In einer Welt der schwachen Inlandsnachfrage in vielen Industrie- und Entwicklungsländern können Politiker in die Versuchung geraten, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung durch Exportwachstum ankurbeln zu wollen. Dazu brauchen sie eine schwache Währung und unkonventionelle geldpolitische Massnahmen, um die erforderliche Abwertung herbei zu führen.

Seit Anfang des Jahres sind weltweit über 20 Zentralbanken dem Beispiel der Europäischen Zentralbank und der Bank von Japan gefolgt und haben ihre Geldpolitik gelockert. In der Eurozone waren die Randländer auf eine schwache Währung angewiesen, um ihre externen Defizite zu verringern und das Wachstum anzukurbeln. Auf der anderen Seite hat die Eurokrise, deren Ursache die quantitative Erleichterung war, dazu geführt, dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss, der letztes Jahr bereits bei 8 Prozent des BIP lag, weiter steigen konnte. Angesichts dessen, dass auch in anderen Kernstaaten der Eurozone die externen Überschüsse steigen, ist das allgemeine Ungleichgewicht innerhalb der Währungsunion gross und steigt weiter.

Erster Pfeil der Abenomics

In Japan war die quantitative Lockerung der erste «Pfeil» der «Abenomics», des Reformprogramms von Premierminister Shinzo Abe. Dieses Programm führte zu einer deutlichen Abwertung des Yen und zu steigenden Handelsüberschüssen.

Der Aufwärtsdruck der quantitativen Lockerungen der EZB und der Bank von Japan auf den US-Dollar war enorm. Der Wert des Dollar stieg auch gegenüber den Währungen rohstoffexportierender Industrieländer wie Australien und Kanada und denjenigen vieler Schwellenländer. In diesen Ländern lösten fallende Öl- und Rohstoffpreise Währungsabwertungen aus, die dazu beitragen, das Wachstum und den Arbeitsmarkt vor den Folgen eines schwächeren Exports zu schützen.

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Sogar Renminbi gegenüber Dollar abgewertet

Ausserdem ist der Dollar auch gegenüber den Währungen der Entwicklungs- und Schwellenländer mit wirtschaftlichen und finanziellen Problemen gestiegen: Zwillingsdefizite in der Haushalts- und Leistungsbilanz, steigende Inflation und verlangsamtes Wachstum, hohe In- und Auslandsschulden sowie politische Instabilität. Sogar China hat seiner Währung im letzten Jahr eine kurze Abwertung gegenüber dem Dollar gegönnt, und durch das geringere Produktionswachstum könnte die Regierung in Versuchung geraten, den Renminbi noch weiter zu schwächen. In der Zwischenzeit steigt der Handelsüberschuss dort wieder. Dies liegt teilweise daran, dass China sein überschüssiges Warenangebot – beispielsweise Stahl – auf den Weltmärkten verschleudert.

Bis vor Kurzem haben sich die US-Politiker über die Stärke des Dollar wenig Sorgen gemacht, da die amerikanischen Wachstumsaussichten höher waren als diejenigen Europas oder Japans. In der Tat bestand Anfang des Jahres die Hoffnung, dass die US-Inlandsnachfrage in diesem Jahr stark genug ist, um trotz des stärkeren Dollars zum BIP-Wachstum von etwa 3 Prozent beizutragen. Es wurde angenommen, niedrigere Ölpreise und mehr Arbeitsplätze würden das verfügbare Einkommen und den Konsum ankurbeln. Auch Kapitalinvestitionen (ausserhalb des Energiesektors) und Wohnbautätigkeit hätten durch höheres Wachstum gestärkt werden sollen.

Wechselkurssorgen in den USA werden grösser

Aber es kam anders, und die Wechselkurssorgen der US-Regierung werden immer grösser. Der Dollar hat viel stärker aufgewertet als angenommen, und den Daten für das erste Quartal von 2015 zufolge ist der Einfluss der Aufwertung auf die Nettoexporte, die Inflation und das Wachstum grösser und akuter, als aufgrund der statistischen Modelle der Politiker erwartet wurde. Darüber hinaus lässt die erwartete starke Inlandsnachfrage auf sich warten. Auch das Konsumwachstum war im ersten Quartal schwach, und Kapitalinvestitionen und Bautätigkeit waren sogar noch schwächer.

Dies hat dazu geführt, dass die USA jetzt faktisch dem «Währungskrieg» beigetreten sind, um eine weitere Abwertung des Dollar zu verhindern. Beamte der Fed sprechen nun ausdrücklich über den Einfluss, den der Dollar auf Nettoexporte, Inflation und Wachstum hat.‎ Und die US-Regierung äussert sich immer kritischer über die Politik Deutschlands und die Eurozone, die den Euro schwächt und gleichzeitig keine Massnahmen zur Steigerung der Inlandsnachfrage ergreift – wie temporäre fiskale Stimuli oder schnelleres Lohnwachstum.

Zinswende weiter hinausgezögert

Darüber hinaus werden den verbalen Interventionen politische Taten folgen, da weniger Wachstum und Inflation – teilweise aufgrund des starken Dollars – die Fed dazu bewegen wird, die Nullzinspolitik später und langsamer zu beenden als erwartet. Dies wird den Anstieg des Dollars teilweise rückgängig machen und Wachstum sowie Inflation vor Abwärtsrisiken schützen.

Währungsspannungen können mit der Zeit zu Handelsspannungen führen, ebenso wie Währungskriege Handelskriege auslösen können. Und dies könnte die USA bei ihren Versuchen, die hochrationale Transpazifische Partnerschaft (TPP) abzuschliessen, in Schwierigkeiten bringen. Die Unsicherheit darüber, ob die Obama-Regierung im Kongress genug Wählerstimmen für eine Verabschiedung der TPP mobilisieren kann, wird durch einen Gesetzesentwurf noch verschärft, der Strafzölle für Länder vorsieht, die «Währungsmanipulation» betreiben. Sollte der TPP eine solche Verbindung zwischen Handels- und Währungspolitik aufgezwungen werden, würden die asiatischen Teilnehmer ihren Beitritt verweigern.

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Massnahmen zur Steigerung der Binnennachfrage

Würden die Regierungen nicht so sehr versuchen, die Exporte auf Kosten ihrer Nachbarn zu beeinflussen, sondern statt dessen Massnahmen zur Steigerung der Inlandsnachfrage einführen, ginge es der Welt besser. Dazu müssten sie sich aber weniger auf die Geldpolitik verlassen, sondern eher auf eine angemessene Haushaltspolitik (wie beispielsweise höhere Ausgaben für produktive Infrastruktur). Sogar eine Einkommenspolitik für höhere Löhne und damit höheren Konsum wäre eine bessere Methode zur Steigerung des Inlandswachstums als Währungsabwertungen (die zu niedrigeren Reallöhnen führen).

Die Summe aller Handelsbilanzen weltweit ist Null, was bedeutet, dass nicht alle Länder Nettoexporteure sein können – und der Währungskrieg ein Nullsummenspiel ist. Deshalb war Amerikas Eintritt in die Schlacht nur eine Frage der Zeit.
 

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff.

*Nouriel Roubini ist Vorsitzender von Roubini Global Economics und Professor an der Stern School of Business der New York University.

Copyright: Project Syndicate, 2015.