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Konjunktur
Der Alarmindex zeigt wieder Unheil an

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Wall-Street-Händler: Der sogenannte Alarmindex steht so hoch wie schon lange nicht mehr.Quelle: Spencer Platt / Getty Images

Die Weltwirtschaft präsentiert sich in Form. Doch ein Indikator zeigt Gefahr an: Der Alarmindex ist am Steigen.

Von Holger Zschäpitz (Die Welt)
am 19.03.2018

Es könnte alles so wunderbar sein. Alles passt. Die jüngsten Konjunkturdaten künden von kräftigem Wachstum, gleichzeitig bleibt die Inflation niedrig. Ökonomen nennen diese Traumkonstellation Goldilocks in Anlehnung an das Märchen vom Goldlöckchen, deren Brei nicht zu heiss und nicht zu kalt, sondern genau richtig ist.

Doch es gibt einen Indikator, der die intimen Kenner der Finanzbranche stutzig macht. Einen Indikator, den sie gut kennen und der ihnen in schlechter Erinnerung ist. Sie nennen ihn den Alarmindex. Schon zweimal hat er sich als perfekter Seismograf historischer Krisen erwiesen. Im August 2007 schlug der Index vor der globalen Finanzschmelze kräftig aus, im Jahr 2011 kündete er von der Zuspitzung der europäischen Schuldenkrise.
 

 

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Indexstand klettert nach oben

Beide Male steckten Finanzhäuser in einer Finanzierungsklemme und mussten später von den Notenbanken gerettet werden. Nun hat der Index wieder kräftig ausgeschlagen. Er ist auf den höchsten Stand seit 2012 geklettert, und Experten rätseln darüber, was der Alarmindex signalisieren will. Eines scheint klar: Er offenbart schonungslos eine zentrale Schwäche des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Er könnte darüber hinaus aber auch für Europa Unheil anzeigen.

Den Alarmindex werden nur die wenigsten Menschen ausserhalb der Wall Street kennen. Genau genommen handelt es sich um den Bankenrisikoaufschlag, im Jargon Libor-OIS-Spread oder auch TED Spread genannt. Er misst, welchen Zinsaufschlag Banken am amerikanischen Geldmarkt zahlen müssen, um sich kurzfristig Dollar von anderen Instituten zu besorgen. Der Alarmindex ist jetzt auf den höchsten Stand seit 2012 geklettert. Ganze 0,5 Prozentpunkte müssen die Banken jetzt mehr als der amerikanische Staat zahlen, wenn sie sich über Nacht Geld borgen. Das klingt nach wenig, normalerweise beträgt der Aufschlag aber lediglich 0,1 Prozentpunkte.

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Wall Street: China hat US-Staatsanleihen verkauft.
Quelle: Spencer Platt/Getty Images

Sorge um Bankbilanzen

Das Barometer steigt eigentlich nur dann, wenn sich die wirtschaftliche Lage der Banken dramatisch verschlechtert, wenn sich die Geldhäuser untereinander misstrauen und Geld nur noch mit grossen Risikoaufschlägen vergeben. Dass die Banker selbst gut einschätzen können, wie sich ihre eigene Situation entwickelt, hat dem Alarmindex einen Ruf als verlässlicher Indikator verschafft. Allerdings ist die Situation bei den Finanzinstituten derzeit so stabil, dass sich niemand einen akuten Stress im Bankensektor vorstellen kann. Und so hat die ängstliche Suche nach den Gründen begonnen

Die meisten Experten haben Trump als Hauptschuldigen für die Verspannungen am Geldmarkt ausgemacht. Nicht zufällig hat der Anstieg des Alarmindex Anfang Februar begonnen. Damals einigte sich der US-Kongress darauf, das Schuldenlimit aufzuheben. Seither gibt das amerikanische Schatzamt Schuldtitel aus, um das Defizitprogramm des amerikanischen Präsidenten zu finanzieren. Mit Vorliebe wird der Geldmarkt über kurz laufende Titel angezapft. Inzwischen wurden Vier-Wochen-Bills im Rekordvolumen von 65 Milliarden Dollar ausgegeben. Damit nicht genug.

 

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Wall-Street-Händler: Die US-Regierung nimmt kräftig Geld auf.
Quelle: Spencer Platt/Getty Images

Ein regelrechter Schulden-Tsunami

Der US-Finanzminister sackte noch mal 51 Milliarden Dollar über die Ausgabe von Drei-Monats-Titeln ein, ebenfalls ein Rekord. Die Experten von Jefferies sprechen von einem regelrechten Schulden-Tsunami, der über die Märkte rollt. Die Flut trifft die Geldmärkte unvorbereitet und zeigt, welche Verwüstungen die Schuldenpolitik des US-Präsidenten schon jetzt anrichtet. «Die staatliche Anleihenflut verdrängt die privaten Kreditnehmer», sagt Mitul Patel, Leiter Zinsstrategie von Janus Henderson Investors. Das führe dazu, dass der Zins für die Banken, der Libor, nach oben geht.

Libor steht für London Interbank Offered Rate. Jeden Tag melden zahlreiche Institute, wie viel Geld sie für ihre Kredite am Geldmarkt zahlen müssen. Daraus entsteht dann der Interbanken-Zins, der Libor. Dieser ist auch die Basis für zahlreiche private Zinskontrakte wie die Konditionen bei kurzfristigen Immobilienkrediten, Kreditkartenüberziehungen, Studentendarlehen oder Firmenausleihungen.

«Der Ausschlag des Index mag vielleicht keinen akuten Stress im Bankensektor signalisieren», sagt Patel. Aber er zeige deutlich, dass für die Privatwirtschaft Kredite deutlich teurer werden, was der US-Konjunktur schaden werde. «Auch für die US-Regierung wird es nicht einfach werden, die neuen Schulden zu finanzieren.» Sie werde auf ausländische Investoren angewiesen sein.

Chinesen verkaufen US-Anleihen

Doch die Ausländer haben sich zuletzt von der Wall Street zurückgezogen. Der Anteil nicht amerikanischer Adressen an den Bill-Auktionen ist auf einen neuen Tiefstand gefallen. Und auch lang laufende Staatsanleihen haben die ausländischen Gläubiger abgestossen. Im Januar verkauften sie unter dem Strich US-Treasuries im Volumen von 24,5 Milliarden Dollar. Allen voran China kantete amerikanische Schuldentitel aus den Portfolios. Das Reich der Mitte baute seine US-Position um knapp 17 Milliarden Dollar ab.

Druck auf den Geld- und Anleihemarkt kommt aber nicht nur von den Ausländern. Auch US-Unternehmen werfen gerade US-Bills im grossen Stile ab. Auch hier kommt der US-Präsident ins Spiel. Mit seiner Steuerreform hat er dafür gesorgt, dass die grossen US-Multis ihr im Ausland geparktes Geld repatriieren, um mit den Milliarden eigene Aktien zurückzukaufen, Dividenden zu erhöhen oder Geld zu investieren.

Steigendes Angebot an US-Schuldtiteln

Doch die im Ausland verdienten und dort gebunkerten Milliarden der Firmen steckten vor allem in Geldmarkttiteln. Wenn diese nun verkauft werden, trifft das weiter steigende Angebot an US-Schuldtiteln auf eine geringere Nachfrage. Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage führt diese Knappheit zu immer weiter steigenden Zinsen.

«Der steigende Alarmindex signalisiert heute keinen Bankenstress, sondern schlicht die veränderte Lage bei Geld-Angebot und Geld-Nachfrage», schreibt Mark Cabana, Analyst bei der Bank of America Merrill Lynch. Er rechnet damit, dass sich die Lage weiter zuspitzen wird. Leicht möglich, dass der Index schon bald über das Niveau von 2012 klettern wird.

Damals sorgte die Finanzkrise in Peripherieländern wie Italien, Spanien oder Portugal dafür, dass die Banken plötzlich Probleme bei der Dollar-Finanzierung bekamen. Da konnte auch die Europäische Zentralbank (EZB) nicht helfen, weil die nur Euro ausgeben kann. Einen Dollar-Engpass löste auch die Finanzkrise 2008 aus. Vor zehn Jahren erreichte der Alarmindex mit 3,5 Prozentpunkten seinen bisherigen Höhepunkt. Damals musste die amerikanische Notenbank Fed mit einer Feuerwehraktion aushelfen.

Stress im europäischen Bankensektor

Auch heute sind die europäischen Banken nicht ganz aus dem Schneider. Denn US-Konzerne wie Apple, Microsoft, GE, Google oder Cisco hatten ihr Geld nicht nur in amerikanischen Schuldtiteln, den Bills, sondern oft einfach auch bei den EU-Banken auf dem Konto. Werden diese Dollar nun abgezogen, könnte sich eine Lücke auftun. Nach Berechnungen der Investmentbank Nomura könnten die amerikanischen Multis insgesamt 63 Milliarden Dollar von den Konten abziehen.

Insofern könnte der Alarmindex auch einen gewissen Stress im europäischen Bankensektor signalisieren. Dagegen spricht, dass die Kurse der europäischen Banken derzeit keine grössere Schwäche zeigen. Seit Jahresanfang hat der Bankenindex EuroStoxx Banks 0,2 Prozent an Wert gewonnen. Zu Zeiten der Euro-Krise 2012 und in der Finanzkrise 2008 erlebten die Titel an den Börsen einen regelrechten Absturz.

Stress für die USA

Und so signalisiert der Alarm-Index weniger Stress für Europa als vielmehr für die USA. Die Verspannungen am Geldmarkt zeugen von einem bisher unterschätzten Rezessionsrisiko in den USA. Und auch Trumps Finanzierungsschwierigkeiten seines gigantischen Defizits sind angesichts seiner Strongman-Rhetorik alles andere als trivial.
Entsprechend wird die Finanzwelt nun gebannt auf die kommende Woche schauen. Dann tagt die amerikanische Notenbank Fed zum ersten Mal unter ihrem neuen Chef Jerome Powell. Der hat sich als Nicht-Ökonom bereits einen Namen gemacht, weniger in Floskeln wie seine Vorgänger zu reden, sondern die Probleme auf den Punkt zu bringen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Der Albtraum-Index der Banker schlägt wieder aus».