Wenn Roger Federer in London auf Rafael Nadal trifft, müssen sich beide Spieler keine Sorgen ums Portemonnaie machen. Für das Erreichen des Halbfinals erhielten die Tennisstars in diesem Jahr in Wimbledon 588'000 Pfund – mehr als genug für die Deckung der laufenden Kosten, auch bei einer grossen Entourage, wie derjenigen von Federer. Doch nicht alle Teilnehmer können sich so glücklich schätzen.

In einem Beitrag in der Zeitschrift «Forbes» beschreibt der Aufschlag-Spezialist John Isner, was ein Tennisprofi für die Teilnahme an Wimbledon alles zu stemmen hat. So koste ihn alleine die Miete eines Hauses für sich und seine Familie in der Nähe des All England Clubs rund 30'000 Pfund. Sein Fazit: «Das Preisgeld von 45'000 Pfund für die erste Runde in Wimbledon würde das Turnier wegen der Flüge, Löhne und Spesen für mein Team zum Verlustgeschäft für mich machen.»

Im Gegensatz zu Profis in Mannschaftssportarten wie Fussball oder Basketball seien Tennisprofis eigene kleine Unternehmen, argumentiert Isner. Hohe Fixkosten stehen dabei unsicheren Preisgeldern gegenüber, die von der Tagesform und dem Auslosungsglück abhängen können.

Vor diesem Hintergrund erscheint das Preisgeld, das in Wimbledon mit zu den höchsten auf der Tennistour gehört, gar nicht mehr so exorbitant hoch.

Der Ausrichter All England Lawn Tennis and Croquet Club (AELTC) erhöht das Preisgeld Jahr für Jahr. Und er kann sich dies leisten: Trotz dem Verzicht auf Sponsoren – Firmenpartner heissen in Wimbledon«Ausrüster» («Suppliers») und sind nur mit kleinen Werbeaufschriften präsent – ist das Turnier in London eine Geldmaschine geworden.

Fünf Grafiken zum grossen Geschäft auf dem «heiligen Rasen».

Fast 3 Millionen Franken für den Sieger

Der Wimbledon-Sieger erhält in diesem Jahr 2,35 Millionen Pfund (umgerechnet 2,91 Millionen Franken). Doch die Hälfte der 256 Männer und Frauen am Turnier wurden bereits in der ersten Runde eliminiert und dürften teilweise Verluste geschrieben haben, auch wenn nicht alle Spieler im hinteren Teil des Rankings mit einem Team wie Isner unterwegs sind.

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Isner selbst scheiterte in diesem Jahr in der zweiten Runde und hat mit einem Preisgeld von 72'000 Pfund zumindest seine Kosten gedeckt. Finanziell zufrieden dürften etablierte Spieler wohl aber frühestens ab der vierten Runde sein, wofür sie 176'000 Pfund erhalten.

Preisgeld hat sich in 50 Jahren vertausendfacht

Seit dem Beginn der sogenannten Open Era im Jahr 1968 ist das Preisgeld in Wimbledon explodiert. So erhielt Rod Laver im ersten Profiturnier 2'000 Pfund für den Sieg. Siegerin Billie Jean King bekam sogar nur 750 Pfund und damit weniger als das Männer-Doppel. Die gesamte Preissumme belief sich auf 26'150 Pfund.

Bis 1986 war das Preisgeld auf über 2 Millionen Pfund angewachsen. Und auch der Gender Pay Gap war nicht mehr ganz so gross. Für Boris Becker als Gewinner bei den Männern gab es 140'000 Pfund, für Martina Navratilova 126'000 Pfund. Lohngleichheit von Frauen und Männern wurde in Wimbledon erst 2007 erreicht.

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Dieses Jahr schüttet der Veranstalter 38 Millionen Pfund an die Teilnehmer aus, 11,8 Prozent mehr als im Vorjahr.

Fernsehrechte als Haupteinnahmequelle

Während Wimbledon wegen seiner Geschichte zweifellos das bedeutendste Turnier im Tennis ist, bleibt es beim Umsatz klar hinter dem US Open zurück. Dieses ist zu einem 350-Millionen-Dollar Unternehmen angewachsen. AELTC setzte mit den Wimbledon Championships dagegen 2018 rund 255 Millionen Pfund um, was umgerechnet etwa 317 Millionen Dollar entspricht.

Beide Veranstalter schlüsseln ihren Umsatz nicht auf. AELTC schreibt im Geschäftsbericht lediglich, dass «mehr als die Hälfte des Umsatzes» aus den Übertragungsrechten fürs Fernsehen stammt. Weitere «bedeutende Einnahmequellen» für Wimbledon seien Ticketverkäufe und die offiziellen Ausrüster. « Forbes» schätzte deren Beitrag im Jahr 2018 auf jeweils rund 50 Millionen Dollar.

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Die Diskrepanz zwischen Prestige und Einnahmen ergibt sich aus den Traditionen, die in Wimbledon gross geschrieben werden. Die Werberegeln sind streng, die Stadien sind kleiner als in New York und die Ticketpreise sind tiefer. Dennoch stieg der Umsatz in den letzten Jahren stetig an.

Marke gegen Marke

Vermarktung spielt in Wimbledon eine weit geringere Rolle als bei anderen Sportveranstaltungen. Die Werbefläche auf der weissen Kleidung der Spieler – auch diese ist vorgeschrieben – ist auf 10 cm mal 10 cm beschränkt. Wenn nun der Uniqlo-Vertreter Federer auf den Nike-Träger Nadal trifft, erhalten die Marken also nur einen diskreten Auftritt.

Grosse Werbebanner um den Court fehlen völlig. Die offiziellen Ausrüster sind mit kleinen Logos auf den Plätzen vertreten, nehmen aber keine dominante Rolle ein.

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Dauer der Partnerschaft: möglichst ewig

So entgehen Wimbledon zwar Werbeeinnahmen, doch dafür werde die eigene Marke gestärkt, sagte Mick Desmond, Medienverantwortlicher bei AELTC gegenüber «Forbes»: «Unsere Philosophie eines ‹sauberen Tennisplatzes› ist das Herz unserer Marke und wird von Ausrüstern und Fernsehsendern respektiert und geschätzt.» 

Zur Tradition von Wimbledon gehört auch die langjährige Zusammenarbeit mit den wenigen auserwählten Ausrüstern. 14 Firmen arbeiten zur Zeit mit dem Veranstalter zusammen, wobei die Bälle seit 117 Jahren von Slazenger kommen. Der Genfer Uhrenhersteller Rolex ist schon seit 1978 offizieller Zeitgeber.

AELTC ist eine Non-Profit-Organisation und die Gewinne aus dem Turnier in Wimbledon werden an die Lawn Tennis Association of Great Britain weitergegeben. So sollen sie der Förderung des Rasentennis zugute kommen. Investitionen in die Infrastruktur, zum Beispiel die ausfahrbaren Dächer für den Centre Court und den No. 1 Court, werden über Schuldscheine finanziert.

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Profil bewahrt

Mit diesem System kamen in den letzten Jahren jeweils rund 40 Millionen Pfund fürs britische Tennis zusammen. Dank den Dächern dürften die Einnahmen in Zukunft noch steigen, weil die fürs Fernsehen ungünstigen Regenunterbrechungen seit diesem Jahr schon auf zwei Plätzen vermieden werden können.

Gerade in solch behutsamen Neuerungen liegt das Erfolgsgeheimnis von Wimbledon, das sich sein Profil als nicht-überkommerzialisiertes, reines Sportevent bis heute bewahrt hat.