Wo soll man anfangen? Schwächelnde Weltwirtschaft, schwelender Handelsstreit, Zuspitzung in der Brexit-Auseinandersetzung, Proteste in Hongkong und nicht zu vergessen: Der US-amerikanische Konflikt mit dem Iran. Kurz: Die Liste der globalen Unsicherheiten für die Aktienmärkte ist lang. Deren negativer Einfluss auf die Weltwirtschaft ist längst Realität.

«Anfang 2018 wuchs die globale Industrieproduktion noch um vier Prozent. Heute bewegt sich das das Wachstum zwischen 0,6 und 0,7 Prozent», sagt Anastassios Frangulidis, Chefstratege von Pictet Asset Management. Steht uns also in den nächsten Monaten eine grössere Korrektur an den Börsen bevor?

Die Aussagen von Anlagen-Experten zeigen auch eine gute Nachricht: Der Crash an den Bösen wird ausbleiben. Vielmehr sind die Aussichten bei den Aktienmärkten weitaus vielversprechender als es die vielen negativen Nachrichten vermuten lassen, und das vor allem in der Schweiz.

«Langfristiger Aufwärtstrend geht weiter»

Jörn Spillmann, Chefstratege der ZKB, ist überzeugt, dass der lange Aufwärtstrend an den Aktienmärkten, der seit Ende der Finanzkrise von 2008 anhält, anhalten wird. Zwar sind die Aktienmärkte volatil und das konjunkturelle Wachstum verlangsamt sich. Aber: «Die expansive Geldpolitik der Notenbanken wirkt einer Rezession entgegen.» Zudem sind Alternativen wie Anleihen derzeit äusserst teuer, das heisst für Spillmann: «Es gibt derzeit keine Alternative zu Aktien.»

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Hinzukommt ein wichtiger Faktor, der hiesige Anleger auf dem Schweizer Heimatmarkt freuen dürfte. «Der Schweizer Aktienmarkt hat gegenüber Europa, USA und anderen Regionen entscheidende Vorteile: Es gibt keine nennenswerten politischen Querelen und der Markt ist in viel grösserem Masse von Unternehmen dominiert, die weniger sensibel auf Konjunkturschwankungen reagieren.» Vor allem der Healthcare-Bereich ist hier zu nennen.

Ähnlich sieht es Caroline Hilb, Leiterin Anlagestrategie bei der SGKB: «Während Industrieunternehmen Schwierigkeiten haben, können Schwergewichte ihr defensives Potenzial ausspielen.» Doch die Anlageexpertin weisst zudem darauf hin, dass selbst Industrietitel in der Schweiz durchaus Aufholpotenzial besitzen. «Ich denke da vor allem an Titel wie Schindler, Belimo oder SGS», sagt Hilb.

Und noch etwas spricht derzeit für Aktien. «Die Cash-Bestände sind derzeit hoch, während die Aktienbestände zuletzt heruntergefahren wurden. Das birgt Potenzial für Aktien», sagt Roland Egger von der Privatbank Lombard Odier.

Probleme in der Industrieproduktion

Doch bei aller Zuversicht sollten die Probleme, die insbesondere vor der schwächelnden Industrieproduktion ausgehen, nicht unterschätzt werden. Diese Woche vermeldeten auch die USA eine Schrumpfung der Industrie. Der Einkaufsmanager-Index fiel unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten und steht so tief wie seit Janaur 2016 nicht mehr.

«Wenn der Handelsstreit anhält, ist es eine Frage der Zeit, bis sich das negativ auf den Arbeitsmarkt auswirkt.»

Anastassios Frangulidis, Chefstratege von Pictet Asset Management
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Pictet-Chefstratege Frangulidis warnt: «Wenn der Handelsstreit weiter anhält und die globalen Industrieunternehmen weiter belastet, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das negativ auf den Arbeitsmarkt auswirkt.» Zudem: Wenn die Beschäftigung unter Druck gerät, leidet darunter der Konsum. Eine rezessive Entwicklung sei dann nicht mehr unwahrscheinlich, sagt Frangulidis.

Doch auch der Pictet-Experte sieht gerade bei den derzeitigen Unsicherheiten den grossen Vorteil im Schweizer Aktienmarkt. «In einem Umfeld sinkender Gewinne möchte ich in Firmen investiert sein, bei denen sich die Gewinnrückgänge in Grenzen halten und deren Geschäfte weniger abhängig vom Zyklus sind. Beides findet sich überproportional in der Schweiz

Wie entwickeln sich SMI und SPI?

Was heisst das jetzt alles für die Entwicklung des Schweizer Aktienmarktes? Zunächst weisen die Experten darauf hin, dass vor allem die Entwicklungen im Handelsstreit praktisch nicht vorherzusehen sind. Trotzdem wagt Caroline Hilb eine Prognose für den SMI, der in ihren Augen bis Ende Jahr durchaus bis auf 9500 Punkten fallen könne. Das sei allerdings keine grosse Katastrophe.

Trotzdem gebe es Titel und Sektoren, in denen für Anleger derzeit was zu holen sei. Im Bereich Small- und Mid-Caps setzt Hilb Hoffnungen in Valora und Vontobel, die sie gut aufgestellt sieht. Auch Ascom biete sich derzeit an.

«Unser 3-Monatsziel für den SPI steht derzeit bei 12'250 Punkten»

Jörn Spillmann, Chefstratege der ZKB
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Etwas optimistischer ist Roland Egger von Lombard Odier, der den SMI zum Jahresende «leicht höher» sieht, ohne eine genaue Zahl zu nennen. Allerdings hält auch er fest: «Es steht und fällt mit dem Handelskonflikt.» Auch ZKB-Experte Spillmann glaubt an Kurssteigerungen bei Schweizer Aktien. «Unser 3-Monatsziel für den SPI steht derzeit bei 12'250 Punkten», sagt der Experte für Schweizer Aktien. Derzeit steht der Swiss Performance Index, der neben den SMI-Titeln den breiten Markt miteinschliesst, bei etwa 12'044 Punkten.

Auch wenn die Kurse in nächster Zeit weiterhin volatil bleiben dürften, sei der Schweizer Aktienmarkt mit seinen defensiven Sektoren gut gerüstet und sollte besser performen als andere Märkte, so Spillmann. Grössere Verwerfungen am Schweizer Markt sieht auch Pictet-Experte Frangulidis nicht. Er sieht den SMI Ende Jahr in der Range zwischen 9500 und 10'000 Punkten.

Dieser Artikel erschien zuerst bei cash.ch mit dem Titel: «Börsen geraten ins Wanken - wie geht es weiter?»

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