Die Schuldenkrise in Europa hat einen Höhepunkt erreicht – ist die Gemeinschaftswährung Euro zum Scheitern verurteilt?

Es ist nach beiden Seiten weiterhin alles offen. Allerdings haben die jüngst getroffenen Massnahmen die ­Risiken einer Eskalation vermindert. Neue Regierungen in Griechenland und Italien mit klarem Auftrag und Willen, dazu allgemeinhin klare Bekenntnisse zu Rettungspaketen sowie die Ebnung des Wegs in Richtung Fiskalunion sollten dazu führen, dass sich die Situation weiter stabilisiert und der Euro auch über 2012 eine im Vergleich zu anderen traditionellen Währungen stabile Weltleitwährung bleiben sollte.

Mit dem Schlingern der Euro-Zone steigt der Aufwertungsdruck auf den Franken. Kann die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihr Kursziel von 1.20 Franken je Euro halten?

Die SNB wird mit dieser risikoreichen, aber wirksamen Strategie erfolgreich sein, wenn sich die Gefahren in der Euro-Zone abschwächen. Sollte sich dort die Lage aber wieder zuspitzen und eine massive Flucht in sogenannte sichere Häfen wie den Franken auslösen, wird die 1.20-Franken-Marke nur schwer zu halten sein. Da wir aber per Stand heute genau vom Gegenteil ausgehen, sehen wir eine mittelfristige Rückkehr in eine Bandbreite von 1.25 bis 1.30 Franken je Euro als aktuell realistischstes Szenario an.

Einen Weg aus der Krise böte die Inflationierung der Schuldenlast – gleichzeitig droht nun die Gefahr einer Deflation. Welches Szenario ist für 2012 wahrscheinlich?

In den nächsten Jahren ist überwiegend mit einem Inflationsschub zu rechnen. In den Schwellenländern befinden wir uns bereits in ­einem sichtbaren Inflationsumfeld; die traditionellen Kernregionen wie die USA, Grossbritannien und Teile der europäischen Kernmärkte werden in diesem Trend nachfolgen. Dagegen ist in der Euro-Zonen-Peripherie nicht zuletzt wegen der jüngsten Massnahmenpakete gegen die Euro-Krise die Deflation das vorherrschende Thema.

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Angesichts der zahlreichen Risiken haben sich viele Anleger aus dem Markt verabschiedet. Doch bei welchen Investments würde sich jetzt der Einstieg lohnen?

Aktien bieten Potenzial, speziell jene aus der Euro-Zone, wenn die Krise weiterhin so massiv bekämpft wird wie über die letzten beiden Mo­nate. Chancen bieten auch Anlagen aus den Schwellenländern – Aktien, Anleihen und Währungen –, wenn der Infla­tionsdruck nachlässt. Die Lage bleibt aber sehr volatil, markante Rückschläge sind jederzeit möglich.

Morgen in dieser Serie: Thomas Steinemann, Chefstratege, Bank Vontobel