Die Titel der beiden Schweizer Pharmariesen wurden im 1. Halbjahr von den Investoren verschmäht. Während der SMI seit Jahresbeginn rund 9% an Wert verlor, büsste Novartis 10% ein und die Genussscheine von Roche gar 17%.

Dies, obwohl sowohl bei Roche wie auch bei Novartis die 1.-Quartals-Zahlen gut ausgefallen sind. Auch die Dividendenrenditen sind überdurchschnittlich hoch und das fundamentale Wachstum wenigstens aus der Sicht der Experten überzeugend.

Beachtlich ist auch die Übernahme-Aktivität im Sektor, wobei mit den Megafusionen wie Roche-Genentech oder Novartis-Alcon ein Schlaglicht auf die beiden Schweizer Schwergewichte fällt. Dabei könnten die Pharmafirmen die dadurch verursachten Schulden schneller abbauen als manches Land, ist Michael Nawrath, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) überzeugt.

Also worauf gründet das Anlegermisstrauen? «Die Investoren glauben nicht mehr an den defensiven Charakter der Pharmafirmen», so Nawrath.

Gilenia als Meilenstein

Die Skepsis der Anleger an Novartis lässt sich auch anhand der Kursreaktion auf die Meldung der Zulassungsempfehlung der Expertenkommission der US-Gesundheitsbehörde FDA für das Multiple-Sklerose-Medikament Gilenia erkennen. Zwar schloss der Titel gleichentags 3% höher. Jedoch verpuffte der Effekt innert wenigen Tagen. Seit Mitte Juni haben die Titel bereits wieder 6% an Wert verloren.

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Dabei ist der Erfolg mit Gilenia ein wahrer Meilenstein für Novartis. Sollte die FDA das Medikament im September tatsächlich zulassen, was erwartet wird, ist ein Umsatzpotenzial von 2 Mrd Dollar möglich. Ebenfalls für Vorbehalte bei den Anlegern sorgt die Tatsache, dass in den nächsten Jahren diverse Patente von Novartis auslaufen werden. Dabei ist die Produktpipeline bei Novartis sehr gut gefüllt. Die Kursauswirkungen dürften sich zumindest kurzfristig in Grenzen halten. Denn der Markt nimmt Patentabläufe bereits mehrere Jahre vorweg. Läuft ein Patent dann tatsächlich aus, ist das in den Kurs bereits eingepreist.

Karl-Heinz Koch, Analyst bei der Helvea, ist zuversichtlich, dass aufgrund des künftigen Newsflow bei Novartis noch deutliches Aufwärtspotenzial der Aktie auszumachen ist. «Die Schätzungen werden noch nach oben revidiert werden», prognostiziert Koch. Etwas anders präsentiert sich die Situation bei Roche: «Eine positive Auswirkung auf den Kurs könnte ich mir allenfalls dann vorstellen, wenn Roche ihre konser- vative Guidance anhebt», so Nawrath von der ZKB.Am 15. Juli wird Novartis die Ergebnisse für das 2. Quartal publizieren. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Pharmariese überzeugende Zahlen vorlegen. Dafür spricht vor allem der Alcon-Deal: Novartis will im 2. Halbjahr 2010 die Übernahme von 77% des Augenheilkundeunternehmens Alcon von Nestlé abschliessen. «Aufgrund der Wichtigkeit der Alcon-Transaktion hat das Management grosses Interesse daran, dass die Zahlen gut aussehen», erklärt Koch. Denn: Je schneller sich die Aktie erholt, desto besser für den Deal. Da die Minderheitsaktionäre von Alcon 2,8 Novartis-Aktien pro Alcon-Titel erhalten, hängt der Wert des Umtauschverhältnisses einerseits vom Novartis-Aktienkurs und andererseits vom Franken-Dollar-Kurs ab.

Unrealistische Erwartungen

Zusammenfassend schliesst der ZKB-Analyst Nawrath: «Die Fundamentaldaten der Pharmafirmen sind überzeugend, aber die Erwartungen der Investoren sind unrealistisch hoch.» Gerade Roche und Novartis würden gemeinsam in einem Portefeuille eine interessante Diversifikation ergeben. So sei Roche bereits eher ein Biotech- als ein Pharmaunternehmen. Novartis dagegen ist ein breit diversifiziertes Pharmaunternehmen mit einer Angebotspalette, die von verschreibungspflichtigen Präparaten über Impfstoffe und Generika reicht. Auch bei den Währungen ergänzen sich die beiden: Während Roche in Franken bilanziert, rechnet Novartis in Dollar.

Dazu kommt: Die Bewertungen sind auf tiefen Niveaus angelangt. Helvea schätzt das Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2011 bei Roche auf 10,6 und bei Novartis auf 11,7.