Der Frühling steht vor der Tür und damit das Ende des Kälteschlafs in der Baubranche. Ein Unternehmen, das diese Art Winterschlaf nur vom Hörensagen kennt, ist Holcim. Beim in über 70 Ländern tätigen Hersteller von Zement, Beton und Zuschlagstoffen wie Kies oder Sand herrscht das ganze Jahr über Hochbetrieb. Zu verdanken hat dies die Firma zu grossen Stücken dem unter der Führung von CEO Markus Akermann 2002 begonnenen Expansionskurs. Während sich der französische Konkurrent Lafarge aber auf die Regionen Afrika und Mittlerer Osten konzentrierte, lag Holcims Augenmerk schon früh auf Asien.

Mit der Präsenz in den asiatischen Märkten bewies Akermann einen guten Riecher. Was zu Beginn des Jahrtausends als Mode oder bestenfalls Gewinnkosmetik belächelt wurde, ist heute für viele Unternehmen überlebenswichtig. In den ersten neun Monaten 2009 entfiel die Hälfte des konzernweiten Zementabsatzes von Holcim auf Asien/Ozeanien, die einzige Region weltweit, die im vergangenen Jahr organisch gewachsen ist. Am 3. März wird Holcim ihr Ergebnis für 2009 vorlegen.

Potenzial in Australien

Holcim hat es verstanden, auch innerhalb der Schwellenländer die Prioritäten richtig zu setzen. Zwar verbraucht China rund die Hälfte des weltweit produzierten Zements, doch die lokale Konkurrenz ist so stark, dass sich allzu aggressive Vorstösse kaum lohnen. Von Anfang hat sich Holcim auf den anderen Wachstumsmarkt konzentriert, der lange Zeit im Schatten von China lebte: Indien.

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«In Indien ist Holcim der wichtigste nicht lokale Player», sagt Oskar Schenker von Sarasin. Analysten von Merill Lynch rechnen damit, dass Holcim in den nächsten Jahren rund 20% ihrer Umsätze in Indien erwirtschaften wird. Um für die zu erwartenden Bauvorhaben gerüstet zu sein, plant Holcim nach eigenen Angaben die Zementproduktion bis 2015 um 20% von aktuell 50 auf 60 Mio t pro Jahr auszuweiten. Die neuen Kapazitäten will sich die Firma bis zu 1 Mrd Dollar kosten lassen. Damit reicht Holcims Produktionskapazität aus, um rund ein Viertel der landesweiten Nachfrage zu befriedigen, schätzt Schenker. Ausserdem sei das Geschäft attraktiver, weil die Margen in einem Land wie Indien, wo der Zementpreis zum Teil staatlich kontrolliert werde, höher seien, sagt der Analyst.

Auch am nicht minder interessanten australischen Markt ist Holcim inzwischen Spitze. Mitten in der Krise übernahm die Firma im vergangenen Juni für rund 1,8 Mrd Fr. das Australiengeschäft der angeschlagenen mexikanischen Cemex. Im Kaufpreis enthalten war der 25%-Anteil, den Cemex an Australia Cement hielt, einem bedeutenden lokalen Baustoffhersteller. «In puncto Infrastruktur hat Australien noch viel Nachholpotenzial», sagt Schenker.

Führend bei Spezialzementen

Sorgen bereitet Holcim dagegen die Stagnation in den reifen Märkten Nordamerikas und Europas. Ein umfangreiches Sparprogramm, das von vorübergehenden Stilllegungen bis zur Schliessung von ganzen Werken geht, soll die Kosten um über 600 Mio Fr. senken helfen.

Um neue Marktanteile zu erobern, tritt Holcim in den reifen Märkten als integrierter Baustoffanbieter auf. Durch Partnerschaften wie etwa mit dem Spezialchemie- und Baustoffhersteller Sika kann Holcim zudem die Vormachtstellung auf dem Gebiet der Spezialzemente weiter ausbauen.

Diese Hightech-Zemente müssen besondere Anforderungen erfüllen, um sich beispielsweise für den Bau von Hochhäusern oder Tunneln zu eignen. Nach Meinung der Analysten lohnt es sich, auf diesem Gebiet die Nase vorne zu haben. Der weltweite Bedarf nach Spezialzementen dürfte in den kommenden Jahren überproportional stark ansteigen.

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