Des einen Freud war des anderen Leid: Zwar war im letzten Halbjahr die allgemeine Börsenstimmung eher verhalten, was insgesamt zu einem Rückgang der Aktienpreise geführt hat. Aber wegen der defensiven Sektorzusammensetzung des schweizerischen Aktienmarktes konnte sich die heimische Börse relativ gut behaupten.

Der 55%-prozentige Anteil an defensiven Aktien im MSCI Switzerland im Vergleich zu 30% weltweit war im vergangenen Semester für den heimischen Markt also ein Segen.

Ausreisser Technologie

Wenn ? eine Stufe tiefer ? im SPI die Titel der defensiven Branchen bei solchen Bedingungen besser abgeschnitten hätten als der Marktschnitt, wäre dies nichts als konsequent. Dies ist nach Thomas Steinemann, Chefstratege der Vontobel-Gruppe, tatsächlich der Fall. Er erkennt im Rückblick auf das 1. Semester 2010 ein «defensives Muster».

So verzeichneten die Konsumgüter eine Outperformance, während zyklische Werte hinter dem Markt zurückblieben. «Insbesondere die Kunststoffbranche, die direkt von den Rohstoffen abhängt, war im Minus», so Steinemann. Dabei seien die Unterschiede sehr gross gewesen. Die Konsumgütertitel als die Vorreiter verbuchten 22% Gewinn, die Energieversorger als die eigentlichen Verlierer einen Verlust von 13%.

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Allerdings hat Steinemann «zwei Ausreisser» identifiziert: «Der Bereich Technologie hat positiv überrascht, die Gesundheitsbranche und die Versorger negativ.» Und Christoph Riniker, Head of Strategy Research der Bank Julius Bär, nennt mit den Transportwerten noch eine dritte Branche, die nicht unbedingt bei den Outperformern zu erwarten wäre und also dem allgemein zyklischen Trend ebenso zuwidergelaufen ist.Riniker erklärt: «Diese wenig intuitive Datenlage kann zu einem gewissen Teil mit einer gewissen Ratlosigkeit der Investoren erklärt werden, wodurch sich auch in der Präferierung der einzelnen Branchen grosse Unterschiede ergeben haben.»

Gesundheit mit Bresten

Dass die gemeinhin als defensiv geltende Gesundheitsbranche mit den Schweizer Vorreitern Novartis und Roche relativ schlecht abgeschnitten hat, führt Steinemann von der Bank Vontobel auf branchenspezifische Probleme zurück: Unsicherheiten in Bezug auf die Produktepipeline, auslaufende Patente und die schwierige Entwicklung im Gesundheitswesen. Riniker nennt die Entwicklung des Schweizer Frankens als weiteren Punkt, der «international ausgerichteten Branchen wie der Gesundheitsbranche tendenziell geschadet haben». Im 2. Semester werde es nun ähnlich weitergehen, prognostiziert Steinemann. «Da wir von einer konjunkturellen Abkühlung im Jahr 2011 ausgehen, rechnen wir damit, dass auch in diesem Semester die defensiven Titel die Oberhand behalten.» Dabei fühlt sich der Chefstratege der Vontobel-Gruppe durch die jüngsten Gewinnrevisionen bestätigt: «Die Analysten stufen die Gewinnvorhersagen der Industriewerte herunter, die Zahlen der Konsumbranche aber herauf.» Dies zementiere, so Steinemann, die gefasste Prognose.

Gesuchte Indexschwergewichte

Zwar fällt der Ausblick von Riniker von der Bank Julius Bär etwas weniger finster aus. Die Implikationen für den Anleger sind aber durchaus vergleichbar.

Die Vorwegnahme einer «saisonal bedingten seitwärts gerichteten Marktentwicklung» im 2. Halbjahr motiviert die Bären nämlich zu folgender Anlagestrategie: «Kurzfristig belassen wir unsere Einstufung für den Schweizer Aktienmarkt in einem globalen Kontext auf ‹Neutral›, wodurch auch defensive Aktien wie Nestlé, Roche oder Novartis interessant bleiben.»

Erst Ende 2011 Wende in Sicht?

Dass sich aber in absehbarer Zeit das Blatt wieder zugunsten der zyklischen Werte wenden könnte, ziehen beide Strategen in Erwägung: «Wenn es gegen Ende 2011 besser wird, kann sich das an der Börse Ende 2010 in einer Sektorrotation niederschlagen. Die zyklischen Werte, der Finanzbereich und die Rohstoffe könnten dann für den Anleger wieder interessant werden», sagt Steinemann.

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Und Riniker prognostiziert: «Auf die Sicht der darauffolgenden Monate erachten wir auch Gesellschaften mit einer zyklischen Ausrichtung wie beispielsweise Givaudan, ABB, Adecco oder Swatch, aber auch Finanzwerte wie Helvetia als interessant.»

Aber wird es denn besser, und wenn ja, warum gerade Ende 2010? «Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Entschuldungsprozess des privaten Sektors gemeinhin drei bis fünf Jahre dauert», sagt Steinemann.

Ende des Jahres 2011 wäre die Realwirtschaft an diesem Punkt angelangt. Und wenn «der Aktienmarkt der Realwirtschaft um ein halbes bis ein ganzes Jahr voraus ist», so der Chefstratege der Vontobe-Gruppe, lägen die Zykliker Ende 2010, Anfang 2011 wieder hoch im Kurs.