Türkei, Krim, China – fast jede Woche bricht eine neue Krise über die Börsenherein. Wo droht als Nächstes Gefahr?
Andrew Bosomworth*: Jenes Gebiet, das ich derzeit besonders im Auge behalte, ist China. Unserer Meinung nach könnte das Land bald die klassischen Konsequenzen für zu schnelles Kreditwachstum tragen. Spüren wird das insbesondere der dortige Immobilienmarkt.

Platzt dort eine Preisblase?
Man muss zugeben, dass sich in der Volksrepublik wohl eine Blase gebildet hat. Die sich in China in Bau befindliche Fläche pro Einwohner beträgt 4,9 Qua­dratmeter. Zum Vergleich: Kurz bevor 1990 die Immobilienpreise in Japan abstürzten, lag ­jener Wert dort bei 2,3 Qua­dratmetern pro Einwohner. Wir glauben jedoch, dass es Chinas Regierung gelingen wird, die Blase kontrolliert zu entlüften.

Und wenn nicht?
China steuert derzeit rund 12 Prozent zum weltweiten BIP bei – gibt es diesbezüglich einen Einbruch, würde es die Weltwirtschaft zwar deutlich spüren. Eine Katastrophe wäre es aber nicht. Export­orientierte Nationen wie Deutschland oder Japan könnten indessen mehr leiden als andere Staaten.

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Doch auch der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland eskaliert immer weiter. Das sorgt Sie weniger?
Natürlich sind die Entwicklungen in der Ostukraine besorgniserregend. Wir erwarten aber, dass Russland keine weitere Eskalation anstrebt. Bezeichnenderweise haben die Märkte nur in geringem Ausmass auf die Krim-Krise reagiert.

Doch die Investoren können sich irren. So rechneten jüngst nicht wenige Anleger mit einer Zinslockerung seitens der Europäischen Zentralbank – und wurden bitter enttäuscht. Erging es Ihnen ebenso?
Wir waren von der Zinspause der EZB nicht überrascht. Sie entsprach unserem Szenario, und wir werten das Vorgehen der Zentralbank als positives Signal für die Eurozone. Allerdings kämpft die EZB weiterhin damit, dass die Liquidität zu wenig in der Realwirtschaft ankommt. Hält dieser Zustand an und kommt das Wachstum nicht auf Touren, könnte die Zentralbank noch im vierten Quartal zu einem eigenen Programm quantitativer Lockerungen greifen.

Dann könnte die Franken-Untergrenze zum Euro erneut getestet werden?
Natürlich käme der Euro gegenüber wichtigen Währungen unter Druck. Wir rechnen jedoch nicht nochmals mit einer massiven Fluchtbewegung von Euro-Anlegern in den Frankenraum.

Und welchen Kurs wird die mächtige amerikanische Notenbank Fed in den nächsten Monaten fahren?
Die Fed hat ja eine erste Zinserhöhung für April 2015 indirekt angedeutet. Wir denken, dass sie an diesem Kurs festhalten wird – ausser die Arbeitsmarkt-Zahlen verschlechtern sich deutlich. Dann würde die Fed wohl mit einer Zinssteigerung ­zuwarten.

So oder so bleiben die Anleihenrenditen unter Druck. Pimco ist der grösste Bond-Investor der Welt – welchen Ausweg sehen Sie für Anleger in diesem Umfeld?
Die Anleihenmärkte befinden sich in ­einem 30-jährigen Abwärtszyklus. Wir könnten uns nun am untersten Punkt des sogenannten Zins-Smileys befinden. Aber genau weiss das niemand. Vorläufig müssen sich Anleger in Anleihen von überzogenen Renditeerwartungen verabschieden. Ansonsten gehen sie zu grosse Risiken ein.

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Können selbst die berühmten Pimco-Flaggschiff-Fonds die gewünschte Performance nicht liefern?
Unsere Fondsmanager sehen Chancen in Südeuropa und in Schwellenländern, in Firmenbonds und nachrangigen Anleihen. Wenn man jedoch keine Derivate-Hebel einsetzen will, sind Renditeerwartungen von über 6 Prozent klar zu hoch für ein Anleihenprodukt.

*Andrew Bosomworth ist Managing Director beim amerikanischen Fondsriesen Pimco. Zuvor arbeitete er unter anderem für die Europäische Zentralbank (EZB) und bei Merrill Lynch.