Die Notenbanken bereiten sich auf die «Exit-Strategie» vor. Doch einen fixfertigen Plan, wie der Ausstieg aus der Krisenpolitik gelingen kann, haben sie nicht in ihren Schubladen. «Die Notenbanker haben Bammel. Sie stehen vor einem schier unlösbaren Problem», sagt Niklaus Blattner, ehemaliger Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB).

Um diese entscheidende Aufgabe dennoch so gut wie möglich zu meistern, brauche es nicht den Mut und die Kraft eines Herkules, sondern die Balance eines Seiltänzers: «Die Notenbanken müssen sich schrittweise vortasten und unablässig die Augen offen halten», sagt Blattner.

Neuland für Währungshüter

Technisch gesehen ist es relativ einfach, die Liquiditätsmassen, die zur Krisenbekämpfung ins System gepumpt wurden, wieder abzuschöpfen. Extrem schwierig ist es jedoch, den optimalen Zeitpunkt dazu zu erwischen.

Wird das Geld zu früh verknappt, gerät der Wirtschaftsmotor ins Stocken. Zögern die Notenbanken zu lange, droht Inflation ? oder das Kapital sucht sich neue Anlagemöglichkeiten, und die nächste Blase entsteht. Die Währungshüter betreten Neuland.

Bisher haben sie sich am Inflationsziel orientiert. «Jetzt treten die Zentralbanken erstmals an, um die Kapitalmärkte zu stabilisieren und Blasen vorzubeugen», sagt Martin Hüfner, Chefökonom der Aquila-Gruppe. Noch profitieren Spekulanten aller Art vom «Gratis-Geld» im Überfluss. Und die Zentralbanken wollen erst aussteigen, wenn die wirtschaftliche Erholung an Fahrt gewinnt. Der Knackpunkt liegt laut Blattner darin, wie stark die Kapitalmärkte tatsächlich von der wirtschaftlichen Erholung getragen werden: «Der Ausstieg der Notenbanken würgt die Erholung ab, wenn sich herausstellt, dass der Aufschwung vor allem spekulativ getrieben war und die Wirtschaft doch auf wackligeren Beinen steht als angenommen.»

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Wie die Vergangenheit zeigt, neigen die Zentralbanken aber eher dazu, zu spät an der Zinsschraube zu drehen. In der jetzigen Wirtschaftskrise wiegt ein besonderer Bremsklotz schwer. Mit den milliardenschweren Rettungs- und Konjunkturpaketen sind die Schuldenberge der Staaten massiv angewachsen. Deshalb befürchtet nicht nur die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), dass der Ausstieg der Notenbanken durch grossen politischen Widerstand verzögert wird. «Trotz eines vergleichbar kleineren schweizerischen Schuldenpakets dürfte die SNB unter politischen Druck geraten, sobald sie aus der Krisenpolitik aussteigen will», erwartet Blattner.

Dies wird nicht so bald der Fall sein. Die Lage sei noch nicht stabil genug, um einen Ausstieg vorzunehmen, bekräftigte SNB-Direktionsmitglied Thomas Jordan kürzlich. Derweil haben sich die Notenbanken in Israel, Norwegen und Australien bereits mit Zinsschritten vorgewagt. «Als Nächstes sind vermutlich Südkorea, Mexiko, Brasilien und Indien an der Reihe», sagt Hüfner. Es handelt sich um Länder, die von der Rohstoffhausse profitieren und von der Krise weniger heftig getroffen wurden.

Die führenden Notenbanken wie die US-Notenbank Fed, die Bank of England oder die Europäische Zentralbank (EZB) würden ihre Leitzinsen aber wohl erst im Sommer 2010 erhöhen, erwartet Hüfner. Dann dürften auch viele andere Zentralbanken wie etwa die SNB im Fahrwasser der tonangebenden Notenbanken ihre Zinsen anheben.

«Die grossen Notenbanken werden zunächst damit beginnen, das Geld wieder aus dem System zu pumpen», sagt Hüfner. Die EZB wird wohl bereits ab 2010 dem Bankensystem wieder Liquidität entziehen. Die ganze Übung geht schrittweise vonstatten und dürfte bestimmt ein Jahr dauern.

Die Party geht noch weiter

«Das Einsammeln von Liquidität ist an sich eine schlechte Nachricht für Anleger», sagt Hüfner. Langfristig sei es aber zu begrüssen, da die ungesunde Volatilität gebremst wird.Und mitten in der Partynacht denkt niemand gerne an den Kater am nächsten Morgen. «An den Kapitalmärkten wird die Party weitergehen, solange nicht definitiv klar ist, wohin die geldpolitische Reise geht», sagt Blattner.

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Derzeit rechnen die meisten Marktteilnehmer damit, dass die wichtigen Zentralbanken frühestens Mitte 2010 ihre Leitzinsen erhöhen. Die bevorstehende Zinswende wird ihnen aber schon vorher Sorgen bereiten. Auch wenn die Lage an den Märkten aussergewöhnlich ist, lohnt sich ein Blick zurück.

Die Credit Suisse hat die Reaktion der Börsen in den vergangenen Phasen von Zinserhöhungen untersucht. Das Resultat ist beruhigend: Die erste Zinserhöhung hat jeweils keine Trendwende eingeläutet. Allerdings könnte die Aufwärtsbewegung abflachen oder die Märkte für eine gewisse Zeit konsolidieren. Darauf folgt dann wieder ein Kursanstieg, und im Durchschnitt werden neue Höchststände erreicht.