Anastassios Frangulidis ist Chefstratege der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Er erklärt, was hinter dem gleichzeitigen Anstieg zahlreicher Anlagen steckt.

Herr Frangulidis, sind die Anleger zu sorglos geworden?
Anastassios Frangulidis: Die Situation ist tatsächlich unüblich. Sämtliche Anlageklassen – Aktien, Anleihen, Rohstoffe, Immobilien – verzeichneten dieses Jahr ansehnliche Zugewinne. Die Vergangenheit lehrt uns, dass solche Bewegungen vorab in Phasen der Reflationierung vorkommen: Die Rezession ist überwunden, und die Notenbanken unterstützen die Erholung nach Kräften mit Liquidität. Genau das scheint heute wieder der Fall zu sein.

Die Märkte vertrauen blind auf die Notenbanken?
Die Investoren sind eben gerade nicht blind! Die Notenbanken wie etwa die amerikanische Fed geben mittlerweile Ausblicke auf zwei, drei Jahre hinaus. Das erleichtert die Arbeit für Investmentprofis und Analysten ungemein, weil der Faktor Geldpolitik recht berechenbar wird. Die Notenbanken wollen die Märkte beruhigen, was ihnen auch gelingt. Das führt aber manchmal zu Sorglosigkeit oder Unbekümmertheit bei den Investoren, wie das derzeitige Ausbleiben von ­grossen Kursschwankungen belegt. Doch der Trend zeigt klar in Richtung höherer Vermögenspreise und führt damit am Ende zu grösserer Volatilität.

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Der nächste Crash also?
Sollten wir erneut in eine Rezession ­gelangen, dann wird der Korrekturbedarf an den Börsen gross sein. Deshalb dürfen die Investoren eben nicht der Sorg­losigkeit verfallen – obwohl in den ­nächsten zwei Jahren nicht mit einem solchen Szenario zu rechnen ist.

Doch wer aus lauter Vorsicht nicht investiert, den bestraft das Leben?
Wir erleben insbesondere am Aktienmarkt einen extrem starken Aufwärtstrend, der seit dem Tiefpunkt vom Mai 2009 fast ungebrochen anhielt und seit dem sogenannten Draghi-Put der Europäischen Zentralbank (EZB) im Sommer 2012 noch an Schwung gewinnt. Von Banken, Pensionskassen und anderen professionellen Vermögensverwaltern wird erwartet, dass sie bei diesem Trend mittun und für ihre Kunden Gewinne ­einfahren.

Und dann werden sie kalt erwischt, wenn die Lage plötzlich dreht?
Die Gefahr von Schocks ist natürlich vorhanden. Da ist etwa das Konflikt­potenzial in der Ukraine, im Mittleren Osten und nicht zuletzt in Fernost ­zwischen China und Japan. Ein weiteres Risiko wäre ein erneutes Aufflammen der Euro-Krise. Derzeit haben die EU-Länder dank der Geldpolitik der EZB Zeit gewonnen, um Strukturreformen durchzuführen und ihre Wirtschaft auf Wachstum zu trimmen. Doch in Ländern wie Frankreich kommen die Reformen nicht richtig voran.

Was ist die Folge?
Wenn die Investoren sich wieder die Frage zu stellen beginnen, wie die EU-Staaten ihre gewaltigen Schulden begleichen wollen, kann die Euro-Zone rasch wieder in die Krise zurückfallen. Der dritte ­Gefahrenherd wäre ironischerweise eine rasche Erholung der USA. Dann müsste die Fed die Zinsen schneller als bisher kommuniziert steigern – und das wäre Gift für die Börsen.

Was tun Anleger, um ein Polster gegen solche Schocks aufzubauen?
Der wohl beste Schutz für Privatanleger ist es, der eigenen Anlagestrategie treu zu bleiben und nicht der einen oder anderen Stimmung zu verfallen. Dazu gehört ein regelmässiges Rebalancing der Anlagequoten – denn wenn die Anlagen an Wert gewinnen, vergrössert sich auch das Gewicht im Portefeuille.

Und wo lockt an den Finanzmärkten das meiste Potenzial?
Wir erwarten dieses vorab an den Aktienmärkten. Interessant als Region ist vor allem Europa, weil dort die Bewertungen aufgrund der bestehenden Unsicher­heiten noch nicht so hoch sind wie in den USA, Japan oder der Schweiz. Nach langen Jahren der Rezession bieten europäische Firmen auch das grösste Überraschungspotenzial bei den Gewinnen.