Eigentlich wollte Renaud Laplanche 2006 ein Jahr lang Auszeit nehmen. Dann aber las der aus Frankreich in die USA ausgewanderte Rechtsanwalt das Kleingedruckte seiner Kreditkartenrechnung: Knapp 20 Prozent jährlich Zinsen für einen Kredit, während die Bank auf Spareinlagen damals nur noch 3 Prozent zahlte. In der Zinsspanne witterte Laplanche ein Geschäft.

Der heute 44-Jährige gründete 2007 in San Francisco den Lending Club. Nun, neun Jahre später, hat er bereits mehr als 4 Milliarden Dollar Kredite an Konsumenten vermittelt. Im Vergleich zu 3 Trillionen Dollar an ausstehenden Konsumentenkrediten ist das noch verschwindend wenig. Doch das Lending-Club-Portfolio wächst jedes Quartal um eine Milliarde neuer Kredite.

Wertvoller als Nasdaq

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Die Börse vergoldete Laplanches Idee im Dezember: Binnen fünf Stunden waren die angebotenen Aktien vergriffen und sein Unternehmen mit 5,4 Milliarden Dollar bewertet – wertvoller zum Beispiel als die Technologiebörse Nasdaq. Lending-Club-Aktien stiegen am ersten Handelstag um 56 Prozent. Wall Street bejubelt Online-Marktplätze, die alte Strukturen aufbrechen und die früheren Vermittler ausschalten. Was der Fahrtenvermittler Uber für Taxis bedeutet oder der Online-Händler Amazon für den Einzelhandel, schafft Lending Club im Konsumentenkreditgeschäft. Denn Lending Club geht nicht etwa selbst Kreditrisiken ein, sondern ist nur der Vermittler, der für seine Services Gebühren bei den Kreditnehmern und den Geldgebern erhebt.

Lending Club hilft nämlich beiden: «Wir geben jeder Seite einen besseren Deal, als sie ihn woanders finden würde», sagt Laplanche. Kreditnehmer, die unabhängig von ihrer Bonität von Kreditkartenunternehmen mit wahnwitzig hohen Zinsen belegt werden, fahren so viel besser. Und Anleger, die angesichts von Minizinsen selbst für zehnjährige US-Anleihen nach Rendite suchen, finden hier im Schnitt 8 Prozent Return im Jahr. «Lending Club wird extrem schnell wachsen, weil traditionelle Banken versagen, das Kreditbedürfnis von Konsumenten und Kleinunternehmen zu bedienen», erwartet Mark Palmer vom amerikanischen Brokerhaus BTIG.

Kreditkartenschulden refinanzieren

Bislang beschränkte sich Lending Club auf Kredite mit einer Maximalhöhe von 35'000 Dollar, die über wahlweise drei oder fünf Jahre laufen. Klassischerweise refinanzieren Schuldner ihre Kreditkartenschulden, für die sie meist zwischen 16 und 18 Prozent pro Jahr Zinsen zahlen, durch eine Offerte von Lending Club mit durchschnittlich 13 Prozent. Hier werden die Kredite dann in Tranchen zu 25 Dollar aufgebrochen, sodass Kreditgeber ihr Ausfallrisiko über viele verschiedene Personen aufteilen können.

Das führt laut Lending Club für Kapitalgeber zu ­attraktiven Renditen von 8 Prozent nach Gebühren und Zahlungsausfällen. Im Schnitt nur 3 und 4 Prozent der Kredite von Lending Club werden notleidend. Das liegt am strengen Auswahlverfahren. Acht bis neun von zehn Kreditsuchenden werden abgewiesen: Bei der Bewertung hilft ein Algorithmus, der nicht nur das Kreditrating und andere Angaben beurteilt, sondern etwa auch das Profil in Sozialnetzwerken.

Kunden werden genau differenziert

Zielkundschaft für Lending Club sind nicht etwa Leute, die bei Banken keinen Kredit erhalten würden, sondern Menschen, die sehr kreditwürdig sind und eigentlich niedrigere Zinsen angeboten bekommen sollten. Doch trotz ihrer vermeintlichen Expertise differenzieren die Kreditkartenunternehmen nicht zwischen Kunden mit unterschiedlicher Bonität, sondern bieten allen die gleichen Kreditzinsen. Lending Club dagegen differenziert genau unter seinen Kunden und teilt sie in 35 verschiedene Untergruppen ein, die unterschiedliche Zinsen zahlen. Die besten erhalten Kredit für nur 7 Prozent Zinsen.

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Der Fokus auf die Kunden mit guter Bonität hat Lending Club zum Branchenprimus gemacht, der fast viermal grösser ist als sein nächster unabhängiger Konkurrent. Prosper, ein kleinerer Mitstreiter, der früher am Start war, wäre mit weniger handverlesenen Kreditkunden fast kollabiert, als viele vor allem in der Finanzkrise nicht zurückzahlten.

Privatleute verleihen an Privatleute

Weitere Anbieter sind OnDeck Capital und Kabbage für Kredite für Kleinunternehmen. Schon hat der Kreditkartenabieter Discover Financial Services haus­intern ein Ratenkreditportfolio aufgebaut, das ganz nach Lending Clubs Parametern funktioniert und mit 4,7 Milliarden Dollar sogar schon grösser ist als Lending Club. Andere Kreditkartenunternehmen haben auf diesen Trend noch nicht reagiert.

Während bei Lending Club zunächst wirklich Privatleute anderen Privatleuten Geld zu besseren Konditionen liehen, machen inzwischen Ins­titutionen wie Hedgefonds, Versicherungen und Stiftungen mehr als drei Viertel der Geldgeber für die Kreditsuchenden bei Lending Club aus. Und weil die Kriterien, bei Lending Club zugelassen zu werden, so streng sind, brauchen die Kreditsuchenden sich auch nicht mehr mit genauen Schilderungen, wofür sie das Geld brauchen, zu rechtfertigen – dass sie hier ihre Anfrage überhaupt präsentieren dürfen, ist den Geldgebern Legitimation genug.

Zusammenarbeit mit Banken

Ähnlich wie beim Flashtrading versuchen die Hedgefonds auch bei den Peer-to-Peer-Krediten, ihre Server möglichst in der Nähe von Lending Club aufzustellen, um ihren Konkurrenten um Sekundenbruchteile zuvorzukommen. Dazu schreiben sie eigene Algorithmen, um aus den Kreditgesuchen bei Lending Club mit einer eigenen Formel die attraktivsten herauszufiltern. Das Marktpotenzial für Lending Club ist sehr hoch: «Wir haben bislang nur an der Oberfläche gekratzt. Super-Prime- und Prime-Kunden haben ausstehende Kreditkartenschulden in der Höhe von 360 Milliarden Dollar», sagt Laplanche.

Zugleich aber gibt es Risiken für Lending Club: Ihr Algorithmus zur Bewertung der Kreditrisiken hat sich bislang nur in einer im Aufschwung befindlichen Konjunktur bewährt. Offen ist, wie sich die Ausfallquote in einer Rezes­sion erhöhen würde. Angesichts des schnellen Wachstums und der Ausweitung hin in andere Kreditbereiche ist fraglich, wie lange die US-Bank­regulatoren tatenlos zusehen werden. Gehen die Wachstumsprognosen auf, dürfte Lending Club Ende 2017 bereits ein Portfolio von Krediten in Höhe von 30 Milliarden Dollar vermittelt haben. Müsste sich Lending Club in den US-Bundesstaaten mit aufwendigen Backoffice und Eigenkapital aufstellen, würden die Kosten in die Höhe schnellen – Lending Club hat dafür aber keinerlei Rückstellungen gebildet. «Eigentlich ist Lending Club wie ein Hypothekenunternehmen, das Kredite durchreicht», analysiert das Brokerhaus Sterne, Agee & Leach, «es verdient eine Gebühr beim Vermitteln der Hypothek und dann eine Servicegebühr für die Verwaltung.»

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Tellerwäscherkarriere prägt Gründer

Laplanche kommt ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Frankreich, studierte Jura in Montpellier. Für eine Anwaltskanzlei siedelte er nach New York um, gründete dort die Softwarefirma TripleHop Technologies , die er 2005 an Oracle verkaufte. Für die zog er nach Kalifornien um. Der Franzose ist ein Arbeitstier: Als Kind in Frankreich arbeitete er regelmässig drei Stunden vor Schulanfang im Gemüseladen seines Vaters. Seit dem Börsengang wird sein Vermögen auf mindestens 223 Millionen Dollar ­geschätzt.

In Zukunft wird Lending Club immer stärker mit Banken und anderen Unternehmen zusammenarbeiten. Die Union Bank in San Francisco offeriert ihren Kunden bereits Lending Club, anstatt eigene Kredite zu verkaufen. Auch Google will jetzt seinen Unternehmenspartnern, die ihre Cloud-Produkte vermarkten, als Anreiz von Google finanzierte Unternehmenskredite über Lending Club vermitteln.

Who is Who der Finanzbranche im Aufsichtsrat

Die Finanzbranche hat Laplanche längst den Adelsschlag gegeben: Im Aufsichtsrat von Lending Club sitzt John Mack, der Morgan Stanley durch die Weltfinanzkrise führte und zuvor für drei Jahre als CEO der Credit Suisse fungierte. Der ehemalige Wirtschaftsberater des US-Präsidenten Barack Obama und Harvard-Präsident Larry Summers ist ebenfalls im Aufsichtsrat. «Um das Bankensystem wirklich zu verändern, ist es hilfreich, die Leute, die es aufgebaut haben, mit im Boot zu haben», sagt Laplanche. «Wir kombinieren diese Expertise mit dem Silicon-Valley-Ansatz, mit Technologie die Sache zugunsten des Konsumenten aufzumischen.»