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Coutts & Co: Um Kopf und Krone

Coutts-Sitz in Zürich: Gerüchte über ein Datenleck.

Die Traditionsbank ist im Umbruch. Da kommen Schlagzeilen über Datenlecks in der Schweiz und Bussen in Britannien ungelegen.

Von Samuel Gerber
am 18.04.2012

Alexander Classen liebt das Tempo. Zu nichts weniger als einem Aston Martin wolle er die Privatbank Coutts & Co umbauen, sagte er vor wenigen Monaten zur «Handelszeitung». Doch jetzt fällt der ehrgeizige Schweizer Chef des öftern mit Motorenschaden aus. Das weltweit tätige Traditionhaus, zu dessen illustrer Kundschaft Königin Elisabeth II. und Fussballstar David Beckham ge­hören sollen, macht dieser Tage nicht mit sportlichem Wachstum von sich reden – sondern mit Pannen und Problemen.

Das sind Probleme wie etwa in Deutschland. Steuerfahnder des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen erwägen offenbar, ein Paket ­Daten zu kaufen, die bei Coutts in Zürich entwendet wurden. Auch im Stammland Grossbritannien nehmen die Behörden Coutts in die Mangel. Die britische ­Finanzmarktaufsicht FSA verdonnerte das Institut in London kürzlich zu einer ­rekordhohen Busse von umgerechnet 12 Millionen Franken. Dies, weil es die Bank in schwerwiegender Weise unterlassen habe, griffige Vorkehrungen gegen Geldwäscherei zu treffen. Für Coutts, die wie ihre Konzernmutter Royal Bank of Scotland ihr Geschäft einem tiefgreifenden Umbau unterzieht, kommen die Schlagzeilen zur Unzeit. Sie verunsichern das Personal zusätzlich – und behindern die Bank im Rennen um Kundengelder.

Neugeld braucht Coutts dringend. Seit 2008 kämpft die Bank mit Abflüssen. Im internationalen Geschäft, das von Coutts & Co in Zürich geführt wird, wurden 2007 60,6 Milliarden Franken an Vermögen verwaltet. Ende 2011 waren es noch 38,5 Milliarden Franken. Damit wirtschaftet die Bank noch knapp im Bereich, wo Skaleneffekte spielen. Rückläufig sind auch Umsatz und Ertrag. Der Reingewinn halbierte sich von 85 Millionen Franken 2010 auf 40 Millionen Ende letzten Jahres. Für die nächsten Monate kündigte Chef Classen immerhin an, dass bei den Kundengeldern ein «gewisser Turnaround» stattfinden solle.

Die nackten Zahlen sind das eine. Die Wende in den Köpfen der Mitarbeiter ist schwieriger zu bewerkstelligen. Seit 2010 erlebt die Bank Personalrochaden in rascher Folge. Damals wechselte der langjährige Schweizer Co-Chef der Bank, Hans­peter Brunner, überraschend zur Generali-Tochter BSI. An die hundert Coutts-Mitarbeiter sollen Brunner damals gefolgt sein. Brunners Nachfolger, Gerhard Müller, konnte sich nicht lange an der Spitze halten. Schon im Frühling 2011 wurde er durch Classen ersetzt – und wechselte zu Konkurrentin EFG.

Zahlreiche Rochaden

Classen, ein angesehener Banker mit Karrierestationen bei Pictet, Goldman Sachs und Morgan Stanley, stürzte sich in seine Arbeit. Er forcierte die Rückbenennung – von RBS Coutts zu Coutts & Co – und fokussierte das auf viele Märkte verzettelte Geschäft der Bank. Die Personalfluktuation blieb hoch. So gab es Wechsel bei den Russland-Bankern, und das ­Lateinamerika-Team wurde vom Mutterhaus RBS letzten März an die Royal Bank of Canada verkauft. Das ist mehr als ein Symptom. Mehr und mehr bestimme London, was im von der Schweiz aus geführten internationalen Geschäft von Coutts zu geschehen habe, erzählen Kenner der Bank. Rory Tapner, der Chef der Vermögensverwaltungssparte des Mutterhauses RBS, führe Coutts an kurzer Leine. Die Unzufriedenheit nehme zu, wird berichtet.

Dass jetzt Unbekannte deutschen Steuer­fahndern Kundendaten von Coutts anbieten, könnte diesen Turbulenzen geschuldet sein. Coutts verfügt über ein Deutschland-Geschäft, dessen Geschichte weit zurückreicht. 2004 hatte die Bank mit der Bank von Ernst ­fu­sioniert. Diese wiederum gehörte seit 1994 der deutschen Hypovereinsbank, die über die Tochter vermögenden Deutschen Dienste in der Schweiz anbot. Coutts sagt dazu, dass übernommene Vermögen die gesetzlichen Rahmenbedingungen erfüllen müssten. Zu der Affäre in Deutschland heisst es bei der Bank: «Wir nehmen eine mögliche Verletzung des Bankkunden­geheimnisses sehr ernst.» Man habe aber keine Beweise, die auf ein Leck bei der Bank hindeuten würden.

Das Finanzministerium des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen hält sich seinerseits bedeckt zur Herkunft der angebotenen Daten. Über das weitere Vorgehen macht die Behörde aber keinen Hehl. «Wenn sich zielführende Hinweise finden, erwägen wir den Kauf. Das Risiko für ­Steuerhinterzieher, erwischt zu werden, ist unser wirksamstes Instrument.» Es gebe keine Veranlassung, von diesem Vorgehen abzurücken.

Martin Seevers, Experte für deutsches Steuerrecht bei der Revisionsgesellschaft Ernst & Young, warnt: «Es ist nicht auszuschliessen, dass die Daten existieren. Und glaubt man den angeblichen Kaufpreis, könnte dies auf Informationen von guter Qualität hindeuten.» Die deutschen Strafverfolgungsbehörden seien verpflichtet, bei Verdacht auf Steuerhinterziehung zu ermitteln – und sie kämen dank verbesserten Möglichkeiten auch in der Schweiz schneller zum Ziel. Banken und Kunden müssten deshalb handeln, statt zuzuwarten, so Seevers. «Es ist unwahrscheinlich, dass das nachgebesserte Abgeltungssteuer-Abkommen in seiner jetzigen Form bis Anfang 2013 in Kraft tritt.» Gerüchte über ein Datenleck belasteten zudem das ­Tagesgeschäft einer Bank erheblich.

«Unannehmbare Mängel»

Ironischerweise trifft der Verdacht aus Deutschland eine Bank, die nach eigenen Angaben nur noch deklarierte Gelder entgegennimmt. Auch das Mutterhaus RBS greift rigoros gegen Schwarzgeld durch – und hat die Bekämpfung von Geldwäscherei verschärft. Das ist allerdings nicht zuletzt den Pannen geschuldet, welche die britische Finanzaufsicht FSA ans Licht förderte. Die Behörde untersuchte vor dem Eindruck des Arabischen Frühlings, ob ­Finanzinstitute Gelder von Despoten ­angenommen hatten und wie gut die ­Abwehr von Geldwäsche funktionierte.

Was die Briten bei Coutts in London vorfanden, war niederschmetternd. Von 103 untersuchten Dossiers von politisch exponierten Kunden aus dem Nahen Osten und Osteuropa sei bei 73 eine mangelnde Kontrolle festgestellt worden. In fünf Fällen seien trotz Hinweisen auf kriminelle Aktivitäten keine Massnahmen getroffen worden. «Die Mängel sind un­annehmbar», so das Verdikt der Behörde letzten März. Das sah auch die britische Öffentlichkeit so, wo die Untersuchung hohe Wellen warf. Denn das Coutts-Mutterhaus RBS befindet sich seit der Finanzkrise in Staatsbesitz.

Ob auch Spuren in die Schweiz verfolgt wurden, will die FSA nicht kommentieren. Naheliegend wäre es. Obschon Coutts in Grossbritannien eigene Kundenbeziehungen pflegt, wird das globale Geschäft offiziell von Zürich aus geführt. Die Schweiz ist zudem das weltweite Buchungszentrum der Bank. Und die Massnahmen, die Coutts nun ergriffen habe, gälten «für alle Geschäftsbereiche», wie die FSA festhält. Dem Unternehmen zu­folge sind die Verbesserungen nun fast zur Gänze umgesetzt.

Die Schweizerische Finanzmarktaufsicht Finma will den Fall nicht kommentieren. Sinnigerweise leitete sie unter dem Eindruck der Geschehnisse in Nahost im Frühjahr 2011 ebenfalls eine Untersuchung ein. Die Aufsicht wollte wissen, wie hiesige Banken mit Politiker-Geldern umgehen; bei vier Instituten wurde darauf eine genauere Prüfung eingeleitet, die noch andauert. Ob Coutts unter diesen ­Instituten figuriert, sagt die Finma nicht.

Versteckte Agenda?

Unter diesen Vorzeichen erscheinen die Wachstumspläne von Coutts-Chef Classen mehr als sportlich. Bis 2015 will Coutts 100 Milliarden Franken Vermögen verwalten und dazu massiv investieren. Beobachter vermuten jedoch eine versteckte Agenda. RBS trimme die Privatbank fit, um sie später zu einem möglichst hohen Preis zu verkaufen. In Britannien arbeitet der Regulator an neuen Regeln, welche die Banken zwingen, ihre Geschäftssparten voneinander abzugrenzen. Für die Grossbank hätte das zur Folge, dass sie ihr Geschäft schrumpfen muss, schreiben Analysten der UBS. Bankexperte Edward Firth von Macquarie in London hält es für möglich, dass Coutts verkauft wird – allerdings nicht in nächster Zukunft. Coutts selber will solche «Spekula­tionen» nicht kommentieren.

Bei einem Verkauf würde der Vergleich mit Sportwagen-Bauer Aston Martin ­jedenfalls zutreffen. Dieser wechselte in seiner Geschichte fünf Mal den Besitzer.

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