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Brexit
Britische Banken: Neue Perspektiven nach dem Brexit

City of London under pressure
City of London unter Druck: Der Brexit gefährdet ein Teil des Geschäfts der britischen Finanzbranche.Quelle: Andrew Bret Wallis

Der Zugang zu den EU-Märkten für britische Finanzdienstleister ist wohl gesichert. Vom Deal könnten auch Schweizer Banken profitieren.

Melanie Loos
Von Melanie Loos
am 09.11.2018

In weniger als 150 Tagen scheidet Grossbritannien offiziell aus der Europäischen Union aus. Und noch immer sind die Bedingungen für den Austritt vertraglich nicht vollständig festgelegt. Denn die britische Regierung und die EU konnten sich bisher noch nicht in allen Fragen einigen – immerhin, heisst es aus britischen Regierungskreisen, seien 95 Prozent geregelt. Auch die EU-Verhandlungsführer stellen mittlerweile eine Einigung beim nächsten EU-Gipfel Mitte Dezember in Aussicht. 

Die Angst vor einem harten Brexit ist dennoch gross. Für die Wirtschaft des Landes hätte ein solches No-Deal-Szenario gravierende Folgen. Dass sich die Streitpunkte sowohl im britischen Parlament als auch am Verhandlungstisch mit der EU auflösen lässt, ist nicht selbstverständlich. Viele befürchten, dass dies in der Kürze der Zeit nicht mehr realistisch sei. Andererseits ist die EU bekannt für Kompromisse in letzter Minute. Wobei im Falle des Brexit das Vereinigte Königreich mehr Interesse an einer Einigung haben dürfte als die EU

Zukunft der City of London

Eine der zentralen Fragen ist die künftige Rolle der City of London nach dem Brexit, und den dort angesiedelten Finanzplatz. Vor wenigen Tagen einigten sich Grossbritannien und die EU auf den künftigen Umgang mit Finanzdienstleistungen – einer der schwierigsten Punkte in den Austrittsverhandlungen, denn die britische Finanzindustrie hatte ursprünglich gefordert, den vollen Zugang zum EU-Binnenmarkt zu behalten. Die City of London hätte am liebsten die gegenseitige Anerkennung der Finanzdienstleistungen zwischen der EU und Grossbritannien gesehen. Damit hätten Banken, Fondsverwalter und Versicherungen auch nach dem Brexit wie bisher weiterarbeiten können.

Die EU lehnte dies allerdings ab, denn die Banken wären de facto weiterhin im Binnenmarkt, unterlägen aber nicht der EU-Aufsicht. Im Juli hatte Premierministerin Theresa May diese Forderung überraschend zurückgezogen. Stattdessen sollten die Finanzdienstleistungen künftig unter ähnlichen Bedingungen wie für Nicht-EU-Mitglieder geregelt werden. Die Branche war darüber nicht besonders glücklich und befürchtete, beträchtliche Marktanteile in der EU zu verlieren.

Abhängig vom EU-Marktzugang

Kaum eine andere Branche ist derart abhängig vom Marktzugang. Die City of London ist das wichtigste Finanzzentrum der EU und neben New York weltweit führender Finanzplatz. Zudem ist die Finanzindustrie mit Abstand die wichtigste Exportbranche Grossbritanniens und trägt rund 7 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Verliert London die sogenannten Passporting-Rechte – eine Art EU-Finanzpass, um grenzüberschreitende Finanzdienstleistungen zu erbringen, könnte das bis zu 100‘000 der insgesamt 2,2 Millionen Arbeitsplätze in der Finanzbranche kosten, schätzt die Unternehmensberatung PwC.

Jonathan Djanogly, Tory-Abgeordneter und Mitglied des Brexit-Ausschusses im britischen Parlament, sprach am Dienstag auf einer Veranstaltung der Schweizerischen Gesellschaft für Aussenpolitik (SGA) in Zürich von einem Erfolg: Die Passporting-Rechte seien nach dem Brexit gesichert. Laut Djangoly würde die sogenannte «enhanced equivalence», eine Art verbesserte Äquivalenz in einem Anhang zum Brexit-Deal geregelt und gebe den britischen Finanzinstituten eine gewisse Stabilität.

Künftig sollen britische Finanzdienstleister weiterhin Zugang zum EU-Markt haben, indem Brüssel die britische Regulierung für Finanzdienstleister als gleichwertig anerkennt. Damit könnten britische und Finanzdienstleister aus der EU im jeweils anderen Land weiterhin tätig sein. Die Europäische Union gewährt derzeit 30 Ländern ausserhalb der EU begrenzten Zugang zum Binnenmarkt, darunter auch der Schweiz.

Schweizer Finanzbranche und Brexit

Wie diese verbesserte Regelung für die britischen Finanzinstitute konkret aussieht und ob sich die Branche damit zufrieden gibt, ist noch nicht bekannt. Unter den gegebenen Regeln jedenfalls, kann die EU-Kommission einem Land die Äquivalenz jederzeit entziehen. So zittert die Schweiz derzeit um die Verlängerung der Börsenäquivalenz Ende des Jahres. Denn im Rahmen der Verhandlungen über ein Rahmenabkommen steht sie nun auf dem Spiel – mit fatalen Folgen für Schweizer Börse und Finanzdienstleister.

Zum Verhältnis zwischen der Schweiz und dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit sagte der Tory-Politiker Djanogly zudem, die Gespräche über ein bilaterales Abkommen seien auf einem guten Weg. Dazu gehörten auch Finanzdienstleistungen, wenngleich beide Länder unterschiedliche Interessen in dem Bereich hätten.

Einige Experten halten es für möglich, dass beide Länder künftig für den Finanzsektor gegenseitig bessere Bedingungen schaffen könnten, als dies im Rahmen der EU bisher möglich war. Davon könnte der Schweizer Finanzplatz womöglich sogar profitieren. 

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