1. Home
  2. Invest
  3. Das jähe Ende goldener Zeiten

Das jähe Ende goldener Zeiten

Imported Image

Schweizer Banken wie Credit Suisse, UBS und ZKB sind in die Milliardenaffäre um die kasachische BTA Bank verwickelt.

Von Nathalie Gratwohl und Samuel Gerber
am 21.10.2010

Der Mann leidet Todesängste. Selbst in seiner streng bewachten Villa an der noblen Bishops Avenue in London fühlt sich der 47-Jährige nicht mehr sicher vor dem kasachischen Geheimdienst. In seinem Heimatland gilt Mukhtar Ablyazov als Schwerverbrecher und Hauptfigur einer Milliardenaffäre im internationalen Bankgeschäft.
Ablyazov wird vorgeworfen, als früherer Präsident der BTA Bank in Kasachstan riesige Geldsummen unterschlagen zu haben – über Offshore-Gesellschaften, die ihm heimlich gehörten. Auch die BTA Bank hat ihn deshalb vor dem High Court in London eingeklagt.
Ablyazov, Mitgründer der kasachischen Oppositionspartei DCK, wehrt sich vehement gegen die Vorwürfe. Die Anschuldigungen seien rein politisch motiviert. Er sieht sich als Opfer des autoritären Regimes in seiner Heimat. Im Februar 2009 ist er nach London geflohen, kurz bevor die BTA Bank vom Staat gestützt werden musste. Seine Verteidiger von der Anwaltskanzlei Clyde & Co wollten sich gegenüber der «Handelszeitung» nicht zu den Fällen  äussern.
Der Beinahe-Zusammenbruch des grössten Kreditgebers im zentralasiatischen Land bescherte den Gläubigern, darunter den ersten Adressen der internationalen Hochfinanz, Abschreibungen von rund 6,8 Milliarden Dollar. Vor wenigen Wochen wurde die Restrukturierung der Schulden abgeschlossen.
Dabei sahen die Perspektiven in Kasachstan noch vor wenigen Jahren vielversprechend aus. Von 2003 bis 2008 pumpten ausländische Banken über 10 Milliarden Dollar in das Land, weil sie vom Boom profitieren wollten. Der aufstrebende Riesenstaat mit den reichen Öl- und Gasvorkommen sowie einem heiss laufenden Immobilienmarkt sorgte in der Finanzbranche für Goldgräberstimmung.

Aussergewöhnliche Restrukturierung

Bei der BTA Bank flossen die Gelder aus dem Ausland in Offshore-Firmen und in eine aggressive Auslandstrategie. Vor allem in Russland und in der Ukraine wurden gigantische Immobilienprojekte finanziert. Das ging so lange gut, bis die Bank von der globalen Finanzkrise getroffen und schliesslich zum Sanierungsfall wurde. «Abgesehen von Lehman Brothers und Dubai World handelt es sich bei BTA um die grösste Restrukturierung eines Finanzinstituts in der Finanzkrise», sagt Michael Foundethakis, Partner der Anwaltskanzlei Baker McKenzie, der das Gläubigerkomitee beraten hat.
Der Deal ist nicht nur sehr gross, sondern auch aussergewöhnlich. An der Gläubigerversammlung im Dostyk Hotel in der Finanzmetropole Almaty waren viele Vertreter anwesend, die sich so etwas wohl nie hätten träumen lassen. Denn ihre Forderungen gehörten zur Kategorie «trade finance». Laut Jan Klasen, Direktor der deutschen KfW und Mitglied des Gläubigerkomitees, ist es ein Novum, dass solche Handelsfinanzierungen zum Teil in die Restrukturierung einbezogen wurden.  
Die allermeisten Positionen auf der Forderungsliste, die bei der Registrierung zur Versammlung am Eingang auflag, zählen zur Kategorie Handelsfinanzierungen. Es handelt sich dabei um kleinere Beträge. Die Anleihengläubiger vertraten dagegen grössere Forderungen und setzten sich durch. Laut einem Anwesenden verlief die Versammlung, an der etwa 60 Personen teilnahmen, reibungslos. Denn die Streitgespräche hätten bereits im Gläubigerkomitee stattgefunden. Am Ende wurde das Restrukturierungspaket mit 92 Prozent der Stimmen angenommen.

Credit Suisse, UBS und ZKB involviert

An der Versammlung war auch Elmira Konkasheva anwesend, eine Vertreterin der Credit Suisse. Die Bank gehörte mit geschätzten 1,2 Milliarden Dollar zu den wichtigsten Kreditgebern. Davon muss sie aber etliche Risiken nicht selbst tragen, weil die Positionen abgesichert und massiv reduziert wurden. Ein CS-Sprecher betont, die Exposures der Bank gegenüber BTA seien «unbedeutend». Offen bleibt deshalb, an wen die Risiken weitergereicht wurden und wer die hohen Verluste am Ende verdauen muss.
Die Kredite der Credit Suisse werden aber auch in einer Klage aufgeführt. Der kasachische Staatsfonds, der bei der BTA eingestiegen ist, klagt gegen die BTA und «einige Gläubiger». Dabei handelt es sich um Transaktionen in der Höhe von 300 Millionen Dollar. Diese beziehen sich auf Kredite, welche die Credit Suisse –verschiedenen Gesellschaften auf den –Virgin Islands vergeben hat und die von der BTA garantiert wurden. Die Credit –Suisse will diese Klage nicht kommen–tieren.  
Weniger betroffen als die CS ist die UBS, welche die Restrukturierung der BTA Bank mitberaten hat. Die Grossbank hat praktisch nur Handelsfinanzierungen getätigt. Es handelt sich dabei um verschiedene meist kleinere Positionen. Laut einer Sprecherin sei das Engagement der UBS denn auch «sehr klein».
In der Forderungsliste taucht auch die Zürcher Kantonalbank mit einer Position von 5 Millionen Dollar auf. Die Bank hat zwar wegen der BTA noch kein Geld verloren, musste jedoch laut einer Sprecherin eine Rückstellung bilden. Denn die ZKB hatte das ausländische Bankenrisiko für Schweizer Hilfsgüter übernommen, die nach Kasachstan exportiert wurden.

Ein Milliardenschaden

Heute halten die Gläubiger zusammen 18,5 Prozent an der Bank, der restliche Teil gehört dem Staatsfonds Samruk-Kazyna. Verschiedene ausländische Kreditgeber sind verärgert, dass der Staat nicht mehr von der Schuldenlast übernommen hat. «Aussergewöhnlich ist, dass drei Viertel der Verluste von ausländischen Gläubigerbanken getragen wurden», sagt Klasen.
Die Banken haben vorerst die Nase voll. «Aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen werden sie in den nächsten Jahren nicht mehr in Kasachstan investieren», erwartet Foundethakis.
Ex-Bankchef Ablyazov wird sich in seiner Heimat und auch in Russland so bald nicht wieder blicken lassen. Denn dort wartet eine happige Strafklage auf ihn. In der Anklageschrift vom 1. Juli 2010, die der «Handelszeitung» vorliegt, wirft ihm der Chefermittler der Abteilung für besonders schwere Wirtschaftsverbrechen beim Russischen Innenministerium unter anderem Betrug, Unterschlagung und Fälschung vor. Der Schaden wird in der Anklageschrift auf eine Gesamtsumme von umgerechnet rund 12 Milliarden Franken beziffert.

Anzeige