Die Migros Bank startet eine Preisoffensive im Markt für Kleinkredite. Was erhoffen Sie sich davon?

Harald Nedwed: Wir können uns gut vorstellen, dass wir das heutige Volumen von rund 600 Mio Fr. innert Jahresfrist verdoppeln. Erstes Ziel ist dabei, ein gutes Produkt zu einem günstigen Preis anzubieten. Dank einem neuen Informatiksystem können wir die Abwicklung über den Internetkanal effizienter gestalten. Diese Einsparungen geben wir an den Kunden weiter.

Für Online-Kleinkredite nehmen Sie neu 5,9% Zins - die Konkurrenz verlangt teils das Doppelte. Verzichten Sie auf die Marge, um Volumen zu bolzen?

Nedwed: Die 5,9% sind sicher kein Dumping-Angebot, wir werden diesen Satz konstant halten und verdienen auch Geld damit. Es ist doch auffällig: Obschon wir in einer Tiefzinsphase sind, haben die Kreditgeber ihre Konditionen bisher nicht angepasst - ganz anders bei den Hypotheken, wo wir seit Monaten einen vehementen Preiskampf erleben. Das ist nicht fair. Die Branche glaubt weiterhin, dass bei den Privatkrediten kaum Preissensitivität vorhanden ist. Anlässlich unserer zweimonatigen Testaktion im letzten Sommer haben wir aber einen grossen Ansturm erlebt. Das beweist das Gegenteil.

Kommt es jetzt zu einem Preisrutsch bei den Privatkrediten?Nedwed: Ob andere Anbieter nun nachziehen, kann ich nicht beurteilen. Das hängt wohl auch davon ab, wie viele Kunden nun zu uns wechseln werden. Eine weitere Frage ist, wie weit die anderen Anbieter aufgrund ihrer Kostenstruktur in der Lage sind, die Zinsen zu senken.

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Allerdings gilt der tiefe Zins nur, wenn die Kunden den Kredit online aufnehmen. Damit schaffen Sie doch schon mal eine Eintrittshürde?

Nedwed: Mit der Online-Lösung kann der Kunde selbst besser beurteilen, ob der Kredit zu seinem Budget passt. Die Testphase hat gezeigt, dass die Verlagerung aufs Internet funktioniert. Wir erwarten, dass über 90% der Kreditanträge online erfolgen.

Die Nummer eins im Geschäft mit Kleinkrediten in der Schweiz ist GE Money Bank. Just diese gibt aber zusammen mit dem Migros Konzern die M-Budget- Kreditkarte heraus. Ihre Aktion sorgt doch sicher für böses Blut zwischen den Partnern?

Nedwed: Es ist nicht unsere Aufgabe, für das Glück unserer Konkurrenten zu sorgen. Und wir handeln in diesem wie in allen unseren anderen Geschäftsfeldern als eigenständiges Konzernmitglied.

Ist die Strategie denn richtig, in einem von der Krise geprägten Umfeld auf steigende Konsumkredite zu setzen?

Nedwed: Sie haben recht, die konjunkturelle Lage ist immer noch gedämpft, wenn auch die Prognosen auf eine deutliche Besserung hinweisen. Ausserdem fahren die Schweizer typischerweise in einem schwierigen Wirtschaftsumfeld ihren Konsum zurück und nehmen weniger Kredite auf. Wenn der Zins aber auf ein sehr günstiges Niveau herunterkommt, dann könnte schon eine neue Nachfrage geschaffen werden. Auch, weil unser Privatkredit gegenüber dem Leasing jetzt in vielen Fällen günstiger abschneidet - und dies ohne die Auflagen, die ein Leasingvertrag mit sich bringt. Aus diesem Markt heraus erwarten wir folglich ebenfalls einen Zuwachs.

Ihr Bild von den vorsichtigen Schweizern in Ehren - aber muss jetzt nicht vermehrt damit gerechnet werden, dass Kunden ihre Kredite nicht zurückzahlen können?

Nedwed: Wir haben bisher keine Anzeichen, dass sich die Zahlungsmoral der Kreditnehmer verschlechtert hat. Wir rechnen auch nicht mit höheren Ausfällen. Das durchschnittliche Monatseinkommen bei unseren Privatkreditkunden liegt bei 6400 Fr. - das sind also durchaus gut verdienende Leute. Und unsere Ausfallsrate beträgt nur 0,25%. In der Branche ist man schon zufrieden, wenn man auf 1% herunterkommt.

Trotzdem: Kann das Kleinkreditgeschäft das fehlende Wachstum im Hypotheken-Bereich ausgleichen? Dort stagnierte die Migros Bank 2009 ja mit 3% Steigerung.

Nedwed: Wir sind mit dem Wachstum bei den Hypotheken zufrieden, zumal wir strikt an unseren Richtlinien bei der Kreditvergabe festhalten. Doch schon rein vom Volumen her lassen sich diese beiden Bereiche nicht vergleichen, das Hypothekargeschäft ist weit grösser. Das Hypothekengeschäft läuft weiter stabil, wir erwarten 2010 ein ähnliches Wachstum wie 2009. Was wir feststellen, ist eine gewisse Euphorie aufseiten der Kunden: Die tiefen Zinsen könnten dazu verleiten, das Haus noch ein wenig grösser zu planen, ohne an die langfristigen Kosten zu denken. Da machen wir als Bank nicht in jedem Fall mit - denn die Zinsen werden irgendwann ganz sicher wieder steigen, weshalb das Hypothekargeschäft mit einer langfristigen Optik betrieben werden muss.

Bahnt sich im Wohnimmobilien-Markt eine Blase an?

Nedwed: Das würde ich so generell nicht sagen. Hier gilt es zu bedenken, dass die Schweizer lieber auf vieles andere verzichten, bevor sie ihr Eigenheim verkaufen. Aber sicher könnte ein starker Anstieg der Zinsen für einige Immobilienbesitzer schmerzhaft werden.

Sie warnten auch schon vor fragwürdigen Belehnungsgrenzen und Dumping- Angeboten ?

Nedwed: Wir stellen seit dem letzten Jahr vermehrt fest, dass wenn wir Kreditanfragen aufgrund unserer konservativen Risikopolitik zurückweisen, es für solche Kunden offenbar leicht ist, das Geschäft mit einem anderen Anbieter zu machen.

Auch im Private Banking sind die Margen branchenweit rückläufig. Wie kommt die Mirgros Bank dort voran?

Nedwed: Das sieht bei uns sehr gut aus, wir sind dort Preisführer. So konnten wir die Zahl der wohlhabenden Kunden im Segment Premium Banking innerhalb von drei Jahren um rund 50% auf 43 000 erhöhhen. Unsere Herausforderung liegt jetzt in der Aufgabe, die Wahrnehmung der Migros Bank noch stärker als Private-Banking-Partner zu verankern. Das gelingt uns leider noch zu wenig.

Was tun Sie dagegen?

Nedwed: Wir werden dieses und nächstes Jahr auf der Marketingschiene noch einiges machen. Aber es ist mir bewusst, dass dies ein langer Prozess sein wird.

Das Problem ist, dass alle Privatbanken wegen den Schwierigkeiten im Offshore-Geschäft den Heimmarkt neu entdecken.

Nedwed: Das Offshore-Geschäft wird für den Schweizer Bankensektor zu einer immer kleineren Ertragsquelle. Da wir nie eine Offshore-Strategie verfolgt haben, betrifft uns dies nur indirekt, weil die anderen Anbieter ihre auf hohe Margen ausgerichteten Kapazitäten nun vermehrt auf die inländischen Kunden ausrichten. Ich bin aber überzeugt, dass nicht alle erfolgreich sein werden. Denn der Schweizer Kunde hat hohe Anforderungen an Qualität und ist vor allem preisbewusst. Trotzdem: Der Kampf um den guten Schweizer Anlagekunden wird härter.

Wie kontern Sie?

Nedwed: Die Migros Bank hat den Vorteil, dass sie mit effizienten Systemen arbeitet und so von Skaleneffekten profitiert, um mit günstigen Konditionen zu punkten. Wir können zudem die ganze Produktepalette einer Universalbank anbieten, und mit der Ausweitung unserer Niederlassungen gehen wir noch näher an die Kunden heran. Private Banking ist ein Geschäft, das auf Nähe basiert.

 
Kleinkredit-Geber prüfen nun Anpassung ihrer Marktstrategien

Mit tiefem Zins und hochgefahrener Marketing-Kampagne will die Migros Bank Bewegung in den Markt für Kleinkredit bringen. Das könnte durchaus gelingen, wie die ersten Reaktionen der wichtigen Schweizer Anbieter zeigen. «Wir beobachten die Marktentwicklung sowie die Rahmenbedingungen für die Beschaffung von Fremdkapital laufend», heisst es bei der Cashgate, hinter der Raiffeisen und verschiedene Kantonalbanken stehen. Was im Klartext bedeutet, dass die anderen Anbieter jetzt genau ausloten, welche Zinsminderungen gegenüber den Refinanzierungskosten möglich sind. Auch die Credit-Suisse- Tochter Bank NOW, mit 30% Anteil die zweitstärkste Kraft am Markt, bestätigt, dass Zinsanpassungen von Mitbewerbern in die Geschäftsstrategie einfliessen.

Robert Oudmayer, CEO der Marktführerin GE Money Bank Schweiz mit einem geschätzten Anteil über 40%, will ebenfalls nicht tatenlos zusehen, wie die Migros Bank an Terrain gewinnt. «Wir haben verschiedene Aktionen für die Pflege unserer Stammkunden und die Gewinnung von Neukunden geplant.» Noch sei es aber zu früh, um abzuschätzen, ob die Tiefzinsaktion eine «marktrelevante» längerfristige Entwicklung sei, sagt Oudmayer auf Anfrage. Klar ist, dass im wenig dynamischen Kleinkredit-Markt Wachstum vorab auf Kosten der Konkurrenz erzielt wird. Das schafft noch mehr Zugzwang.(sg)