MIKROFINANZ . Die Idee hinter Mikrokrediten ist die Hilfe zur Selbsthilfe: Kleinstkredite an arme Menschen in Entwicklungsländern sollen den Aufbau einer Existenzgrundlage und finanzielle Unabhängigkeit ermöglichen. Das Thema liegt im Trend. Nicht umsonst hat die Uno das Jahr 2005 zum Mikrofinanzjahr ernannt. Aushängeschild und Pionier der Branche ist Muhammad Yunus, Gründer der Grameen-Bank, der 2006 zum Friedensnobelpreisträger gekürt wurde.

Immer mehr Investoren legen ihr Geld in Mikrokrediten an. Im Gespräch macht der charismatische Botschafter der Armen aus Bangladesch aber deutlich: Das Geld aus dem Westen ist in seiner Institution nicht erwünscht. Die Grameen-Bank arbeite lokal, jede Zweigstelle müsse das Geld dort finden, wo sie arbeite, sagte Yunus am Rande des SMG-Forums zur «Handelszeitung». Das grosse Problem bei ausländischen Investoren sieht Ökonom Yunus im Wechselkursrisiko: Je nach Entwicklung der Kurse könne der Kreditnehmer bei der Rückzahlung der Zinsen ausbluten. Er betont auch, dass sich eine Anlage in Mikrokredite nicht für gewinnmaximierende Anleger eigne: «Wer Mikrofinanz-institute unterstützt, sollte dies aus dem Bedürfnis tun, armen Menschen zu helfen.» Erstrebenswert sei für die Mikrofinanzinstitute zwar durchaus, kostendeckend zu sein, bei der Höhe der von Kreditnehmern zu bezahlenden Zinsen zieht er aber klare Grenzen (siehe «Nachgefragt»).

Finanzielle und soziale Rendite

Wenig Verständnis für Yunus’ Plädoyer für Gewinnbeschränkung hat der CEO von Responsability, einer auf Social Investment spezialisierten Firma, Klaus Tischhauser: «Wie viel Geld würde wohl in den Sektor fliessen, wenn wir den Investoren keine Rendite auszahlen würden», fragt er. Und antwortet gleich selbst: «Für uns ist die Abwägung zwischen finanzieller und sozialer Rendite keine Gratwanderung, ganz im Gegenteil. Wenn zu tiefe Zinsen verlangt werden, dann geht das Geld zu den falschen Leuten.» Responsability schreibt so auch keine Höchstzinssätze vor. «Das regelt der Markt», so Tischhauser. Am schlimmsten seien die Länder, in welchen Zinsobergrenzen festgeschrieben würden, da ersticke der Mikrofinanzsektor gleich im Keim. Wer sich für eine festverzinsliche Anlage bei Responsability entscheidet, darf mit Renditen rechnen, die leicht höher als das Geldmarktniveau sind, sagt Tischhauser. Die Rendite des Responsability Global Microfinance Fund (Valor 1714930) beläuft sich seit Anfang Jahr auf 4,18%. Neben Responsability arbeitet auch das Unternehmen Blue Orchard im Mikrofinanzsektor. Die Genfer Firma bietet u.a. den «Dexia Micro- Credit Fund», (ISIN: LU0136928586) an, seit Anfang 2007 rentierte das auf Franken lautende Vehikel 2,45%.

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NACHGEFRAGT 
«Kreditnehmer könnten ausbluten»

Muhammad Yunus, Friedens-Nobelpreisträger

Welchen Einfluss hat die Kreditkrise auf den Mikrofinanzsektor?

Muhammad Yunus: Einen positiven Einfluss. Man nimmt uns jetzt ernst. Anleger stellen sich die Frage: Wieso funktioniert es bei Grameen und bei uns nicht? Uns hat die Finanzkrise nämlich nicht getroffen. Der Grund, weshalb diese Subprime-Krise entstanden ist, ist folgender: Die Banken wissen nicht, wie sie Geschäfte mit Menschen mit wenig oder gar keinem Vermögen angehen müssen. Für die Banken stellen arme Menschen sofort ein hohes Risiko dar. Aber unser Geld kommt von lokalen Kontoinhabern und die Rückzahlungsquote ist bei 98 bis 99%.

Europäer und Amerikaner investieren Geld in Mikrofinanz. Könnte es sein, dass im Falle einer Rezession die Mittel plötzlich ausbleiben?

Yunus: Das könnte gut sein, und deshalb denken wir, dass Geldinvestitionen aus dem Ausland in die Grameen-Bank keine gute Idee sind. Das Geld sollte von dort kommen, wo es wirken soll. Wieso sollte also eine Mikrofinanzgesellschaft nach New York oder Genf gehen, um Geld zu finden?

Auch in der Schweiz gibt es mittlerweile etablierte Organisationen und Fonds im Mikrofinanzsektor. Was denken Sie über diese?

Yunus: Ein grosses Problem bei ausländischen Kreditgebern ist, dass häufig der Kreditnehmer das Währungsrisiko trägt – das kann ihn ausbluten. Gut wäre hingegen, wenn ausländische Mikrofinanzorganisationen Garantien an lokale Banken abgeben würden, sodass in lokaler Währung ausgeliehen werden kann. Aber meiner Meinung nach sollten Mikrokredite nicht als Möglichkeit betrachtet werden, Geld zu verdienen. Wer sich engagiert, sollte dies aus dem Bedürfnis tun, armen Menschen zu helfen.

Im Mikrofinanzsektor werden häufig die hohen Zinssätze kritisiert. Wo sehen Sie die Grenze?

Yunus: Mikrofinanz sollte zwar nicht gewinnmaximierend sein, aber ein nachhaltiges Programm, das die Kosten deckt. Normalerweise braucht es 8 bis 10%, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn alle betrieblichen Aufwände so gedeckt werden können, dann ist das Mikrokreditprogramm in Ordnung. Wenn mehr als 15% Zinsen verlangt werden, gibt es dafür keine Entschuldigung.

Mikrofinanz ist – auch durch ihren Nobelpreis – zum Trend geworden. Was sind die Wachstumsperspektiven für die nächsten Jahre?

Yunus: In Bangladesch wächst der Sektor recht gut. 80% der armen Familien haben dort bereits Zugang zu Mikrokrediten. Das Ziel ist, bis 2012 ganze 100% zu erreichen, sodass alle Familien Zugang zu Mikrokrediten haben. Das könnte für jedes Land der Welt gelten: Zwei Drittel der Weltbevölkerung haben noch keinen Zugang zu finanziellen Mitteln.

Wie sollen Schweizer Investoren vorgehen, die sich für Mikrofinanz interessieren?

Yunus: Sie könnten eine lokale Mikrofinanzbank gründen. Oder in eine wohltätige Mikrofinanzgesellschaft investieren.