Weitaus eher als erwartet könnte China die USA vom 1. Rang in der verarbeitenden Industrie verdrängen. Nach den aktuellsten Daten, die allerdings aus dem Jahr 2007 stammen, entfallen auf die USA 20% und auf China 12% der globalen Produktion.

Aber der Abstand schmilzt rasch zusammen. Nach Vorhersagen der amerikanischen Wirtschaftsprognosefirma IHS/Global Insight wird China bis 2015 die USA bei der realen Wertschöpfung überholt haben. Vor zwei Jahren gingen die Schätzungen noch von 2020 aus. «Aufgrund starker Rezession im Fertigungsbereich in den USA wird China ein paar Jahre früher aufschliessen können», sagt Nariman Behravesh von Global Insight.

Künstliche Bremsen gefordert

Angesichts des grossen Handelsdefizits zwischen den beiden Staaten und der Unsicherheit, wann und wie stark sich der produzierende Sektor in den USA erholen wird, ist Chinas Aufschwung ein Reizthema. Wie neueste Daten der vergangenen Woche zeigen, ist die Fertigung in China auch im Juli weiter gewachsen. Der Einkaufsmanagerindex stieg von 53,1 im Mai auf 53,3 im Juli. Viele Ökonomen sagen, der Rückgang in den USA sei sowohl hinsichtlich der Arbeitsplätze als auch des BIP eine normale ökonomische Entwicklung, die lange vor Chinas Aufstieg eingesetzt habe und in jedem Fall eingetreten wäre. Behravesh findet Chinas Wachstum normal und gesund: «Die normale Entwicklung geht von der Landwirtschaft über die Fertigung zur Dienstleistung.»Doch eine andere Gruppe, darunter auch sogenannte «Fertigungsfundamentalisten», behauptet, der Rückgang in den USA sei nicht normal und müsse gestoppt werden, damit die Wirtschaftsmacht erhalten bleibe. Aus ihrer Sicht müssen die chinesischen Billigexporte gestoppt werden, die alle Branchen von Textilien bis zu Reifen überschwemmen. «Die Vorstellung, wir könnten eine nicht produzierende Gesellschaft sein, ist verrückt», sagt Peter Morici, Ökonom an der Universität von Maryland. Die Regierung Obama bewegt sich sehr vorsichtig durch dieses Minenfeld. Bei der zweitägigen Konferenz vor einer Woche wurde Chinas rigide Währungspolitik so gut wie gar nicht angesprochen, obwohl das ein heisses Thema für die Produzenten in den USA ist. Sie sagen, China würde seine Währung unterbewerten, um einen Wettbewerbsvorteil für die Exporte zu erlangen. Die US-Regierung hatte es vor einigen Monaten abgelehnt, China der Währungsmanipulation zu bezich- tigen.

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John Engler, der Präsident der National Association of Manufacturers, sagt, er rechne nicht damit, dass China die USA vor dem Jahr 2020 überholen wird: «Egal, wie schnell das Wachstum weitergeht. Die Herausforderung für die USA besteht darin, die entsprechende Antwort zu finden.» Er denkt dabei an Steuer- und Investitionsanreize für heimische Expansion.

Auslagerung ist wieder Thema

Der Fertigungssektor in den USA trägt trotz seiner Schwäche mehr als 13% zum BIP bei, mehr als der Einzelhandel, Finanzsektor oder das Gesundheitswesen. In China liegt der Anteil bei 34% des BIP. Dennoch bleibt die Angst, die Produktion in den USA könnte sich nicht mehr erholen, und die Entwicklung des Vorjahres, wo Arbeit aus China wieder in die USA zurückkam, könnte gestoppt werden. «Jetzt überlegen sich wieder viele, ins Ausland zu gehen», weiss J.B. Brown, Präsident der Giesserei Bremen Castings im US-Bundesstaat Indiana. Denn die Kosten in den USA steigen trotz der ausgeprägten Rezession weiter an. So seien seine Stromkosten in diesem Jahr um 17% höher als noch im Vorjahr und könnten noch weiter zunehmen.