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Daniel Kalt: «Uns droht eine Japanifizierung»

Daniel Kalt ist ein Schweizer Banker (UBS), fotografiert am Mittwoch (3.4.19) an der Pelikanstrasse 19 in 8001 in Zürich für ein Interviewgespräch. Foto: Sebastian Magnani
Daniel Kalt: «Die Rivalität zwischen den USA und China wird noch Jahrzehnte andauern.»Quelle: Sebastian Magnani

Der Chefökonom der UBS Schweiz erläutert die Gefahren einer Rezession und hofft, dass das Wahljahr 2020 US-Präsident Trump mässigen wird.

Von Sandra Willmeroth
am 29.04.2019

Die Konjunktur steht am Scheideweg. Wie beurteilen Sie das Risiko, dass wir in eine Rezession schlittern?
Daniel Kalt: Vieles hängt jetzt von den nächsten drei, vier Wochen ab. Da werden einige der Themen, die die Weltwirtschaft beeinflussen, entweder gelöst oder sie eskalieren. Im zweiten Halbjahr 2018 wurden die ersten Anzeichen einer Verlangsamung in Europa sichtbar. Die vorlaufenden Indikatoren sanken und das hat, in Kumulation mit dem Handelskrieg zwischen den USA und China, den drohenden Zöllen für die europäische Automobilindustrie und der Gefahr eines ungeordneten Brexit, bei vielen Firmen auf die Stimmung gedrückt. Doch dann ist die amerikanische Notenbank ab Januar massiv zurückgerudert und hat signalisiert, dass dieses Jahr wohl keine Zinserhöhungen mehr kommen; das hat geholfen.

Damit ist ein Zinsschritt in Europa aber wieder in weite Ferne gerückt. Wann werden wir in der Schweiz wieder Zinsen über null sehen?
Im Moment haben alle Notenbanken signalisiert, dass sie die Zinsen weiterhin tief halten werden. In diesem unsicheren Umfeld wird die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Zinsen nicht vor der Europäischen Zentralbank (EZB) anheben und die EZB hat einen ersten Zinsschritt auf frühestens Anfang 2020 verschoben. Gehen wir von einer Zinsnormalisierung im Quartalsrhythmus aus, wird es im besten Fall bis Ende 2020 dauern, bis wir in der Schweiz überhaupt wieder an der Null-Linie sind.

Ist das nicht eine schon fast zu optimistische Einschätzung?
Es hängt alles stark davon ab, ob der nun zehn Jahre dauernde globale konjunkturelle Aufschwung noch drei oder vier weitere Jahre anhält. Nur dann haben Europa und die Schweiz eine Chance, aus dem Nullzinsumfeld herauszukommen. Ansonsten droht eine Japanifizierung Europas und wir stecken in einer Stagnation fest und können nicht mehr mit den herkömmlichen geldpolitischen Instrumenten gegensteuern.

Verlangt ein solches Szenario nicht nach ganz neuen geldpolitischen Instrumenten?
Es wird derzeit im Internationalen Währungsfonds (IWF) bereits diskutiert, mit welchen Konzepten und Mechanismen die Notenbanken die Zinsen auf –4 Prozent bis –6 Prozent drücken könnten. Auch radikalere Ansätze erhalten jetzt öffentliche Aufmerksamkeit, wie die höchst umstrittene Modern Monetary Theory (MMT), die den Nationalbanken das ungebremste Drucken frischen Geldes zur Finanzierung staatlicher Aktivitäten ermöglichen will.

Wer zahlt die Zeche für die anhaltende Nullzinspolitik?
Die Sparer und künftigen Pensionäre in kapitalgedeckten Rentensystemen, weil diese ihre Renditen nicht mehr generieren können, die sie brauchen, um die künftigen Renten zu bezahlen.

Das grösste konjunkturelle Risiko ist derzeit der Handelskrieg zwischen den USA und China. Hält der amerikanische Präsident Donald Trump das Schicksal der Weltwirtschaft in Händen?
Er hat es in der Hand, wie schnell das potenzielle Rezessionsrisiko steigt. Wenn er jetzt in den Verhandlungen mit China einen Deal zustande bringt und keine zusätzlichen Zölle auf europäische Fahrzeuge erhebt, wären die wesentlichen Unsicherheitsfaktoren beseitigt. Dann haben wir eine Chance, dass die Weltwirtschaft noch einmal durchstartet und wir die dringend benötigte Verlängerung um weitere zwei Jahre bekommen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie das?
Das ist unser wahrscheinlichstes Szenario. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen in den USA im Herbst 2020 wäre es für Trump nicht ideal, sich weiterhin wie ein Elefant im Porzellanladen aufzuführen und die Verunsicherung noch stärker zu schüren. Denn sollte das der Fall sein, könnte die US-Konjunktur schon ab diesem Herbst in Richtung einer Rezession steuern, was sich in den USA dann sehr schnell an den Arbeitsmarktdaten ablesen liesse. Und sollte die Arbeitslosigkeit im Wahljahr Trumps ansteigen, ist das für die Republikaner natürlich nicht ideal.

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Aber die Durchsetzung der US-Interessen gegenüber den Chinesen und der deutschen Automobilindustrie würde ihm bei seiner Wählerschaft doch eher Pluspunkte bringen?
Sicher, das hilft ihm, aber er will vor den Wahlen ja auch unbedingt als grösster Job-Creator aller Zeiten dastehen, und daher kann es nicht in seinem Interesse sein, einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu riskieren. Deshalb hoffen wir, dass dieser Wahltermin im Herbst 2020 ihn in seinem Aggressivitätsgrad restringiert und er eine Art Waffenstillstand oder einen Etappensieg verkünden kann, sodass der Streit über die nächsten Monate nicht weiter eskaliert.

Wird der Handelskrieg zwischen den USA und China je beigelegt werden können?
Die Rivalität zwischen den USA und China wird noch Jahrzehnte andauern. Der US-Präsident mag nicht der charmanteste sein und die Art und Weise, wie er agiert, ist auch nicht gerade sehr sympathisch, aber er hat durchaus einen Punkt. China hat sich über die letzten 25 bis 30 Jahre beeindruckend entwickelt und strebt nun mit dem Strategiepapier «Made in China 2025» die Weltführerschaft in zehn Schlüsseltechnologien an. Dennoch wird China von den westlichen Industrienationen noch immer wie ein Schwellenland behandelt und genoss dadurch einen erleichterten Zugang zu den westlichen Absatzmärkten. Insofern hat Trump schon recht, wenn er nach gleich langen Spiessen verlangt und von China erwartet, dass es seinen Markt nun auch öffnet. Und China wird nicht das einzige Land bleiben, welches diesen Gegenwind zu spüren bekommt. Als Nächstes wird Trump sich Indien vornehmen.

Trump schiesst auch zunehmend gegen internationale Zusammenschlüsse wie Nato, WTO oder IWF. Kann er den gesamten internationalen Handel gefährden?
In gewisser Weise demontiert er gerade den Multilateralismus der Welt. Über die Effizienz der internationalen Zusammenschlüsse lässt sich sicher streiten, aber all diese Institutionen, die wir seit dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben, sind dazu da, globale Probleme anzugehen und den internationalen Handel in gelenkten Bahnen stattfinden zu lassen. All das demontiert der US-Präsident zu einem Zeitpunkt, an dem die Nationalstaaten in der globalisierten und digitalisierten Welt zunehmend überfordert sind. Das zeigt sich deutlich im Umgang mit globalen und den grossen Internetkonzernen.

Deren Besteuerung deshalb auch gerade neu diskutiert wird. Künftig sollen globale Konzerne dort Steuern zahlen, wo sie auch Umsatz generieren, und nicht dort, wo sie ihren Sitz haben. Wäre das für die Schweiz nicht fatal?
Die Steuerreform will ja die bislang gültige privilegierte Besteuerung von Statusgesellschaften aufheben, weil das ein Schweizer Regime ist, das mit den internationalen Vorstellungen darüber, wie man Firmen besteuert, nicht mehr ganz kompatibel ist. Aber den Kantonen werden mit der Reform auch neue Möglichkeiten in die Hände gegeben, mit denen sie ihre Attraktivität als Unternehmensstandort aufrechterhalten können, wie beispielsweise neue und höhere Abzugsmöglichkeiten für forschungsintensive Unternehmen. Damit sollen sich vor allem Firmen hier niederlassen, die hoch innovativ sind und intensiv forschen. Wird die Reform hingegen abgelehnt, laufen wir erneut Gefahr, auf schwarze oder mindestens dunkelgraue Listen zu kommen und als Steueroase gebrandmarkt zu werden.

Der Wachsame

Name: Daniel Kalt

Funktion: Chefökonom Schweiz und regionaler Chief Investment Officer Schweiz, UBS

Alter: 50

Wohnort: Region Baden

Familie: verheiratet, zwei Kinder

Ausbildung: Promotion 2000 an der Universität Bern in Volkswirtschaftslehre, Lizenziat 1996 in VWL an der Universität Zürich

Wie gefährlich kann der Brexit für die europäische Wirtschaft werden?
Es gibt Studien, die besagen, dass die britische Wirtschaft im Falle eines harten Brexit einen Einbruch von 5 bis 7 Prozent erleben könnte. Das gäbe also eine recht tiefe Rezession in Grossbritannien, die den Rest von Europa ein halbes Prozent Wachstum kosten würde. Da wir in Kontinentaleuropa derzeit etwa nur noch bei 1 Prozent Wachstum liegen, wäre ein halbes Prozent aufgrund des Brexits relativ gesehen viel. Das ist sicher nicht gut für Europa, aber wir glauben, dass ein harter Brexit als isoliertes Ereignis die Weltwirtschaft nicht in den Abgrund reissen wird. Zumal dann nicht, wenn die Handelskonflikte beigelegt werden können.

Was raten Sie Anlegern in diesen konjunkturell spannenden Zeiten?
Im weitgehend risikolosen Bereich gibt es wenig zu machen. Anleihen in Schweizer Franken sind ein wahnsinnig schwieriges Thema, weil die realen Renditen über Jahre hinweg negativ sind. Es war jetzt lange in Mode, dass man die Kreditleiter hoch und in die schlechteren Ratings gegangen ist, weil damit noch positive reale Zinsen zu vereinnahmen sind. Dieses Spiel ist aber auch weitgehend ausgereizt. Als Beimischung können Anleihen aus Schwellenländern eine Option sein, sie werfen etwa 6 bis 7 Prozent ab, und selbst wenn man den Dollar in Franken absichert, bleibt unterm Strich noch etwas übrig.

Dann bleiben nur noch Aktien?
Es bleibt sonst nicht viel übrig, als breit diversifiziert in Aktien zu investieren. Dividendentitel sind da interessant, weil sie etwas wertbeständiger und in der späten Phase des Zyklus sicher besser sind als zyklische Titel. Wenn der Aufschwung noch anderthalb bis zwei Jahre weiterläuft, können Aktien weiterhin gut performen. Denn in den letzten drei, vier Konjunkturzyklen haben die Aktienmärkte erst sechs Monate vor der Rezession effektiv begonnen zu sinken. Sehr oft war in der Vergangenheit die letzte Phase vor dem Knick sogar die beste Phase an den Aktienmärkten.

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