Längst nicht mehr nur im Golf von Mexiko, sondern auch auf globaler Ebene bringt das BP-Umweltdesaster eine ganze Reihe an Verlierern hervor. Darunter sind Ölkonzerne und Verbraucher weltweit, die für die Verfehlungen des britischen Ölkonzerns indirekt zur Kasse gebeten werden.

Denn unter Experten herrscht Einigkeit darüber, dass sich die Bedingungen für Tiefseebohrungen nach dem Desaster drastisch ändern werden und damit auch der Ölpreis weiter in die Höhe getrieben wird.

Teure Unfallversicherungen

BP als bisher grösster Verlierer bekommt schon heute die saftige Rechnung für mangelnde Sicherheitsvorkehrungen präsentiert. Das Image ist ruiniert, der Aktienkurs hat sich seit April halbiert, das Rating ist drastisch herabgestuft worden, 20 Mrd Dollar mussten für den Entschädigungsfonds bereitgestellt werden. Experten schätzen aber, dass BP insgesamt bis zu 50 Mrd Dollar für Schadenersatz und den Einsatz der Hilfskräfte aufbringen muss. Um sich finanziell zu rüsten, plant BP daher, sich unter anderem von Vermögenswerten zu trennen und im Notfall neue Schulden aufzunehmen.

An der SIX Exchange hat auch die Aktie der Tiefsee-Spezialistin Transocean stark gelitten. Die Firma hatte die Plattform an BP vermietet und muss ebenfalls mit Schadenersatzzahlungen rechnen. Seit dem Börsengang in der Schweiz vom letzten April hat der Titel fast die Hälfte seines Werts verloren.

Je länger das Desaster andauert, desto gedrückter wird die Stimmung auch bei anderen Energieunternehmen. Ohnehin sind die Kurse der Ölkonzerne weltweit seit Beginn der Katastrophe im Schnitt bis zu 20% gefallen. Ein Grund: Auf alle Unternehmen, die im Bereich Tiefseebohrungen engagiert sind, kommen drastische Ausgabensteigerungen zu. Vor allem gestiegene Versicherungskosten werden zu Buche schlagen. «Bisher mussten die Firmen nur Versicherungen in Höhe von 75 Mio Dollar bei Tiefsee-Bohrungen abschliessen, in Zukunft werden Versicherungssummen von 10 Mrd Dollar verlangt werden, wenn es nach Ansicht von US-Politikern geht», erklärt Willem de Meyer, Fondsmanager des Earth-Energy-Fonds UI. Gleichzeitig werden die Sicherheitsstandards für Ölbohrungen im Meer wohl nicht nur in den USA verschärft werden. «Die Regierungen in der ganzen Welt ziehen ihre Lehren aus dem Desaster und werden schärfere Zulassungsbedingungen für Tiefseebohrungen beschliessen», ist sich de Meyer sicher.

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Die EU hat schon reagiert und droht mit härteren Auflagen. EU-Energiekommissar Günther Öttinger hat die Vertreter der Ölkonzerne, die in der Nordsee und im Nordatlantik aktiv sind, für den 14. Juli einbestellt. Bisher war es Sache der Mitgliedsstaaten, die Förderung auf den Bohrinseln zu kontrollieren. Alles in allem rechnet David Ginter, Manager des Ivy Energy Fund, dass die Tiefseebohrkosten um bis zu 25% steigen werden. Angesichts der Explorationskosten in Höhe von 100 Mio Dollar pro Ölfeld und 500 000 Dollar Betriebskosten pro Tag und Bohrung kommen zusätzliche Millionenausgaben auf die Unternehmen zu.

Bohrvorhaben sind vom Tisch

Während Grosskonzerne wie Shell diese Mehrkosten schultern können, stehen viele kleinere Ölfirmen vor existenziellen Problemen. «Der Druck auf die kleineren Unternehmen der Branche, sich zusammenzuschliessen, wächst», prophezeit de Meyer. Die in dieser Woche verkündete Fusion des amerikanischen Öldienstleisters Acergy mit seinem norwegischen Konkurrenten Subsea im Wert von 5,4 Mrd Euro sei ein erster Schritt in diese Richtung, dem noch weitere folgen würden.

Die Katastrophe im Golf von Mexiko ist zudem ein herber Rückschlag für die Hoffnungen der Konzerne, neue Meeresgebiete für Tiefseebohrungen zu erschliessen. Noch Anfang April hatte US-Präsident Barack Obama nach zähem Ringen neue Küstengebiete in den USA für die Ausbeutung freigegeben. Diese Pläne sind nun erst einmal vom Tisch.

Dies wiegt umso schwerer, als die globale Abhängigkeit von Öl aus der Tiefsee wächst. Zwischen 2000 und 2009 hat sich die Rohölförderung aus einer Tiefe von mehr als 600 m auf 5 Mio Barrel verdreifacht. Bis 2015 könnte der Ausstoss auf 10 Mio Barrel steigen. Vor allem für die grossen westlichen Unternehmen sind Tiefseeförderungen inzwischen zu einer existenziellen Frage geworden. BP, Shell und Exxon müssen schnell für Ersatz der weggefallenen ausgebeuteten Ölquellen sorgen. Leicht erschliessbare Reserven sind jedoch vor allem in den Opec-Ländern zu finden, die das Geschäft mit staatlichen Gesellschaften abwickeln.

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