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«Das Jahr 2010 ist für uns gelaufen»

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Die unbefriedigende Geschäftsentwicklung führt der Bellevue-Chef auf die Zurückhaltung der Aktienanleger zurück. An der jetzigen Strategie hält er aber fest. Von der Finma erwartet er eine sorgfältige

Von Interview: Roberto Stefano
am 08.09.2010

Vor gut drei Jahren hat sich die Bellevue Group verstärkt auf das Asset Management ausgerichtet. Diesen Entscheid dürften Sie angesichts der Entwicklung in diesem Bereich im Nachhinein wohl bereuen.

Martin Bisang: Mit dem Ausbau des Asset Management und dem verstärkten Fokus auf Sicav-Fonds wollten wir eine Stabilisierung der sehr volatilen Erträge erreichen, die wir aufgrund der Performance-Fees von BB Biotech und BB Medtech hatten. Dazu haben wir den Bereich auch personell verstärkt. Wir sind davon ausgegangen, dass wir so zusätzliche Assets anziehen könnten. Die Realität hat gezeigt, dass dies bisher nicht der Fall war.

Welche Massnahmen planen Sie, damit das Asset Management in Fahrt kommt?

Bisang: Dass sich der Bereich bis anhin nicht wie erhofft entwickelt hat, führe ich darauf zurück, dass man mit Aktienanlagen über die vergangenen zehn Jahre kaum Geld verdienen konnte. Am Markt hatte dies wohl eine negativere Wirkung, als wir zum Zeitpunkt der Strategieetablierung wahrhaben wollten.

Sie nehmen es einfach hin?

Bisang: Richtig. An der Strategie des Aufbaus von wiederkehrenden Erträgen halten wir fest. Solange das Umfeld nicht stimmt, bleibt es aber schwierig.

Nach wie vor führt Bellevue die Beteiligungsgesellschaft BB Biotech. Ist dies nicht ein Auslaufmodell?

Bisang: Wer mit der Beteiligungsgesellschaft nicht zufrieden ist, kann die Aktie verkaufen und in den BB Biotech Sicav-Fonds investieren, der bereits als Ergänzung besteht. Dort gibt es keinen Discount zum inneren Wert der Anlagen. Die Zurückhaltung gegenüber Beteiligungsgesellschaften geht auf die Krise um 2002 zurück, als viele Anleger hohe Beträge mit solchen Vehikeln verloren haben.

BB Biotech wir weiterhin parallel geführt?

Bisang: Ja, obwohl der Discount bei der Beteiligungsgesellschaft derzeit gross ist: Für 10 000 Fr. kauft man Aktien im Wert von rund 14000 Fr. Es ist fast unverständlich, dass dies überhaupt möglich ist.

Mag sein, doch besteht dieser Discount nun schon seit Jahren.

Bisang: Der durchschnittliche Discount seit dem Start vor 17 Jahren liegt bei 7%. In den ersten sieben Jahren musste gar eine Prämie von bis zu 30% bezahlt werden.

Das war noch in der Biotech-Boom-Phase Ende der 90er.

Bisang: In dieser Zeit hat sich der Kurs mehr als verachtfacht. Die Performance in den letzten zehn Jahren war dagegen nicht gut. Dies gilt auch für den ganzen Sektor. Das Problem ist, dass die Firmen heute viel Geld in die Zukunft investieren, um später Umsätze zu erzielen. Denn sobald ein Biotech-Unternehmen ein Produkt auf den Markt bringt, steigen die Umsätze rasant an bei Ebit-Margen von gut 50%.

Statt Beteiligungsgesellschaften sind derzeit alternative Anlagen gefragt.

Bisang: Wir haben vor drei Jahren, noch zu Boomzeiten, Hedge-Fonds aufgelegt. Auch dort mussten wir aber feststellen, dass es sehr schwierig ist, Gelder zu akquirieren, obwohl die Performance der Fonds stimmt. Für die Investoren sind unsere Fonds häufig zu klein. Aber man darf die Geduld nicht zu schnell verlieren.

Und wie entwickelt sich das Brokerage- und Corporate-Finance-Segment?

Bisang: Momentan ist der Bond-Markt angesichts der tiefen Zinsen sehr attraktiv. Wenn eine Firma Kapital braucht, raten wir, die Mittel zu attraktiven Konditionen in Form von Fremdkapital aufzunehmen. Daher ist es bei den Aktienplatzierungen sehr ruhig.

Bis Ende Jahr soll es doch noch den einen oder anderen Börsengang an der SIX geben. Was kommt aus Ihrem Haus?

Bisang: Wir stehen mit verschiedenen Firmen in intensiven Diskussionen. Einzelne Kunden begleiten wir in Pre-IPO-Placements, wobei hier der Börsengang in den nächsten 12 bis 18 Monaten stattfinden soll. Fortgeschritten sind Diskussionen mit einem internationalen Unternehmen im Healthcare-Sektor, das wir an die SIX bringen wollen.

Wann wird der Börsengang konkret?

Bisang: Ob in diesem oder im nächsten Jahr wird sich zeigen. Wir wollen auf jeden Fall unseren Kunden bestens vorbereiten und brauchen auch ein Marktumfeld, das einen Börsengang unterstützt.

Wie wird sich dieses Geschäft zukünftig entwickeln?

Bisang: Die Frage ist: Gibt es einen Double Dip oder nicht? Ich glaube nicht daran. Ich bin ein vehementer Verfechter der Theorie, dass der Sog, den wir in den kommenden 20 Jahren aus dem Fernen Osten haben werden, genügend gross ist, um eine Lokomotiv-Funktion zu übernehmen.

Und über einen kürzeren Zeitraum?

Bisang: Dazu können wir nichts sagen, denn es gibt so viele Elemente, die nicht beeinflussbar sind. Die Börsen reagieren so sensibel, dass oft kein Zusammenhang mit der eigentlichen Firmenentwicklung mehr hergestellt werden kann. Einige Anleger haben das gute Mass verloren.

Gegen die Bank am Bellevue läuft eine Untersuchung durch die Finma. Wie ist der derzeitige Stand?

Bisang: Wir hatten allein im 1. Halbjahr 2010 einen Rechtsaufwand von mehr als 1 Mio Fr. Der ehemalige Präsident von Sia Abrasives hat bei der Finma eine Anzeige gegen Bellevue eingereicht, wonach die Bank am Bellevue Herrn Giorgio Behr bei der Übernahme des Unternehmens geholfen habe. Die Bank hat sich im Rahmen des Brokerage zu 100% korrekt verhalten. Die juristische Frage ist, ob die Bank einen indirekten Erwerb unterstützt hat. Die Antwort ist klar: Nein. Es wurden weder Titel «parkiert» noch «abgerufen», es gab keine Vereinbarungen irgendwelcher Art, keine Optionsgeschäfte oder andere Finanzinstrumente.

Die Affäre belastet die ganze Gruppe.

Bisang: Dagegen können wir nichts machen. Was wir allerdings sagen können: Mit dem neuen Instrument des Untersuchungsbeauftragten kann die Finma mit geringstem eigenem Aufwand Untersuchungen jeglicher Art und jeglichen Umfanges auslösen. Ungeachtet der Ergebnisse hat in jedem Fall der Untersuchte die Kosten zu tragen. Wir würden deshalb erwarten, dass einerseits jeweils vorgängig eine sorgfältige Analyse gemacht und andererseits das Verfahren effizient und zielgerichtet durchgeführt wird.

Zur Gruppe: Wie haben sich die Zahlen seit dem 1.-Halbjahr verändert?

Bisang: Wir geben keine Monatszahlen aus. Es ist zu keiner Verbesserung gekommen, wir verdienen einfach kein Geld.

Was ist denn bis Ende Jahr noch möglich?

Bisang: Die Stunde vor der Dämmerung ist immer die dunkelste. Das Jahr 2010 ist für uns gelaufen. Wir müssen heute die Leute bei der Stange halten.

Und wann geht es wieder aufwärts?

Bisang: Es geht dann aufwärts, wenn sich die Wolken am Himmel verzogen haben. Wann dies sein wird, weiss ich nicht.

Wie sieht es mit der Dividendenausschüttung aus? Kann eine ähnliche Ausschüttung wie in der Vergangenheit (4 Fr.) auch zukünftig erwartet werden?

Bisang: Wir sind bezüglich Eigenkapital relativ gut ausgestattet. Daher wird die Dividendenrendite in den nächsten ein bis zwei Jahre nicht direkt mit dem Geschäftserfolg korrelieren, sondern allenfalls auch eine Ertragssituation vorwegnehmen, die noch nicht da ist.

Zukäufe sind folglich nicht geplant?

Bisang: Wir haben einzelne Pläne, aber es ist nichts konkret. Wir könnten ein drittes Standbein aufzubauen. Dies würde kaum organisch erfolgen, sondern eher über eine Akquisition. Dazu braucht es aber eine gute Gelegenheit.

Gibt es Veränderungen im Aktionariat?

Bisang: Nein, wir Gründungspartner haben in den letzten Jahren laufend zugekauft. Das ist ein starker Beweis, dass ich selber und meine Kollegen an das glauben, was wir machen.

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