Der Ausverkauf an den Aktienmärkten hat sich zu Wochenbeginn beschleunigt – haben Sie einen Absturz in diesem Ausmass erwartet?
Mario Geniale*: In dieser Form nicht. Das war nicht zu erwarten. Wir haben vor kurzem dazu geraten, das Übergewicht in Aktien zu reduzieren. Immerhin.

Ist die scharfe Marktkorrektur gerechtfertigt?
Ökonomisch betrachtet nicht – es stimmt schon, dass sich das Wirtschaftswachstum in China abschwächt. Das ist aber nicht der Hauptgrund für die Kurstaucher. Die Börsen-Stimmung ist einfach sehr angespannt.

Inwieweit spielen automatisierte Handelsprogramme eine Rolle? Haben diese den Abwärtstrend verschärft, etwa weil beim Durchbruch von charttechnischen Unterstützungslinien die Kurse kaskadenartig weiter fielen?
Ohne jetzt der Experte auf dem Gebiet des algorithmischen Handels zu sein, kann das bejaht werden. Aber wie gross genau dieser Einfluss ist, ist schwierig abzuschätzen.

Worauf führen Sie die Verkaufswelle sonst noch zurück?
Der chinesische Markt ist noch nicht sehr «reif», sprich viele Anleger haben noch wenig Erfahrung im Umgang mit Aktien. Aber auch in der westlichen Welt tummeln sich mittlerweile viele eher unerfahrene Anleger im Aktienmarkt. Dabei handelt es sich auch um kleinere Pensionskassen oder vermögende Privatkunden. Sie alle haben einen für ihre Risikoneigung hohen – oder zu hohen Anteil Aktien im Portfolio. Das sind «zittrige Hände».

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Dann haben die «zittrigen Hände» nun verkauft?
Nein, oder nur zum Teil. Wir gehen eher von folgendem Szenario aus. In den kommenden Tagen und Wochen dürfte es wohl zu einer Beruhigung kommen. Im Fall einer Erholung werden dann einige dieser Anleger die Nerven verlieren und verkaufen. Das würde zu einer zweiten Abwärtswelle führen.

In wenigen Wochen wird von der US-Notenbank die erste leichte Anhebung der Leitzinsen erwartet – rechnen Sie nach den jüngsten Turbulenzen immer noch mit diesem Schritt?
Die Ökonomen gehen nach wie vor von einer Anhebung der Zinsen im September aus. Der Markt oder besser gesagt der Blick auf die Zinskurve legt eher nahe, dass dieser Schritt im Januar erfolgt. Wir rechnen mit einer einmaligen Anhebung noch in diesem Jahr.

Wer hätte am meisten Mühe mit steigenden Zinsen umzugehen?
Immer wenn sich die grossen Rahmenbedingungen ändern, leiden die Schwellenländer am meisten darunter. In gewisser Weise ist auch die aktuelle China-Krise Ausdruck davon. Eskaliert die Situation, kann es sein, dass die US-Notenbank Abstand von einer Zinserhöhung nimmt.

China versucht nun durch die Lockerung der Anlagevorschriften der Pensionskassen Geld in den Aktienmarkt zu schleusen – wird diese Strategie aufgehen?
Summa summarum sprechen wir von rund 100 Milliarden Dollar, die so dem Aktienmarkt zugeführt würden. In Relation zu den 5000 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung, die in den vergangenen Tagen weltweit vernichtet wurden, ist das wenig. Aber ja, grundsätzlich ist es positiv, wenn der Markt professionalisiert wird. Inländische Massnahmen werden allerdings nicht genügen. Der Markt müsste für Ausländer nachhaltig geöffnet werden und selbst dann würde nicht ungehemmt Kapital nach China fliessen.

Würde es denn helfen, wenn der A- und B-Aktienmarkt in China vereint würden, sprich der Markt der In- und Ausländer ein einziger grosser Börsenplatz würde?
Auf das würde es hinauslaufen.

Die Abwertung des Yuan hat auch nichts gebracht?
Das war ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Abwertung war marginal. In drei Jahren hat der Yuan gegenüber dem Yen rund 50 Prozent aufgewertet, gegenüber dem Euro 20 Prozent. Die Regierung wird allerdings erstaunt von der Reaktion des Marktes gewesen sein. Schliesslich wollte sie mit dem Eingriff Handlungsfähigkeit demonstrieren, stattdessen führte das zu mehr Nervosität.

Nicht nur in China. Die Schweizer Börse wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Zum Teil ist das wohl berechtigt. Allerdings verloren auch Titel von Unternehmen deutlich an Wert, deren Geschäftsmodelle keine China-Risiken aufweisen. Gilt es dort zuzukaufen?
Es mag etwas langweilig klingen, aber der Gesundheitssektor ist attraktiv. Roche, Novartis aber auch Nestlé, die jeweils in wenigen Tagen zehn und mehr Prozent verloren haben, sind kaufenswert. Swisscom schauen wir ebenfalls an.

In welchen Bereichen gilt es vorsichtig zu sein?
Alle zyklischen Sektoren meiden wir und zwar nicht nur Unternehmen, die einen hohen Umsatzanteil in China erwirtschaften, sondern auch die, die gegenüber den globalen Absatzmärkten exponiert sind. So haben wir uns auch von Luxusgüterherstellern getrennt.

Das klingt sehr abgeklärt.
Im Gegensatz zum Aktienmarkt sind die Ausschläge am Kreditmarkt weniger dramatisch und legen in keiner Weise nahe, dass eine Art Kreditklemme befürchtet werden muss oder ein dauerhafter drastischer Abschwung des weltweiten Wirtschaftswachstums. Die Kreditprämien wären wohl deutlich höher, wenn solche Schreckensszenarien erwartet würden. Selbstverständlich müssen wir die kommenden Tage abwarten, bevor Entwarnung gegeben werden kann.

Ist also der Tiefpunkt am Aktienmarkt erreicht?
Kurzfristig dürfte das der Fall sein.

*Mario Geniale ist der Chefanlagestratege der Banque CIC.

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