AKTIEN. Gegen den Strom schwimmen: An den Finanzmärkten ist dies nicht nur eine geistige Tugend, sondern rechnet sich oft auch in klingender Münze. Das weiss kaum einer besser als der Anlage-Guru Warren Buffett, mit 52 Mrd Dollar Vermögen zweitreichster Mann der Welt. Den Aufstieg zum Multimilliardär verdankt Buffett nämlich zu guten Stücken dem Umstand, dass er konsequent dort zukaufte, wo die Herde der Investoren gerade nicht graste.

Um wie Buffett eine «Contrarian»-Strategie zu verfolgen, also gegen den Markt zu investieren, erscheint jetzt der Zeitpunkt besonders günstig. Dieser Meinung sind jedenfalls die Marktbeobachter, allen voran die Strategen der Bank Julius Bär. Nach ihren Berechnungen ist die breite Investorenstimmung fast so schlecht wie während der «Sommerkorrektur» letzten August. Das widerspiegeln nicht zuletzt die Aktienkurse am Schweizer Markt. Dort ist der Swiss Market Index (SMI) seit dem Zwischenhoch Mitte Oktober um 9% gefallen. Weit genug für eine Wende.

«Ausgezeichnete Gelegenheiten»

«Wenn in den letzten 10 Jahren solche Werte erreicht wurden, folgte in 19 von 20 Fällen eine Aufwärtsbewegung», sagen die Bär-Strategen (siehe Grafik). Im Normalfall betrugen die folgenden Kursgewinne 5 bis 7%. Die Zürcher Kantonalbank kommt zu einem ähnlichen Befund: «Die Stimmung liegt auf einem Niveau, wo in den letzten Jahren jeweils eine Gegenbewegung eingesetzt hat. Für längerfristig orientierte Anleger ergeben sich daraus ausgezeichnete Kaufgelegenheiten.»Das klingt verlockend. Doch für Investoren, die der Trendwende am Aktienmarkt zuvorkommen möchten, wird das Timing entscheidend sein. Und dort beginnen die Schwierigkeiten: Kurzfristig zeigen die technischen Indikatoren, dass der SMI in den nächsten Tagen noch unter die 8000-Punkte-Decke brechen könnte. Wenig Unterstützung kommt auch vom ökonomischen Umfeld. Die Angst vor einer Rezession in den USA hat in den letzten Tagen weitere Investorenkreise angesteckt. Die unsichere Lage im Bankensektor – mittlerweile werden die potenziellen Subprime-Verluste auf bis zu 480 Mrd Dollar geschätzt – ist ebenfalls wenig hilfreich. Wer zu früh einsteigt, kann demnach noch einige Prozent nach unten gerissen werden. Alfred Roelli, Leiter Finanzanalyse bei der Genfer Privatbank Pictet, würde deshalb noch eine Weile zuwarten. «Auf den Dezember hin rechnen wir mit einer Erholung, Ende November könnte demnach wieder zugekauft werden.» In seinem Szenario einer Jahresendrally zählt Roelli nicht zuletzt auf das Interesse der grossen institutionellen Investoren: Diese begännen bereits im Dezember, die Positionen für 2008 zu kaufen. Auf saisonale Effekte zählt auch Jan Poser, Chefökonom der Basler Bank Sarasin. «Der grosse Schub an schlechten Neuigkeiten liegt bereits hinter uns.»

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Franken könnte erstarken

Roelli wie auch Poser haben ihren Arbeitgebern darum geraten, Aktieninvestments überzugewichten. Dabei geben sich aber beide wählerisch: Auch wenn sich jetzt gute Einstiegsgelegenheiten ergäben, müsse zukünftig mit mehr Risiken gerechnet werden. Pictet-Stratege Roelli sieht diese am Schweizer Aktienmarkt vorab in einer Aufwertung des Frankens. Heute sei die Schweizer Währung zwar unter Druck 2008 dürfte sich das Blatt aber wenden. Entsprechend skeptisch ist Roelli gegenüber hiesigen Dividendenpapieren. «Bezüglich SMI sind wir sehr vorsichtig.» Abgesehen von einzelnen Opportunitäten an der SWX Swiss Exchange (siehe Kasten), schätzt Roelli die Chancen der europäischen Börsen daher deutlich höher ein. Denn: Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12 für 2008 seien diese die am günstigsten bewerteten Märkte weltweit.

Kummer wegen US-Häusermarkt

Poser von Sarasin setzt mittelfristig ebenfalls Fragezeichen vor ein Investment am Schweizer Aktienmarkt. Obwohl er nicht mit einer US-Rezession rechnet, zieht er doch eine Verschlechterung des dortigen Häusermarktes in Betracht. Die Folge: Die Verluste der Banken aus geplatzten Kreditgeschäften könnten im 1. Semester 2008 noch einmal zunehmen und schliesslich auch die hiesigen Indizes belasten. Poser bleibt daher Bankenwerten gegenüber vorsichtig. Potenzial sieht die Bank Sarasin eher bei ZFS, Nestlé, Holcim oder Industrie-Tech-Titeln wie Georg Fischer, Komax oder Kaba.

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