Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Noch ist das alljährliche Schaulaufen der Unternehmen vor ihren Aktionären im Gang. Die grosse Mehrheit der börsenkotierten Schweizer Gesellschaften hat ihre Geschäftsergebnisse bereits rapportiert. Es sind beileibe nicht durchwegs erfreuliche Zahlen. Für lange Gesichter haben etwa die Zurich Insurance Group, LafargeHolcim und Industriewerte wie Schindler oder Zehnder gesorgt. Aber auch die Top-Werte Nestlé, Roche und Novartis vermochten die Erwartungen nur teilweise zu erfüllen. Das raue wirtschaftliche Umfeld mit Währungsturbulenzen, der China-Absturz und die Negativzinsen liessen viele optimistische Vorhersagen Makulatur werden.

Doch allen Widrigkeiten zum Trotz: Die Aktionäre dürfen sich auch dieses Jahr freuen. Auf Basis der bisher publizierten Abschlüsse haben nämlich neun von zehn börsenkotierten Firmen die Ausschüttungen an ihre Teilhaber halten oder sogar steigern können. Dividendenkürzungen oder -ausfälle gibt es nur bei jedem zehnten Unternehmen. Leer gehen beispielsweise die Transocean- und Alpiq-Aktionäre aus.

38 Milliarden Franken an Dividenden

Nach provisorischen Berechnungen werden die 20 besten Dividendenzahler (siehe Bildergalerie) 2016 rund 38 Milliarden Franken verteilen, rund 1 Milliarde mehr als im Vorjahr. Seit dem Frühling 2005 haben sich die Ausschüttungen dieser Top-Dividendenzahler nahezu verdoppelt. Und dies, obschon es im vergangenen Dezennium beileibe nicht an Krisen und Katastrophen mangelte und sich auch heute vielerorts Problem auf Problem türmt.

Doch bei vielen grossen, aber auch kleinen Schweizer Unternehmen geht der geschäftliche Aufschwung weiter, beinahe wie wenn nichts Negatives geschehen wäre. Einige Aktienexperten sprechen zwar von tendenziell eher enttäuschenden Ergebnissen: Die Gewinne der Schweizer Unternehmen dürften 2015 um rund 10 Prozent zurückgegangen sein, sagt beispielsweise Christian Gattiker, Leiter Research bei der Bank Julius Bär.

Stetig wachsender Anteil

Die monatlichen Gewinnschätzungen der Analysten für den Schweizer Aktienmarkt sind anderseits von Dezember bis und mit Februar im Durchschnitt um 4 Prozent gestiegen. Und die Liechtensteiner LGT traut den helvetischen Firmen im laufenden Jahr Gewinnfortschritte von 10 Prozent zu. Ob die Gewinne nun leicht rückläufig sind oder ob sie noch weiter steigen, die Aktionäre kommen in jedem Fall auf ihre Rechnung. Denn von der gesamten Gewinnsumme fliesst ein stetig wachsender Anteil in ihre Taschen.

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Gerade wegen des schwierigen Wirtschaftsumfelds zahlen viele Firmen die erwirtschafteten Profite nämlich lieber an ihre Anteilseigner aus, als diese zu investieren oder damit zu akquirieren. Deshalb ist der ausgeschüttete Anteil am Gewinn der Firmen auf mehr als 60 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren war es erst etwas mehr als ein Drittel.

Konzerne können sich hohe Ausschüttung leisten

Die grossen Schweizer Unternehmen verfügen unisono über sehr starke Bilanzen. Sie können es sich deshalb locker leisten, eine höhere Ausschüttungsquote zu fahren, sind sich die Schweizer Aktienanalysten einig. In der Tat: Die Ausschüttungen gehen keineswegs an die Substanz der Unternehmen. Denn diese verfügen über ausreichend flüssige Mittel, um weiter zu investieren. Die meisten Firmenchefs haben zudem erkannt, dass die Anleger auf stetige und ganz speziell stetig steigende Dividenden pochen.

Wo das der Fall ist, haben in der Vergangenheit auch die Aktienkurse äusserst positiv reagiert. Im Fall von Actelion, der Ems Chemie, Geberit und Schindler kletterten die Kurse innerhalb von zehn Jahren um mehr als das Dreifache, bei Lindt & Sprüngli um das Zweieinhalbfache. Die Aktien der wenig dividendenstabilen Unternehmen der Finanzbranche notieren dagegen im dunkelroten Bereich. Allen voran jene der UBS und der CS Group.

Finanzbranche muss liefern

Auf den ersten Blick scheint es für die helvetischen Top-Unternehmen schlicht nicht möglich, die aktuellen Gewinne im laufenden und im nächsten Jahr zu egalisieren oder gar zu übertreffen. Dazu scheint das währungsmässige und konjunkturelle Umfeld zu herausfordernd. Und doch: Bei vielen Gesellschaften scheint das keineswegs ausgeschlossen. Bei den Grossen der Finanzbranche beispielsweise sind weitere deutliche Verbesserungen der Gewinne durchaus realistisch.

Für die UBS und die CS Group sind sie nach den krassen Fehlleistungen der vergangenen Jahre sogar ein Muss. Und beide haben die Weichen für weitere Verbesserungen bereits gestellt. Die Ergebnisse der beiden Pharmagiganten Novartis und Roche sowie das von Nestlé sollten sich wie bis anhin kontinuierlich weiter verbessern.

Aktionäre dürfen sich weiter auf steigende Dividenden freuen

Konklusion: Die Unternehmensgewinne der Schweizer Firmen werden trotz Frankenschock und harzender Konjunktur weiter wachsen. Davon sind auch die beiden Anlagestrategen Mikio Kumada von der Liechtensteiner LGT Capital Partners und Lars Edler von Sal. Oppenheim überzeugt. Wohl zu Recht: Denn nach ersten Analystenschätzungen werden mit Ausnahme von Swisscom und der Swatch Group alle Top-Dividendzahler (siehe Tabelle) ihre Ausschüttungen im Geschäftsjahr 2016 steigern können. Gute Karten haben aber nicht nur die grosskapitalisierten Blue Chips, sondern auch eine ganze Reihe von Unternehmen aus der zweiten Reihe. So haben etwa Lindt+Sprüngli, Baloise, Ems Chemie, Sika und Galenica mit starken Zahlen aufgewartet. Desgleichen relativ kleine Unternehmen wie Forbo, Gurit, Helvetia, Interroll und Komax.

Aus heutiger Sicht markiert der reichliche Ausschüttungssegen von diesem Frühjahr noch nicht den Höhepunkt. Aktionäre dürfen sich im Gegenteil bereits jetzt auf den nächsten und wohl auch auf den übernächsten Dividendenfrühling freuen.