Patrick Pouyanné, der schmerbäuchige Chef des französischen Energiekonzerns Total, korrigiert seinen Interviewer auf einem Podium der Energiekonferenz Ceraweek in der texanischen Metropole Houston: Nicht «Öl und Gas, sondern Gas und Öl» seien das Geschäft seines Konzerns. Pouyanné hat Total in den letzten Jahren durch strategische Zukäufe als einen der grössten Erdgasförderer der Welt positioniert. Glaubt man den Exponenten der Industrie, die sich hier jährlich für eine Woche versammeln, ist Erdgas neu der zentrale Pfeiler für die Versorgung einer immer energiehungrigeren Welt. Was einst als Nebenprodukt von Rohöl einfach abgefackelt wurde, gilt nun als sauber, flexibel und effizient.

Noch vor kurzer Zeit sah diese Entwicklung niemand voraus. Die USA hatten sich darauf eingestellt, Gas importieren zu müssen. Der Fracking-Boom änderte jedoch alles. Riesige Vorkommen wurden zugänglich und machten die USA seit 2009 zum grössten Produzenten von Erdgas weltweit, mit weiterhin rasanten Zuwachsraten.

Rick Perry, früher Gouverneur von Texas und jetzt Energieminister in Donald Trumps Kabinett, sieht es als eine «moralische Pflicht», diese Energiereserven mit der Welt zu teilen. Es gebe Länder ohne Elektrizität, denen auch ein überzeugter Umweltaktivist nicht ernsthaft erklären könne, fossile Energiequellen seien leider nicht mehr zu haben.


Neue Pipelines sind notwendig

Die Chefs, die die ganze Woche über vom Gründer der Konferenz und Öl-Guru Daniel Yergin interviewt werden, sehen das ähnlich. Das Problem dabei? Es fehlt die Infrastruktur, um den Gas-Überfluss in der Welt zu verteilen. Unter der Obama-Regierung hatten neue Pipelines einen schweren Stand, entsprechend fehlen nun Transportmöglichkeiten. Im Permian Basin, wo im Westen von Texas Goldgräberstimmung herrscht, weiss man kaum wohin mit dem Gas. Eine Chance für Kinder Morgan: Der grösste Anbieter von Midstream-Services plant, eine neue Pipeline nach Corpus Christi an der Golfküste zu bauen.

Aktien von Gesellschaften wie Kinder Morgan, die Produzenten von Öl und Gas mit den Endverbrauchern verbinden, sind auch eine Chance für Anleger. Denn: Das Vertrauen in den Sektor hat sich nicht parallel zum Ölpreis erholt. Entsprechend tief sind Midstream-Valoren bewertet. Wem das Investment in einen einzelnen Milliardenkonzern zu riskant ist, der kann über Exchange-traded Notes wie den J.P. Morgan Alerian MLP ETN in ein Bündel von Pipeline-Firmen investieren, die oft als Master Limited Partnership strukturiert sind.

Auch das Exportgeschäft bietet attraktive Investitionsmöglichkeiten. Um die Welt mit verflüssigtem Gas zu versorgen, braucht es die entsprechenden Anlagen. In diesem Bereich ist zum Beispiel Cheniere Energy aktiv. Chef Jack Fusco kündigte zu Beginn der Konferenz einen Liefervertrag über zwanzig Jahre nach Indien an, eines der Länder, in dem Kohle noch immer eine dominierende Rolle spielt. Die relative Verfügbarkeit von Kohle im Vergleich zu Gas trägt auch dazu bei, dass Letzteres in Asien der teurere Brennstoff ist.

In den USA überholte Gas Kohle 2015 erstmals als Energieträger Nummer eins zur Stromerzeugung. Das ist gut für die Umwelt – Gaskraftwerke blasen weniger Kohlendioxid in die Luft als Kohlekraftwerke. Falls die Stromerzeugung mit Gas weltweit zulegt, hilft das auch ABB, einem der Sponsoren der Konferenz in Houston.

Um die Konferenzteilnehmer von den Fähigkeiten seiner Ingenieure zu überzeugen, stellt ABB-Chef Ulrich Spiesshofer keine Turbinen in Texas aus. Stattdessen faltet ein Roboter kleine Kartonschachteln zusammen und befüllt diese mit Pralinen von Sprüngli. Das zweite Exponat der Schweizer Firma wird nicht in Aktion gezeigt, bekommt aber ebenso viel Aufmerksamkeit: ein elektrischer Flitzer der Formula E.

Rebound der Energiepreise

ABB waren nicht die Einzigen, die an der Ceraweek Enthusiasmus für Elektromobilität an den Tag legten. Mary Barra, Chefin von General Motors, erklärte eine mobile Zukunft ohne Stau, ohne Emmissionen und ohne Unfälle für möglich. Das sei aber ferne Zukunft. Etwas absehbarer scheint die breitflächige Elektrifizierung des Autoverkehrs. Die Hersteller – von GM bis Tesla – bekommen Rückenwind durch billigen Strom aus dem Zusammenspiel von Gaskraftwerken und erneuerbarer Energie.

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Und auch die Chefs der Ölmultis bereiten sich auf die wachsende Verbreitung der Elektromobilität vor. Bob Dudley, der Chef von BP, berichtete stolz von Tankstellen, an denen neben Benzin auch Strom geladen werden kann. Auf 8 Minuten werde die Ladezeit in nicht allzu ferner Zukunft sinken, prophezeite er. Ebenso wie Konkurrent Shell sucht das Unternehmen durch Akquisitionen Wachstum in diesem Bereich.

Möglicherweise ist der Optimismus in Houston auch dem für die Branche nunmehr erträglichen Ölpreis von rund 60 Dollar geschuldet. Für Investoren mit langfristigem Anlagehorizont hat die Energiepreiskorrektur der letzten Jahre auch sein Gutes: Die Firmen, die nicht insolvent wurden, stehen jetzt deutlich besser da. Doch die Aktienpreise reflektieren das nur zum Teil. Ein solches Beispiel ist Occidental Petroleum. Die Dividende sei gesichert, selbst wenn der Rohölpreis wieder auf 30 Dollar pro Fass fallen sollte, ist Chefin Vicki Hollub zuversichtlich. Die Dividendenrendite beträgt im Fall von Occidental Petroleum rund 5 Prozent. Keine schlechte Rendite im anhaltenden Tiefzinsumfeld.

Bis 2050 Kohlendioxidausstoss halbieren


Die bessere Widerstandsfähigkeit gegen Ölpreisschocks ist auch den stark gesunkenen Produktionskosten bei der Öl- und Gasförderung zu verdanken. So stieg die Fördermenge in den USA trotz tieferen Preisen. Am günstigsten sprudelt Rohöl aber immer noch in Saudi-Arabien aus dem Boden. Für eine Beteiligung an Saudi Aramco, dem staatlichen Ölkonzern, müssen sich Investoren allerdings noch gedulden. Sicher sei nur, dass der Börsengang komme und dass die Aktien an der lokalen Börse Tadawul gehandelt werden sollen, sagte Ölminister Khalid Al-Falih zu Bloomberg am Rande der Konferenz.

Scheinbar sieht niemand 2018 eine unmittelbare Gefahr für die Energiepreise wegen sinkender Nachfrage. Nicht nur das zur Stromerzeugung benötigte Gas wird vom wachsenden Wohlstand in den Entwicklungsländern Asiens profitieren. Neben Benzin basieren auch Konsumgüter aller Art auf dem Rohstoff Öl. Doch die Nachfrage nach Rohöl wird über kurz oder lang einen Höhepunkt erreichen. Nicht von Peak Oil, sondern von Peak Demand wird dann die Rede sein und alle versuchen bereits heute, diesen Wendepunkt vorherzusagen. Öl wird gemäss Shell-Chef Ben van Beurden an Bedeutung verlieren, da die Nachfrage nach Energie im Allgemeinen viermal so rasch wächst wie die Nachfrage nach Rohöl.

Van Beurden hat für sein Unternehmen ein Ziel formuliert, das von einem der ältesten Ölkonzerne der Welt nicht unbedingt erwartet würde: Bis 2050 soll der Kohlendioxidausstoss halbiert werden. Um das zu erreichen, setzt Shell neben Gas auf erneuerbare Energien. Das ist die richtige Strategie. Auch wenn die Branche derzeit vor Optimismus strotzt und der Ausblick vielversprechend scheint, könnten die guten Zeiten ebenso abrupt enden wie das Panel an der Ceraweek von ABB-Chef Ulrich Spiesshofer: plötzlich – mit einem Feueralarm.

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