Rund 3 Mrd Dollar kostete ABB der abrupte Abgang seines obersten Chefs Fred Kindle vergangene Woche. So viel Wert verlor der Technologiekonzern an einem Tag an der Börse, nachdem die überraschende Meldung vorbörslich publiziert worden war. 3 Mrd Dollar ein stolzer Betrag für eine einzelne Person, auch wenn sie sehr erfolgreich in ihrem Amt tätig war. Nicht nur Kindle sorgte für starke Kursausschläge: Das berühmteste Beispiel war sicherlich die Rückkehr von Steve Jobs zu Apple, was dem angeschlagenen Computerkonzern über Nacht einen Kursgewinn von fast 50% einbrachte.

Nicht jeder Chefwechsel zeigt am Markt allerdings eine entsprechende Wirkung, auch wenn der CEO zweifelsohne materiell über grosse, wenn nicht gar über die grösste Macht in einer Unternehmung verfügt. Wenn es sich beim Geschäftsführer, wie im Falle von Fred Kindle oder Steve Jobs, aber gleichzeitig um eine Identifikationsfigur handelt, die über Charisma sowie einen entsprechenden Leistungsausweis verfügt und so das Tempo für das gesamte Unternehmen vorgeben und Tausende von Mitarbeitern mitziehen kann, dann dürften die Kursausschläge deutlich stärker ausfallen.

Indikator für starke Führung

Zwar lassen sich solche qualitative Elemente kaum monetär beziffern. Im Rahmen der Gesamtbeurteilung der Gesellschaften werden sie von den Research-Abteilungen der Banken aber ebenfalls mit berücksichtigt. Daneben gelten als weitere wichtige Indikatoren für eine starke und somit wertvolle Unternehmensführung die Stabilität innerhalb des Managements, die Einfachheit der Organisationsstruktur sowie die in der Vergangenheit erreichte Verbesserung der Profitabilität.

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Wer die erwähnten Vorgaben erfüllt und unter diesen Aspekten über mehrere Jahre gute Arbeit geleistet hat, dürfte somit für das Unternehmen den höchsten Wert erzielen und wird bei einem allfälligen Jobwechsel die grössten Bewegungen am Markt provozieren. Personen mit entsprechenden Leistungsausweisen sind in börsenkotierten Schweizer Unternehmen zahlreich anzutreffen. Zu denken ist dabei unter anderem an Lindt & Sprüngli-Chef Ernst Tanner, Holcim-Lenker Markus Akermann oder Geberit-Geschäftsführer Albert Baehny. «Bei einem Rücktritt von Baehny würde der Kurs der Geberit-Aktien wohl um gut 10% fallen, zumal zurzeit kein Wechsel vorgesehen ist», schätzt ClaridenLeu-Analyst Patrick Uelfeti.

Rahmenbedingungen wichtig

Denn neben den persönlichen Qualitäten der Geschäftsführer sind auch die Rahmenbedingungen, die zu einem Wechsel geführt haben, von grösster Bedeutung. «Ein überraschender Rücktritt wie im Falle von Kindle wirft Fragen auf», erklärt Claude Zehnder, Analyst der Zürcher Kantonalbank. Und Unsicherheiten werden von der Börse mit einem Abschlag bestraft. In welche Richtung das Pendel ausschlagen wird, hängt weiter von der Verfassung des Unternehmens ab. «Wenn eine Gesellschaft bisher gut geführt wurde, dann besteht das Risiko, dass es nach dem Führungswechsel zu einer schlechteren Entwicklung kommt», erklärt Uelfeti. Wenn das Unternehmen dagegen nicht vom Fleck kommt, kann ein Austausch an der Spitze der Gesellschaft neuen Schwung verleihen. «Wie im Fussball, wo bei Misserfolg als Erstes der Trainer ausgewechselt wird, kann auch eine Veränderung im Management der Gesellschaft wieder neuen Schwung verleihen», sagt Zehnder. Aktuell gilt dies bei Marcel Ospel, auf dessen Rücktritt als star- ker UBS-Verwaltungsratspräsident ein Kursgewinn von über 10% erwartet wird. Ähnlich dürfte der Effekt bei Novartis ausfallen, wenn CEO und Verwaltungsratspräsident Daniel Vasella zukünftig kürzer treten würde. «Sein Name lastet, unter anderem wegen seiner Doppelfunktion, auf dem Aktienkurs», ist Martin Vögtli, Analyst bei der Bank Sal. Oppenheim, überzeugt. Zwar wäre es verfehlt, die Schwäche von Novartis alleine auf Vasella abzuschieben. «Der Aktienkurs würde nach der Stagnation der letzten Jahre aber sicherlich positiv auf einen Wechsel reagieren», ist er überzeugt.