally in den Wochen nach dem Referendum», sagt Turner. Bis zum 23. Juni sieht er allerdings noch ein Abwertungspotenzial von 3 bis 4 Prozent.

FTSE 100 im ersten Quartal im Minus

Auch am britischen Aktienmarkt regiert die Volatilität. Der Leitindex FTSE 100 rutschte in den letzten Monaten mehrfach ins Minus. Nicht immer war die Brexit-Diskussion schuld. Schliesslich brachten die Wachstumssorgen um Chinas Wirtschaft Anfang Jahr die Aktienmärkte weltweit ins Taumeln.

Stephan Meschenmoser, Investmentstratege des Vermögensverwalters Blackrock beruhigt daher: «Im zweiten Quartal wird die bevorstehende Abstimmung über den EU-Austritt für viele Spekulationen und für Volatilität sorgen. Das Thema ist im Moment sehr dominant. Langfristig wird es wahrscheinlich von untergeordneter Relevanz für die Entwicklung der globalen Aktienmärkte sein.» Zwar würde sich ein EU-Austritt negativ auf den englischen Aktienmarkt auswirken. Doch dieser sei nicht innenorientiert, sondern stark diversifiziert und global aufgestellt.

Auch grosse Firmen hängen am Brexit-Pendel

So ist seit Mitte Februar zwar auch beim FTSE 100 eine Erholung zu beobachten, doch das erste Quartal beendete der Leitindex insgesamt im roten Bereich. Zu den Verlierern gehörten vor allem Finanzwerte wie Barclays, Standard Chartered und The Royal Bank of Scotland. Für die Geldhäuser steht viel auf dem Spiel. Durch einen Brexit würde London als globaler ­Finanzplatz an Bedeutung verlieren.

Ebenso am Brexit-Pendel hängen gros­se Unternehmen, die stark von der Binnenkonjunktur abhängig sind, wie der Einzelhandelsriese Marks & Spencer. Sie leiden unter dem schwachen Pfund, da sie ihre Handelswaren überwiegend im Ausland einkaufen. Einzig die Supermarkt­kette Tesco konnte ihr Geschäft stabilisieren und im Geschäftsjahr 2015/2016 dank Restrukturierungsmassnahmen auch im schwierigen Heimmarkt wachsen. Ein grosser und langfristig orientierter Aktionär mit einem Anteil von über 6 Prozent an Tesco ist der norwegische Staatsfonds, was den Aktien auch in einem volatilen Umfeld eine gewisse Stabilität verleiht.

International tätige Konzerne, wie die Pharmaunternehmen AstraZeneca, GlaxoSmithKline, Shire oder auch die Getränkespezialisten Diageo oder SABMiller, die einen Grossteil ihres Umsatzes im Ausland generieren, profitieren im Moment von der schwachen Heimwährung.

Grossbritannien wird risikoreicher

Bei diesen soliden Blue Chips, die teilweise eine hohe Dividendenrendite ausweisen, können Anleger Rückschläge zum Einstieg nutzen. Vorsicht gilt für britische Nebenwerte. Kleine und mittelständische Unternehmen sind stark vom britischen Heimmarkt abhängig und dürften im Brexit-Fall zu den Verlierern gehören.

Bis zum Referendum wird die Volatilität am britischen Aktienmarkt, der zu den fünf grössten Börsenplätzen der Welt zählt, sicher anhalten. Dean Turner von der UBS formuliert es sogar noch zugespitzter: «Grossbritannien wird für Investoren risikoreicher.» Denn auch ohne ein klares «Ja» dürfte das Thema EU-Austritt die Briten nicht loslassen. Das Lager derer, die Grossbritannien aus dem Griff der EU-Bürokratie befreien möchten, ist gross und nicht zu unterschätzen.

Mindestkurs nach Brexit?

Auch wenn die Warnungen an die Briten, ihre EU-Mitgliedschaft nicht aufs Spiel zu setzen, mittlerweile von überall herkommen. Star-Ökonom Nouriel Roubini warnte, ein Austritt Grossbritanniens könnte sogar das Ende der EU einläuten. Die Austrittsbestrebungen anderer Länder und Regionen würden neuen Auftrieb erhalten, was langfristig zum Zusammenbruch der EU führe, so Roubini in einem Bloomberg-Interview.

Der internationale Währungsfonds (IWF) wiederum erklärte, dass ein Brexit «erhebliche regionale und globale Schäden» verursachen würde. Die Diskussion um den EU-Austritt nahm der IWF unter anderem auch zum Anlass, seine Wachstumsprognose für die globale Wirtschaft für das laufende Jahr um 2 Prozentpunkte zurückzunehmen.

SNB: Standardantwort würde nicht genügen

Die Schweizer Wirtschaft müsste im Falle eines Brexit wohl einen neuen Frankenschock verkraften. Dollar und Franken wären als Fluchtwährungen erst recht gesucht. UBS-Europa-Ökonom Ricardo Garcia, der die Diskussion auf der Insel von Zürich aus beobachtet, rechnet in diesem Szenario mit einer sofortigen und aggressiven Gegenreaktion der Schweizerischen Nationalbank (SNB).

Je nachdem, wie stark der Franken vor allem gegen den Euro aufgewertet werde. «Wenn die Situation ähnlich ist wie im Januar 2015, reicht eine Standardantwort mit Euro-Käufen und einer Anhebung der Negativzinsen auf den Giroguthaben wahrscheinlich nicht», sagt er. Die SNB, deren Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht, müsste schon grössere Geschosse auffahren. «Dazu könnten ein weiterer Zinsschritt und neue Vorgaben bei den Giroguthaben zählen», meint Garcia. Zudem könnte sie die Tonalität ihrer Kommunikation ändern und deutlich machen, dass sie für weitere Zinsschnitte offen ist. Denkbar wäre auch unter bestimmten Voraussetzungen die Wiedereinführung eines Mindestkurses, obschon dies wohl nicht die erste Option wäre.

Die SNB wollte sich auf Anfrage nicht zum Eintreten eines möglichen Ereignisses äussern. «Wir haben seit Aufhebung des Mindestkurses am 15. Januar 2015 gesagt, dass wir bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv sind. Das ist der eine Pfeiler unserer ak­tuellen Geldpolitik, der andere ist der Negativzins», so Sprecherin Silvia Oppliger.

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