Sind Sie gut ins neue Jahr gestartet?

Pierin Vincenz: Perfekt, bei so viel Sonnen-schein und Schnee geht es mir gut.

Welchen Vorsatz haben Sie sich für das neue Jahr gefasst?

Vincenz: (Überlegt lange) Vielleicht etwas mehr Sport zu treiben? Es fällt mir gerade nichts ein.

Kommen wir zum Baugeschäft. Seit September 2009 spannen Valiant und PostFinance zusammen. Was war Ihr erster Gedanke?

Vincenz: Also mein Puls ist nicht in die Höhe geschnellt. Was ich dazu sagen kann, ist, dass Raiffeisen im Kerngeschäft mit den gleichen Produkten im gleichen Markt keine Kooperation eingehen würde. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass dies den Kunden irritiert. Zudem demotiviert es die Mitarbeitenden, da die Kunden teilweise wegen des Preises zum Kooperationspartner wechseln. Das löst insofern Unverständnis aus, als die Kooperation bedeuten sollte, sich gegenseitig zu stützen und nicht sich gegenseitig die Kunden abzuluchsen. Ich bin aber gespannt, wie sich dies zwischen PostFinance und Valiant weiterentwickeln wird. Interessant scheint mir der Aufbau einer Kreditabwicklungsplattform für beide Institute zu sein.

Nun wurde Jürg Bucher zum neuen Post-CEO gewählt. Damit ist wohl die Suche nach einem neuen PostFinance-Chef eröffnet. Haben Sie Interesse?

Vincenz: Ich bin jetzt bald 54 Jahre alt, und dort würde ich das Gleiche tun wie hier. Für mich ist es hier jedoch schöner (lacht).

Dank des Post-Knatsches ist die Diskussion um eine Banklizenz für PostFinance in den Hintergrund gerückt. Als Gegner einer Postbank ist dies wohl ganz in Ihrem Sinne?

Vincenz: Das ist durchaus gut so. Bereits heute werden zu viele Unternehmen vom Staat getragen. Mit einer Banklizenz würde das Klumpenrisiko weiter ansteigen. Die Situation der bereits überverstaatlichten Geschäftsmodelle muss in Zukunft bereinigt werden.

Müssten auch bei der UBS Konsequenzen gezogen werden?

Vincenz: Zugegeben, wir wurden alle von der Finanzkrise überrumpelt. Das Tempo wurde massgeblich unterschätzt. Umso mehr zu begrüssen ist es, dass der Regulator nun Massnahmen erarbeitet, wie vorgegangen werden muss, sollte wieder einmal ein Schweizer Bankenhaus in Schieflage geraten. Denn es kann nicht sein, dass ein Institut vom Bund gestützt wird und sich anschliessend wieder in den Markt integriert, als wäre nichts gewesen. Die Marktwirtschaft zeichnet sich ja dadurch aus, dass diejenigen Unternehmen untergehen, welche falsch im Markt agieren.

2008 konnten Sie mit Raiffeisen auch dank der Finanzkrise starke Zahlen ausweisen. Und 2009?

Vincenz: 2009 sind wir erneut stark gewachsen. Auf der Renditeebene sind wir auf dem Niveau von 2008. Das heisst, dass wir trotz Margendruck den Ertrag auf dem Vorjahresniveau halten konnten.

Wie sieht es bei den Neukundengeldzuflüssen aus?

Vincenz: Einzelne institutionelle Kunden haben ihre Gelder wieder abgezogen, da das Geld nur kurzfristig parkiert wurde. Dieses Geschäftsfeld ist aber auch nicht unser Hauptfokus. Wir legen das Schwergewicht auf die Privat- und Firmenkunden und da hatten wir kaum Abflüsse. In diesem Geschäft geht es vor allem um die Frage einer stabilen Kundenbeziehung sowie um den Preis. Während der Krise haben wir Gelder gewonnen, weil das Vertrauen in die Grossbanken fehlte. Nun ist die Preissensibilität bei den Kunden wieder gestiegen, und die Verteilung findet unter mehreren Banken statt.

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Konnten Sie sich dabei profilieren?

Vincenz: Ja, das ist uns gut gelungen. Wichtig ist aber auch, dass die Kunden aufgrund der Krise ihre Gelder auf mehreren Banken deponierten, um das Risiko zu minimieren, sollte eine Bank in Schieflage geraten. Von dieser Streuung profitieren wir natürlich auch.

Das heisst, Sie erwarten auch 2010 mehr Neukunden?

Vincenz: Unabhängig von der Finanzkrise wächst die Raiffeisen-Gruppe schon seit Jahren über dem Markt. Erste Resultate zeigen, dass wir das wiederum auch in 2009 erreicht haben. Entsprechend bin ich auch für 2010 zuversichtlich.

Ein von Raiffeisen deklariertes Wachstumsfeld ist der Hypothekenmarkt. Allerdings wollen sich nun wieder viele Schweizer Banken vermehrt auf den Heimmarkt konzentrieren. Bremst dies Ihre Strategie?

Vincenz: Es ist durchaus so, dass Privat- oder Regionalbanken in der Schweiz wieder vermehrt Präsenz markieren. Auch Grossbanken fokussieren wieder verstärkt auf die Schweiz. Klar ist, dass der Konkurrenzkampf noch viel intensiver wird.

Bereitet das Ihnen Kopfzerbrechen?

Vincenz: Nein, viel eher bestätigt uns dies in unserer Strategie, mit vielen Bankstellen nahe beim Kunden zu sein. So sind wir gut aufgestellt. Und da wir unser Bankstellennetz in den letzten Jahren bereits aufgebaut haben und uns auch entsprechend positionieren konnten, werden wir von der neuen Entwicklung nur profitieren. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir gut aufgestellt sind.

Dennoch, der Margendruck nimmt kontinuierlich zu und kratzt an den Gewinnen.

Vincenz: Der Preiskampf ist im Bankenmarkt voll im Gange. Aber da holen wir eigentlich nur etwas nach, was in der Industrie schon seit 30 Jahren vorherrscht. Der eine oder andere Banker hat damit noch etwas Mühe. Aber für mich ist das nichts Neues. Denn vor meinem Wechsel zur Raiffeisen war ich in der Industrie tätig. Ich weiss, dass es wichtig ist, die Kosten zu optimieren und gleichzeitig im Markt zu wachsen. Hier die Balance zu finden, ist eine grosse Herausforderung.

Werden alle hiesigen Banken dieser Situation gewachsen sein?

Vincenz: Es wird sicherlich spannend. Einige werde diese Herausforderung sehr gut meistern, andere weniger. Der Markt wird knallhart entscheiden.

Die Schweizer Bankenlandschaft ist auch von kleineren Privatbanken geprägt. Wäre es für Raiffeisen denkbar, mittels Übernahme im Private Banking Fuss zu fassen?

Vincenz: Ich glaube, Raiffeisen sollte sich auf das konzentrieren, was sie gut kann: Nämlich auf das Privat- und Firmenkundengeschäft. Wir machen keine Segmentierung, sondern wir wachsen mit dem Kunden. Insofern sind wir bereits teilweise im Private Banking tätig. Dies ergibt sich automatisch mit dem Potenzial des Kunden. Ich sehe aber nicht, dass wir in unserem bestehenden Geschäftsmodell separat eine Struktur aufbauen, die dem Segment «vermögende Kunden» dient.

Beispielsweise über eine Kooperation?

Vincenz: Für Kooperationen sind wir offen, die komplementär zu unserer Strategie passen wie die Zusammenarbeit mit Vontobel und Helvetia. Allerdings möchten wir als Retailbank positioniert bleiben. Die Entwicklung in der Schweiz zeigt aber, dass die Grenzen zwischen Privat- und Retailbanken immer fliessender werden.

Eine weitere Herausforderung im Hypothekarmarkt ist die mögliche Abschaffung des Eigenmietwertes zu Lasten des Schuldzinsabzugs.

Vincenz: Da wird versucht, eine typisch schweizerische Konstruktion zu ändern. Dieses Konstrukt hat bisher gut funktioniert, da davon vor allem jüngere Menschen profitierten. Nun gibt es aber aufgrund des demografischen Wandels in der Schweiz immer mehr Rentner. Und diese haben zwar kein klassisches Einkommen mehr, aber dennoch den Druck des Eigenmietwerts. Dadurch entstehen jetzt solche Ideen, an einem System zu rütteln, das sich in der Vergangenheit grundsätzlich sehr bewährt hat.

Welche Auswirkungen hätte dies für die Schweiz?

Vincenz: Das hat Auswirkungen auf die Möglichkeit, überhaupt Eigentum zu erwerben, aber auch auf die steuerlichen, Belastungen der Einzelpersonen. Zudem würden wohl weniger Unterhaltsarbeiten an den Objekten vorgenommen werden, da die Kosten nicht mehr von den Steuern abgezogen werden können. Aber auch bei den Pensionskassen könnte sich ein solcher Entscheid stark bemerkbar machen. So ist es durchaus denkbar, dass mehr Kapital rausgezogen wird, um die Hypotheken zu amortisieren. Das ist aber nur ein Teil der möglichen Auswirkungen. Wichtig ist, dass nun alle Folgen einer solchen Abschaffung genauestens analysiert werden und darüber informiert wird. Schlussendlich wird der definitive Entscheid demokratisch ausgefochten.

Welche Auswirkungen hätte dies für Raiffeisen?

Vincenz: Wir beobachten die Situation und warten den Gegenvorschlag des Bundesrates zur Volksinitiative ab. Würde aber der Eigenmietwert zulasten des Schuldzinsabzuges abgeschafft werden, rechnen wir mit einer Reduktion von 10 bis 15% des Hypothekarvolumens. So wäre damit alles darauf ausgerichtet, die Hypothek möglichst rasch zu amortisieren. Wir rechnen aber auch damit, dass der Markt weiterhin wächst und wir den Rückgang in wenigen Jahre kompensieren. Nicht zuletzt, da durch Zuwanderung neue Nachfrage entsteht.