Staatsanleihen aus etablierten Industrienationen, die in der Vergangenheit sichere Häfen mit stabilen Renditen waren, werfen keinen oder kaum noch Ertrag ab. Das Phänomen ist in diversen Staaten rund um den Globus zu beobachten. Zehnjährige Schweizer Staatsanleihen notieren mit 0.2 Prozent derzeit auf einem Renditetiefstand. Vor einem Jahr lagen die Zinsen noch bei rund 1.3 Prozent.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei deutschen Bundespapieren: Zu Jahresbeginn sank die Rendite auf das Rekordtief von weniger als 0.45 Prozent, vor Jahresfrist lag sie noch bei knapp zwei Prozent. Anleihen des hoch verschuldeten japanischen Staates notieren ebenfalls deutlich unter dem Vorjahreswert auf einem Allzeittief. Amerikanische Bonds sind keine Ausnahme: Während ein Investor vor einem Jahr fast drei Prozent Rendite erzielte, sank diese am Mittwoch auf unter zwei Prozent.

Spiegel der Konjunktur

Normalerweise deuten tiefe Zinsen bei etablierten Staatsanleihen auf wirtschaftliche Krisen hin. Oder schlimmer noch: Auf eine hartnäckige und anhaltende Deflation, wie John Bennett, verantwortlich für Aktien Europa bei Henderson Global Investors, vor wenigen Wochen warnte. Und tatsächlich: Die Weltwirtschaft ist schwächer ins neue Jahr gestartet, wie die am Dienstag veröffentlichten Umfragen unter Einkaufsmanagern zeigen.

Auch die Gefahr sinkender Preise ist gewachsen. So rechnen der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Vitor Constancio, und der Chef der deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, inzwischen mit negativen Inflationsraten für die Euro-Zone in den kommenden Monaten – auch wegen des heftig gesunkenen Ölpreises. Die jüngsten Eurostat-Zahlen bestätigen diesen Trend: Die Konsumentenpreise sanken in der Euro-Zone im Dezember um 0.2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie gestern gemeldet wurde.

Selbst in China wächst die Deflationsgefahr

Die Gefahr einer Deflation ist jedoch nicht auf die Euro-Zone beschränkt. Die Experten der Zürcher Konjunkturforschungsstelle Kof und die Schweizerische Nationalbank (SNB) prognostizieren der Eidgenossenschaft ebenfalls sinkende Preise: Für 2015 rechnet die SNB mit einem Rückgang um 0.1 Prozent. Selbst in den grossen Schwellenländern sinken die Inflationsraten deutlich: Die Ökonomen der Citigroup halten die Deflationsgefahr selbst in der chinesischen Volkswirtschaft für real. All das treibt Investoren in als sicher geltende Staatspapiere.

Die neuen Tiefstwerte im Bondmarkt sind jedoch keineswegs nur Spiegel der Konjunktur. «Die Schweiz entwickelt sich relativ robust», sagt Karsten Linowsky, Zinsstratege der Credit Suisse. Dass die Renditen für festverzinsliche Anleihen derzeit in den Keller rauschen, begründet er vor allem mit der expansiven Geldpolitik. Damit steht er nicht allein.

Experten warnen vor Investitionen in Staatsanleihen

Der Hintergrund: Die EZB stemmt sich mit Negativzinsen und einem Aufblähen der Bilanz gegen die europäische Konjunkturschwäche. Es wird erwartet, dass EZB-Präsident Mario Draghi schon bald mit dem grössten Staatsanleihenaufkaufprogramm in der Historie Europas Ernst machen wird. Damit beginnt der lang erwartete Massnahmenkampf zwischen der SNB und der EZB, sagt Marktanalyst Laurent Bakthiari von der IG Bank. Vor allem Anleihen südeuropäischer Staaten dürften aufgekauft werden – das dürfte die Zinsen für diese Staatspapiere weiter drücken.

Die erhöhte Liquidität im Markt dürfte die Nachfrage nach Staatsanleihen zusätzlich anheizen und die Rendite auf festverzinslichen Obligationen weiter senken, meint deshalb auch CS-Zinsexperte Linowsky.

Finger weg von Obligationen

Wegen dieser Entwicklungen raten Experten derzeit davon ab, gross in Obligationen zu investieren – so etwa die Analysten der Citigroup. Staatsanleihen sollten sowohl kurz- als auch mittelfristig, das heisst in den kommenden beiden Jahren, untergewichtet werden, sagt Christina Böck, Investmentchefin für die Schweiz bei Axa Investments.

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