An der Zürcher Bahnhofstrasse kämpfen die Banken gegen den Verdacht, dass sie zu wenig Eigenkapital haben. Einige Hundert Meter entfernt am Mythenquai ist Swiss Re mit dem gegenteiligen Problem konfrontiert: Die Rückversicherer rund um die Welt sitzen auf zu viel Kapital.

So dürften die Eigenmittel von Swiss Re seit Ende des Krisenjahres 2008 um 57 Prozent gestiegen sein und Ende 2010 gegen 30,2 Milliarden Dollar erreichen, schätzt Georg Marti, Finanzanalyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Diese Entwicklung lässt sich branchenweit beobachten. Sie ist aber nicht nur der starken Erholung der Börsen zuzuschreiben, sondern auch dem günstigen Schadensverlauf der vergangenen Jahre.

Auf den ersten Blick ist das erfreulich: Je mehr Eigenkapital die Rückversicherer haben, desto risikofähiger sind sie und umso mehr Geschäfte können sie tätigen. Doch Dominic Simpson, Senior Credit Officer der Rating-Agentur Moody’s, warnt: «Da die Kapazitäten in den meisten Geschäftssparten und Regionen grösser sind als die Nachfrage, erwarten wir für die Vertragserneuerungsrunde per Anfang 2011 eine anhaltende Schwäche der Rückversicherungspreise.» Immerhin sei noch keine Aufweichung der Vertragskonditionen wie bei der letzten Branchenkrise in den späten 1990er-Jahren zu beobachten. Auch Swiss Re will sich nicht auf einen schädlichen Preiswettbewerb einlassen. Lieber weniger, dafür profitables Geschäft - dieses Motto hat Konzernchef Stefan Lippe bei der Präsentation der 3.-Quartals-Zahlen bekräftigt.

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Erstversicherer auf eigene Faust

Gleichzeitig dämpft Swiss Re hochfliegende Erwartungen, dass China und andere Schwellenländer durch eine rasch wachsende Nachfrage die brachliegenden Rückversicherungskapazitäten auslasten: «China ist klar eine langfristige Story und kein kurzfristiges Eldorado», erklärte Chief Underwriting Officer Brian Gray an einem Branchenanlass in Monaco.

Zu relativieren ist auch eine zweite, weit verbreitete Wachstumshoffnung: Dass die strengeren EU-Aufsichtsregeln Solvency II ab 2013 bei den Erstversicherern zu einer hohen Nachfrage nach Rückversicherungsdeckung führen. ZKB-Analyst Marti stellt klar: «Die grössten Konkurrenten der Rückversicherer sind nicht andere Rückversicherer, sondern die Erstversicherer, welche tendenziell ihre Selbstbehaltsquoten der Versicherungsrisiken erhöhen.»

Denn nicht nur die Rückversicherer, sondern auch deren Kunden, die Erstversicherer, verfügen derzeit über eine starke Kapitalbasis. Das erlaubt ihnen, auch grosse Risiken selber zu tragen und weniger auf Rückversicherungsdeckung zurückzugreifen. Die Rating-Agentur Moody’s hält fest: «Von den Erstversicherern aus der Nichtlebenbranche, die wir verfolgen, planen die meisten 2011 keine Erhöhung des Rückversicherungsbudgets.» Bei Swiss Re erwartet man, dass zumindest geografisch und branchenmässig wenig diversifizierte Erstversicherer und generell Versicherungsgenossenschaften aufgrund der Solvency-II-Regeln einen klaren Mehrbedarf an Rückversicherungsbedarf haben.

Um aber die Nachfrage nach Rückversicherung entscheidend zu steigern und den Markt wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wäre eine Grosskatastrophe nötig. Für die ersten elf Monate 2010 kommen die Statistiken von Swiss Re auf branchenweit 36 Milliarden Dollar Versicherungsschäden. Das entspricht dem Schnitt der letzten zwei Jahrzehnte - zu wenig, um die Überkapazitäten abzubauen. Nur eine neue Katastrophe mit versicherten Schäden von 40 bis 50 Milliarden Dollar (oder eine Serie von Ereignissen mit dieser Gesamtsumme) könnte den Preisdruck stoppen, schätzt Moody’s. Zum Vergleich: Der bislang teuerste Schaden der Geschichte, der Hurrikan Katrina, kostete laut US-Branchenverband PCI die Assekuranz 45,9 Milliarden Dollar.

Wegen der harten Konkurrenz und des Drucks auf Margen und Renditen schliesst der vom Hedgefonds-Manager George Soros mitfinanzierte Rückversicherer Glacier Re seine Tore in Pfäffikon SZ. Das ist aber ein Einzelfall: «Wir verzeichnen eine Zunahme von Bewilligungsgesuchen», so Tobias Lux, Mediensprecher der Finanzmarktaufsicht Finma. Mitte November waren von der Finma 25 Rückversicherer zugelassen. Inklusive geplanter Neugründungen schätzt Andreas Molck-Ude, CEO der Schweizer Munich-Re-Tochter New Re, die Zahl auf mittlerweile 34.

Bessere Rahmenbedingungen

Nachdem letztes Jahr der Versicherer Ace seine Holding von den Cayman-Inseln nach Zürich verlegt hat, will bis Ende 2010 auch die bislang auf den Bermudas domizilierte Allied World den Konzernsitz in die Schweiz bringen. Auch die britische Amlin hat ihr Bermuda-Geschäft in die Schweiz verschoben. Dass sich steuerliche und regulatorische Rahmenbedingungen auf den Bermudas verschlechtert hätten, sei ein Beweggrund für den Umzug, so Molck-Ude. «Die Haupttreiber aber scheinen strategische Erwägungen und ein einfacherer Geschäftszugang.» Entsprechend heisst es denn auch bei Allied World: Verbunden mit dem Umzug in die Schweiz sei das Ziel, «die Visibilität gegenüber Geschäftspartnern» zu erhöhen.

Catlin Re will in Europa an die Spitze

Jüngstes Beispiel ist die britische Catlin: Sie hofft, im Dezember die Zulassung für ihre Zürcher Tochter zu erhalten und ab 1. Januar 2011 operativ tätig werden zu können. Catlin Re Switzerland werde dabei nicht nur globales Geschäft zeichnen, so Mediensprecher James Burcke. «Unser Ziel ist, Catlin Re Switzerland zu einem führenden europäischen Spezial-Rückversicherer aufzubauen.»

Bei Swiss Re gibt man sich über den ausländischen Zuzug von Rückversicherern gelassen: «Wir glauben nicht, dass es zu einer verstärkten Konkurrenz im europäischen Markt kommt», meint Swiss-Re-Mediensprecher Tom Armitage. «Viele der Gesellschaften, die nach Zürich kommen, haben bereits in der einen oder anderen Form anderswo existiert, sodass das Konkurrenzumfeld für uns grösstenteils dasselbe bleibt.» Swiss Re sieht sogar Vorteile, dass die Region Zürich immer mehr zu einem Rückversicherungs-Cluster wird, mit schätzungsweise bereits 3800 Mitarbeitenden. «Es bedeutet», so Armitage, «dass Zürich zu einem ‹One-Stop-Shop› für Kunden wird und einen grösseren Pool an Fachkräften bietet.»

Die Schweiz hat sich damit gemäss Schätzungen von Swiss Re bereits zum drittgrössten Rückversicherungsstandort der Welt entwickelt.