Die Finanzkrise in den USA bedeutet einen Kahlschlag für die Wall Street. Etwa 160000 Mitarbeiter bei Banken und Handelsfirmen haben seit vergangenem Herbst schon ihren Arbeitsplatz verloren. Doch das war erst der Anfang. In den kommenden zwei Jahren werden schätzungsweise noch einmal 20000 Stellen im Finanzsektor der Metropole am Hudson wegfallen. Das hat eine jetzt vorgestellte Schätzung der unabhängigen Forschungseinrichtung Independent Budget Office ergeben.

Tritt das Horrorszenario ein, wäre das die schlimmste Krise seit dem grossen Marktzusammenbruch von 1987 – und hätte zudem weit grössere Auswirkungen als die Terroranschläge am 11. September 2001. Bei der Bank Bear Stearns dürfte in absehbarer Zeit die Hälfte der 14000 Arbeitsplätze wegfallen, bei der Citigroup sind es wohl 6000, bei Lehman Brothers 1400 Jobs – der Grossteil davon in der Stadt New York.

Nun ist der Katzenjammer gross, aber Mitleid mit den Bankern hat derzeit in den USA niemand. Im Gegenteil, die öffentliche Meinung über den Berufsstand hat sich durch die Krise merklich gewandelt. Anstatt als fleissige Geldzähler, die sich ihr ansehnliches Gehalt durch harte Arbeit verdienen, sieht man derzeit das Gros der Banker und Broker als überbezahlte und ahnungslose Finanzjongleure an. Schon seit Monaten gibt es immer wieder Protestaktionen von Gewerkschaften und Hausbesitzer-Vereinen vor den Hauptgebäuden von Investmentbanken in Manhattan. «Die Banken machen noch im-mer Milliardengewinne und tragen die Finanzkrise auf den Schultern der einfachen Bürger aus», sagte Hausbesitzerin Margaret Groarke, die vor kurzem die Demonstration einer Hauseigner-Gruppe aus der Bronx vor dem Hauptquartier von Goldman Sachs anführte.

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Solche Reaktionen sind nicht verwunderlich, sagt Uwe Reinhardt, Professor für Politik und Volkswirtschaft an der Universität Princeton. Schliesslich seien es die Wall-Street-Banker gewesen, die den Absturz der Wirtschaft durch ihre riskanten Geschäfte verursacht hätten. «Was die Krise ausgelöst hat, war eine Mischung von Sorglosigkeit und schlechtem Urteilsvermögen der Verantwortlichen bei Wall-Street-Banken.» Die gesamte Finanzkrise sei von Anfang an vorhersehbar gewesen, meint Reinhardt. «Die Banken verpackten die faulen Kredite immer weiter in neue Pakete, verkauften sie in die ganze Welt weiter und hofften, dass sich dadurch die Risiken auf magische Weise in Luft auflösen würden.»

Die Bürger sind richtig wütend

Die Rechnung ging nicht auf. Stattdessen verloren Millionen von Amerikanern ihr Eigenheim, weil sie die leichtfertig ausgegebenen Kredite nicht mehr bedienen konnten. Die Immobilienkrise weitete sich zur weltweiten Finanzkrise aus, kostete Anleger überall auf der Welt Geld und zwang die Wall-Street-Banken selbst zu Abschreibungen von 175 Mrd Dollar. Und das Schlimmste dürfte noch gar nicht überstanden sein. Branchenmitglied Goldman Sachs schätzt, dass die Finanzhäuser insgesamt 460 Mrd Dollar werden abschreiben müssen.

Was die amerikanischen Bürger wirklich wütend macht, ist die Art, wie Wall Street und Regierung auf die Krise reagieren. Die US-Notenbank Federal Reserve greift dem Bankensektor seit Monaten mit immer neuen Leitzinssenkungen unter die Arme. Vergangene Woche rettete sie sogar die Investmentbank Bear Stearns vor dem Bankrott. Damit das Geschäft weiterlaufen kann, gewährt sie dem Käufer JP Morgan eine Bürgschaft in Höhe von 30 Mrd. Die Wirtschaftszeitung «Wall Street Journal» lief daraufhin Sturm und ätzte: «Solange die Banken Gewinne einfahren, wollen Sie nichts von staatlicher Regulierung wissen. Doch sobald sie Verluste machen, rufen sie nach Mutter Staat.» In einem Internet-Finanzforum schimpfte der Autor ungehalten: «Bitte, Ben Bernanke, schick eine SMS an JP Morgan-Chef Jamie Dimon, dass aus der 30-Mrd.-Dollar-Bürgschaft für Bear Stearns doch nichts wird. Wie schwer kann es für die Banken sein, dieses Geld selbst aufzutreiben, wenn Goldman Sachs sich für letztes Jahr noch 21 Mrd Dollar Erfolgsboni leisten konnte?»

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Steigende Boni trotz Krise

Die hohen Einkommen sind es, die das Verständnis der Amerikaner für das Geschehen in New York gegen null gehen lassen. Während das durchschnittliche Einkommen eines US-Haushalts Ende 2006 bei 48201 Dollar lag, verdiente ein Mitarbeiter eines Finanzunternehmens in Manhattan im Schnitt 200000 Dollar inklusive der Erfolgsprämie zum Jahresende.

Anstatt jedoch zu schrumpfen, sind die Boni im vergangenen Jahr trotz der Finanzkrise im Durchschnitt noch einmal gestiegen. «Dabei haben sich schon vor der Krise viele Amerikaner gewundert, wie die Wahnsinnsgehälter an der Wall Street möglich sind», sagt Professor Reinhardt.