Die Führung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) beginnt hinter verschlossenen Türen zu diskutieren, welche Handlungsoptionen die Zentralbank hat, falls der Konjunkturaufschwung ins Stocken gerät oder die Inflationsrate in den USA deutlich sinkt. In diesen Tagen ist ein Treffen der Fed-Führung angesetzt, um den Zustand der US-Konjunktur zu begutachten.

Bis anhin hat die Meinung vorgeherrscht, dass der Aufschwung auf einem guten Weg ist und dass der nächste Schritt der Fed - wie weit entfernt er auch immer sein mag - eine Verschärfung der geldpolitischen Bedingungen sein wird.

Die vielen Risiken im Fokus

Die Probleme der Staatsfinanzen in Europa und die jüngsten Kursverluste an den heimischen Börsen haben die Verantwortlichen der Fed aber alarmiert. Die Befürchtung: Die US-Konjunktur könnte an Schwung verlieren und die Inflationsrate, die derzeit schon unter dem informellen Zielkorridor der Fed von 1,5 bis 2,0% liegt, weiter sinken. Das Deflationsrisiko wird langsam realer.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Fed ihre bisherige offizielle Position über die Konjunkturaussichten ändert, wenn sich die Spitzen der Notenbank treffen.

Aber hinter den Kulissen könnten Gespräche darüber geführt werden, was geschieht, wenn die Konjunktur sich schlechter entwickelt als erwartet. «Die Lage hinsichtlich der europäischen Staatsschulden ist ernst und es gibt viele offene Fragen, wie die Dinge sich entwickeln werden», sagt James Bullard, Präsident der Fed St. Louis. Sorgen mache die weiterhin hohe Arbeitslosigkeit. Narayana Kocherlakota, Fed-Chef in Minneapolis: «Es würde mich überraschen, wenn die Arbeitslosenquote vor Ende 2010 auf unter 9% sinkt oder vor Ende 2011 auf unter 8%.»

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Bestcase nicht ausgeschlossen

Die Verantwortlichen haben allerdings auch nicht ausgeschlossen, dass im Fall einer raschen Erholung mit starkem Zuwachs an Arbeitsplätzen, stabilem Konsum und solider Investitionstätigkeit die Fed den Leitzins schon früher anheben könnte als Anfang 2011, Zeitpunkt, den die Märkte derzeit erwarten.

Stockt der Aufschwung aber oder sinkt die Inflationsrate weiter, gibt es mindestens zwei Wege, die die Zentralbank beschreiten kann. Der erste: Sie kann wieder Vermögenswerte kaufen. Während der Finanzkrise übernahm die Fed schon einmal verbriefte Hypothekenkredite im Wert von 1,25 Billionen Dollar - zusätzlich zum Aufkauf von Staatsanleihen und den Schuldtiteln der Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac.

Der zweite Weg: Bisher werden Zins und Tilgung, die die Fed aus den aufgekauften Hypothekenkrediten einnimmt, nicht reinvestiert. Bis einschliesslich 2011 würde sich Cash in Höhe von etwa 200 Mrd Dollar ansammeln. Kauft die Fed damit Staatsanleihen oder Hypothekenanleihen, würde auch das helfen, dem Finanzsystem weitere Liquidität zur Verfügung zu stellen und die Zinsen niedrig zu halten.

Darüber hinaus könnten die Zentralbanker ihre Wortwahl ändern. Seit März 2009 betont die Fed, dass sie die Leitzinsen für einen ausgedehnten Zeitraum niedrig belassen will. Eine noch stärkere Betonung dieser Absicht könnte helfen, die langfristigen Zinsen einzufrieren.

Ein neuer Report der Fed San Francisco erwartet, dass die Fed frühestens Anfang 2012 Zinserhöhungen zur Eindämmung von Inflation oder Überhitzungen vornehmen muss. Das wäre später, als an der Wall Street allgemein erwartet wird.

Der Report zitiert eine Faustregel, nach der die Notenbank den Leitzins um 1,3 Prozentpunkte senkt, wenn die Inflationsrate um einen Prozentpunkt fällt. Sie senkt den Leitzins um 2 Prozentpunkte, wenn die Arbeitslosenquote um 1 Prozentpunkt steigt. Nach dieser Regel müsste der Leitzins derzeit bei minus 2,9% liegen.

Der Report kommt zu dem Schluss: «Es ist wahrscheinlich, dass es bis zu einem Ausstieg aus der konjunkturunterstützenden derzeitigen monetären Politik noch eine signifikante Zeit dauern wird.»