ÖL . China braucht immer mehr Öl, und die heimischen Vorräte reichen schon lange nicht mehr. Darum müssen Verträge mit ausländischen Lieferanten her. Die besorgen die Kader in Peking und die drei grossen Ölkonzerne PetroChina, Sinopec und CNOOC mit beispielloser Geschwindigkeit und ohne Rücksichtnahme auf eventuelle internationale Gepflogenheiten. PetroChina vorneweg: Chinas grösster Ölkonzern schloss kürzlich zwei langfristige Abkommen über Lieferungen von Roh- und Brennstofföl mit dem venezolanischen Konzern Petroleos de Venezuela (PDVSA). China stellt Venezuela Kredite über 4 Mrd Dollar zur Verfügung, im Gegenzug verdoppelt Venezuela seine Ölexporte in das Reich der Mitte. Hugo Chavez, Venezuelas Präsident und anerkannter Bad Boy der Weltpolitik, erklärte, dass der Export bis 2011 rund 1 Mio Barrel erreichen werde.

PetroChina wirft sein ganzes neu gewonnenes internationales Gewicht in die Waagschale. Mit über einer Billion Dollar ist das Unternehmen seit dem Börsengang im Oktober das nach Marktkapitalisierung wertvollste Unternehmen der Welt – und das erste überhaupt, das die Billionenmarke übertraf. Der Superlative nicht genug: 23,2% des gesamten Volumens aller in Schanghai gelisteten Aktien entfallen auf den Ölkonzern. Und trotzdem hält der chinesische Staat mit 85% immer noch die grosse Mehrheit. Ähnliches gilt für Sinopec (zu 76% staatlich kontrolliert) und CNOOC (70%).An den Machtverhältnissen wird sich so schnell nichts ändern. China wird spätestens 2010 die USA als grösster Energieverbraucher ablösen – die Versorgung mit dem Schmierstoff der Wirtschaft ist daher von vitalem politischem Interesse.

Öl ist noch zu billig

An Öl ist dabei kein Vorbeikommen. Auch wenn die International Energy Agency (IEA) stärkere Investitionen in erneuerbare und nukleare Energieformen anmahnt. Doch der Weg dorthin ist weit, Kohle und Öl dominieren. «Die Alternativen sind überschaubar», erklärt Christian Hofmann, der von Peking aus den Aktienfonds FIVV-Aktien-China-Select-Ul managt. «Kohle ist natürlich ein wichtiger Energieträger. Aber es gibt noch wenige moderne Ansätze, etwa Kohleverflüssigung. Allerdings gibt es inzwischen gesetzliche Auflagen für die Kraftwerkbetreiber. Sie müssen zu bestimmten Teilen auch in regenerative Energien investieren, etwa Windkraft.»Noch scheint das teure Öl den Chinesen billiger zu kommen. Regenerative Energien werden wohl erst dann richtig interessant, wenn die Vorräte im heimischen Daging, der zentralen Ölregion Chinas, zur Neige gehen und das Land komplett vom Ausland abhängig wird. Die besten Zeiten hat die Region jedenfalls hinter sich. Daher plant Peking: Bis 2020 sollen erneuerbare Energien immerhin zu 15% den chinesischen Energiehunger decken. Im Moment ist der Anteil noch nahezu bedeutungslos.1992 war China noch autark in Sachen Öl, in diesen Tagen müssen bereits 40% importiert werden; bis 2025, so Schätzungen, werden es 75% sein. «Wir müssen schnell neue Ölquellen finden», sagt Han Wenke vom Energy Research Institute, das dem Planungsministerium untergeordnet ist.Chinas Öldiplomatie ist dabei nicht wählerisch. Bad Boy Chavez ist ein Beispiel. Oder Länder, die von den USA und der Europäischen Union sanktioniert werden. Iran etwa. «China nimmt den Ärger mit dem Westen in Kauf, die Vertragswut kann man fast als verzweifelt bezeichnen», sagt Mike Green vom Washingtoner Center for Strategie and International Studies. «Die USA und China könnten sich in den kommenden Jahren wegen Öl durchaus in die Haare geraten, befürchtet Jin Riguang, ein Mitglied der chinesischen Regierung. Ärger gibt es immer wieder. PetroChinas Engagement im Sudan steht seit Jahren in der Kritik. Seit 1996 ist das Unternehmen dort mit der Entwicklung von Ölfeldern zugange. Trotz des Bürgerkriegs, der 300 000 Tote und zwei Mio Flüchtlinge forderte. Passenderweise blockierte China mögliche UN-Sanktionen gegen das Land und stellte sich gegen internationale Friedenstruppen für den Sudan.

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China zahlt 10 Prozent mehr

Aber China hat es auch nicht leicht. Sie sind immer noch relative Neulinge in der Explorationsszene. «Die aussichtsreichsten Gebiete haben meist schon die Shells und BPs dieser Welt an Land gezogen», sagt Analyst Guan Bin von Merrill Lynch. Oft müssen die Chinesen auch mehr bezahlen als die westlichen Unternehmen. «Im Schnitt 10% mehr», schätzt Jonathan Woetzel von McKinsey. In den vergangenen Jahren jedenfalls gaben PetroChina, Sinopec und CNOOC 15 Mrd Dollar für neue Ölfelder aus.Ohne Ölimporte wäre das in den vergangenen 28 Jahren durchschnittliche jährliche Wachstum von 9,7% nicht möglich gewesen. Das Wirtschaftswunder hat eine 80 Mio Menschen starke Mittelschicht hervorgebracht, die gerade erst ihre Lust am Konsum entdeckt hat. 1983 gab es noch keine privaten Automobile, inzwischen ist China weltweit der drittgrösste Absatzmarkt. Auch dank der staatlich kontrollierten Ölkonzerne.