Ein kleiner Raum im Wolkenkratzer in Midtown Manhattan ist jeden dritten Donnerstag im Monat der Ort, wo sich die Crème de la Crème des amerikanischen Derivatehandels trifft. Es ist ein Geheimtreffen. Wer mitmacht, wird nicht bekannt gegeben; was dort besprochen wird, noch weniger. Neun Mitglieder hat dieser mysteriöse elitäre Club.

Nun hat die «New York Times» den Geheimbund enttarnt. Gleich zwei der neun Männer arbeiten für Schweizer Banken. Das gemeinsame Ziel: Mit Kreditderivaten weiter viel Geld verdienen. Sie sperren Konkurrenten mit allen Mitteln aus, welche die Preise nach unten treiben könnten. Den Schaden in Milliardenhöhe tragen institutionelle Investoren als Kunden.

Herren ohne Bilder

Auch die UBS und Credit Suisse haben Fürsprecher in das einflussreichste Gremium für die künftige Behandlung von Kreditderivaten geschleust. Für die UBS ist Paul Hamill am Start, der erst im Juni als operativer Chef des US-Kredithandels begann - davor arbeitete er für den britischen Konkurrenten Barclays. Für die Credit Suisse mischt Andrew Hubbard mit - ein Veteran, der 2004 von der Deutschen Bank kam und als Leiter Credit Default Swaps (CDS) direkt unterhalb des Konzernchefs angesiedelt ist. Bilder gibt es von den Herren selbstredend nicht.

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Zu grosse und unüberschaubare Positionen in CDS und ähnlichen Kontrakten brachten Investmentbanken und Versicherungen 2008 an den Rand des Ruins. Ein CDS stellt eine Wette auf das Ausfallrisiko eines Emittenten dar - das kann ein Land wie Griechenland sein oder ein Versicherer wie AIG. Dazu ruft der Kunde beispielsweise bei Hamill oder Hubbard an und lässt sich einen Preis stellen. Kauft er den CDS, geht er einen Vertrag ein, erfährt aber wenig über die Konditionen wie etwa die Marge für die Bank oder frühere Preise in vergleichbaren Transaktionen. Kurz: Der reinste Blindflug. Es fehlt an Transparenz und damit auch an Wettbewerb.

Verteidigung mit Geschick

Mit der amerikanischen Finanzreform wurde das Problem angegangen. In Zukunft sollen CDS nicht mehr hinter verschlossenen Türen, sondern über eine Clearingstelle abgewickelt werden. Das bringt einheitliche Kontraktgrössen, nachvollziehbare Preise und grössere Sicherheit, weil die Mitglieder des Clearinghauses füreinander haften. Das sollte zu günstigeren Konditionen führen. Aber die Banken verteidigen mit Geschick ihre Margen. Sie kauften sich bei der elektronischen Börse Intercontinental Exchange ein, kurz ICE, und gründeten die Clearingstelle ICE Trust, über die CDS-Trades abgewickelt werden. Über sie wacht ein neunköpfiger Risikoausschuss - wahrscheinlich der Geheimklub.

Die neun grossen Namen an der ICE fungieren de facto wie ein Kartell. Die Banken dominieren nicht nur ICE Trust, sondern auch die Clearingstelle des Konkurrenten Chicago Mercantile Exchange. Es ist im Interesse jedes Mitglieds, Konkurrenten, von denen eine aggressive Preisgestaltung zu erwarten wäre, auszuschalten - am besten, indem ihnen der Zutritt aus formalen Gründen verwehrt wird. «Der Umsatz, den die Grossbanken mit Derivaten machen, ist sehr gross - entsprechend gross ist der Anreiz, sie zu schützen», sagt Darrell Duffie, Professor der Eliteuni Stanford. «Es wäre schwierig für sie, ihren Marktanteil zu wahren, wenn jeder, der seine Kreditwürdigkeit beweisen kann, Mitglied werden darf.»

Die Bank of New York Mellon bemüht sich seit Jahresanfang, Clearingmitglied zu werden - doch der Bank wurde bei drei von vier Clearingstellen erklärt, dass sie über zu wenig Kapital in ihrem Derivategeschäft verfüge. Eine erstaunliche Sache, führt das Institut doch das Clearing von insgesamt 2300 Milliarden Dollar für institutionelle Investoren durch. «Dass wir nicht qualifiziert sind, ist der helle Wahnsinn», schimpft Sanjav Kannambadi, Clearingchef der Bank of New York Mellon. Seine Kunden forderten den Clearingservice für Derivate, weil sie sich von den anderen Banken über den Tisch gezogen fühlen. Auch der Bankgigant State Street wurde abgeschmettert.

Kunden wie etwa Kenneth Griffin, Chef des Hedgefondsgiganten Citadel, sind stinksauer. «Unglaublich viel Geld», sagt er, würden die Banken auf ihre Kosten machen. Er schätzt den Schaden durch überhöhte Transaktionskosten für ihn und andere institutionelle Investoren auf mehrere 10 Milliarden Dollar: Die Initiative von Griffin, eine elektronische Börse für CDS zu schaffen, kam aufgrund des Widerstands der Banken zum Erliegen.

Ein bedeutendes Geschäft

Warum die grossen Häuser sich so verbittert gegen Reformen stellen, wird klar, wenn man sich die Zahlen anschaut. Wurden 2006 noch CDS im Wert von 503 Milliarden Dollar ausgestellt, gab es in diesem Jahr nur noch neue Kontrakte im Wert von 72 Milliarden Dollar. CS-Mann Hubbard erklärte Anfang Dezember gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg: «Jetzt in der Erholungsphase sind die Leute nicht mehr so besorgt über Kreditrisiken - entsprechend müssen sie sich nicht mehr so stark absichern.»

Die Banken an der Wallstreet stehen in anderen Geschäftsfeldern enorm unter Druck. Der zuvor lukrative Eigenhandel mit Wertschriften wird im Zuge der Finanzreform verboten und andere Geschäftstätigkeiten werden aus Risikoüberlegungen eingeschränkt. Da sind die «ökonomischen Renten» aus dem CDS-Geschäft, wie es Griffin ausdrückt, umso bedeutsamer geworden.