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Konjunkturzyklen
Der Aufschwung ist alt geworden

Ökonom Klaus Wellershoff
Ökonom Klaus Wellershoff: «Die Moral für Anleger lautet: Geniessen Sie es, wie es ist. Und solange es noch geht.»Quelle: Handelszeitung

Gute Konjunkturdaten laden zum Feiern ein. Im neunten Wachstumsjahr in Folge ist die Erwartung einer Weltrezession allerdings nicht abwegig, sondern entspricht der bisherigen Erfahrung.

Kommentar  
Von Klaus Wellershoff*
am 12.01.2018

Der SMI ist letzte Woche auf ein Allzeithoch gestiegen. Grund zum Feiern! Wirklich? Na klar! Die Wirtschaft wächst. DieKonjunkturindikatoren zeigen aufwärts. Wir haben Vollbeschäftigung und trotz steigenden Inflationsraten immer noch Preisstabilität. Die Zinsen sind tief. Die Immobilien- und Aktienpreise sind hoch und wir sind reich. Was wollen wir mehr?

Wirtschaftlich leben wir in der besten aller vorstellbaren Welten. Und wir sind nicht in Feierstimmung. Vielleicht liegt das daran, dass wir wissen, dass wir ziemlich nachhelfen mussten, um dahin zu kommen, wo wir vor zehn Jahren waren. Weltweit ist die Geldpolitik immer noch unglaublich expansiv. Noch nie zuvor lagen die inflationsbereinigten Leitzinsen im Aufschwung so tief wie heute.

Noch nie zuvor haben so spät im Zyklus die Zentralbanken noch Risikoszenarien so in den Mittelpunkt ihrer Kommunikation gestellt. Wer will schon feiern, wenn die Währungshüter ständig mit Sorgenfalten auf der Stirn geldpolitisch Vollgas geben?

Die mangelnde Feierlaune könnte mit dem Alter des Aufschwungs zu tun haben

Vielleicht liegt unsere mangelnde Feierlaune auch daran, dass wir ahnen, dass der Aufschwung alt geworden ist. Konjunkturzyklen sterben zwar nicht an Altersschwäche, aber wir wissen, dass sie auch nicht ewig dauern. Immerhin gehen wir nun ins neunte Wachstumsjahr in Folge. Die Erwartung, dass wir in den kommenden zwei Jahren eine Weltrezession erleben werden, ist nicht abwegig, sondern entspricht unserer bisherigen Erfahrung.

Vielleicht sind es aber auch einfach die zehn Jahre, die es gebraucht hat, bis der SMI wieder seine Verluste wettgemacht hat, die uns nachdenklich stimmen. Natürlich gilt: Aktien sind Anlagen für Menschen mit einem langen Investitionshorizont. Zehn Jahre sind aber eine sehr lange Zeit. Und möglich war der neuerliche Rekord nur angesichts der derzeit sehr hohen Bewertungen der Unternehmen.

Nimmt man die zehn Jahre Durststrecke als Risikomass, wird klar, dass wir uns dank den aktuellen Kursständen zwar reich rechnen dürfen, dass aber auch die Risiken einer Anlage in Aktien deutlich gestiegen sind. Tatsächlich müssen wir bei einem kommenden Rückschlag davon ausgehen, dass die Zeit bis zur Erholung vielleicht sogar länger sein wird als beim letzten Mal.

Die Zentralbanken können die Zinsen nicht noch einmal so massiv senken

Die treibende Kraft fallender Zinsen, die im Quervergleich der Anlagen die Aktien in den letzten Jahren immer attraktiver gemacht haben, wird diesmal wohl fehlen. Das liegt zum einen daran, dass die Zentralbanken wohl nicht noch einmal dieZinsen so werden senken können wie im laufenden Zyklus. So ist der Zins für Geldmarktanlagen in  Franken seit derFinanzkrise um 3,5 Prozentpunkte auf aktuell minus 0,75 Prozent gesunken. Das lässt sich nicht wiederholen.

Zum anderen liegt das daran, dass das tiefere Zinsniveau auch ein tieferes Ertragsniveau aller anderen Anlageklassen nach sich zieht. Einmal ins Loch gefallen, kommt der Aktienmarkt damit auch nur noch langsamer wieder heraus. Wie riskant hoch bewertete Aktienmärkte bei gleichzeitig tiefem Zinsniveau sein können, zeigt ein Blick auf Japan. Dort liegen die Kurse auch nach 27 Jahren noch 40 Prozent unter ihren Höchstständen von Ende 1989.

Und die Moral von der Geschichte: Bleiben Sie investiert, aber lassen Sie die Kirche im Dorf. Aktien sind wichtig für dieVermögensanlage. Aber sie sind nicht alternativlos. Die tiefen Zinsen sprechen nüchtern betrachtet eher gegen als für ein gesteigertes Aktienengagement. Und noch etwas sollten Sie nicht vergessen: Geniessen Sie es, wie es ist, solange es noch geht!

«Die Moral für Anleger lautet: Geniessen Sie es, wie es ist. Und solange es noch geht.»

* Klaus Wellershoff, Ökonom, Wellershoff & Partners

 

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