Sie kommen gerade von einer langen Telefonkonferenz mit der Rabobank. Zieht Ihr Mutterhaus die Zügel langsam an?

Joachim Strähle: Nein, wir haben absolute Freiheit. Wir brauchen keine Genehmigungen von der Rabobank. Es geht darum, dass wir von Zeit zu Zeit in Holland sind, das Gesicht zeigen und präsentieren, was wir alles tun und gemacht haben. Dies ist auch wichtig, wenn wir die Unterstützung unseres Mutterhauses brauchen.

Wo braucht Sarasin Unterstützung?

Strähle: Wir unterstützen uns gegenseitig, so wie sich das in einer gut funktionierenden, kooperativen Zusammenarbeit innerhalb einer Gruppe gehört. Wenn die Rabobank eine Anleihe herausgibt, können wir diese zum Beispiel im Mittleren Osten bei grösseren Kunden platzieren. Umgekehrt ist die Rabobank für uns ein wichtiger Türöffner für verschiedene internationale Märkte. Unser Mutterhaus könnte uns bei einer grösseren Akquisition unterstützen.

Was kommt als Übernahme in Frage?

Strähle: Wir sind an einem grösseren Übernahmeobjekt mit verwalteten Vermögen von mehr als 20 Mrd Fr. interessiert. Wir schauen immer wieder Objekte an.

Sarasin will die Mehrheit an der Neuen Zürcher Bank (NZB) übernehmen. Handeln Sie sich damit nicht ein gewisses Reputationsrisiko ein?

Strähle: Derzeit läuft die Due Diligence. Allfällige Reputationsrisiken aus der Vergangenheit werden wir in diesem Zusammenhang sicherlich prüfen.

Sehen Sie in der Schweiz weitere Chancen für Zukäufe?

Strähle: Ich hoffe, dass wir an der Konsolidierung teilnehmen können. In der Schweiz bin ich mir nicht sicher, ob angesichts des je nach Institut möglicherweise hohen Anteils an undeklarierten Vermögen eine Übernahme wirklich Sinn macht. Ich will aber nicht die Zukäufe der anderen Banken kritisieren. Im Ausland stehen für uns die Märkte Asien, Deutschland oder Grossbritannien im Fokus. Übernahmen haben für uns aber keine absolute Priorität. Wir können auch weiterhin organisch im zweistelligen Bereich wachsen.

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Sie wollten in diesem Jahr in China eine Niederlassung prüfen. Wie weit sind Sie?

Strähle: Pläne bestehen. Es wird aber wohl erst 2010 spruchreif. Wir warten noch auf den Startschuss der Aufsichtsbehörde.

Auch in Deutschland wird die Expansion schnell vorangetrieben. Ist noch ein vierter Standort geplant?

Strähle: Ich sage dazu nicht kategorisch Nein. Deutschland ist für uns eine Erfolgsstory. Wir haben die Onshore-Lizenz und die Freistellungserklärung für das Crossborder-Geschäft.

In der Schweiz haben Sie Niederlassungen in Luzern und Zug ins Auge gefasst.

Strähle: Im Moment ist nichts geplant. Wir waren aus Kostenüberlegungen im Jahr 2009 etwas vorsichtiger. Wir haben uns auf Regionen konzentriert, in denen wir schon tätig sind, und haben sichergestellt, dass diese auch profitabel sind.

Drücken Sie mittlerweile schon wieder voll auf das Gaspedal?

Strähle: Noch nicht ganz. Die Märkte müssen sich erst stabilisieren, bevor man in die Vollen geht. Wir werden per Jahresende netto rund 20 Mitarbeiter mehr sein als Ende 2008. Im nächsten Jahr wollen wir dann wieder auf den mittelfristigen Wachstumskurs zurück, dass heisst wir wollen jährlich etwa 50 zusätzliche Kundenberater anstellen.

Halten Sie an den übrigen mittelfristigen Zielsetzungen fest? Sie wollten diesen Herbst neue Ziele formulieren ...

Strähle: Unsere Ziele für 2010 wollen wir immer noch erreichen. Wir sind derzeit mitten im Prozess, festzulegen, wo wir 2015 stehen wollen. Ankündigen werden wir diese Ziele erst anlässlich der Publikation der Jahreszahlen.

Für 2009 haben Sie ein Resultat auf Vorjahreshöhe in Aussicht gestellt.

Strähle: Wir sind verhalten ins Jahr gestartet. Ab April sind wir in Fahrt gekommen. Auch das 3. Quartal war sehr erfreulich. Ich hoffe, dass dieser Schwung bis Ende Jahr anhält. Wir werden unser Ziel erreichen, wenn die Märkte bis dahin stabil bleiben. Wir sind positiv für die Entwicklung an den Börsen. Persönlich denke ich aber, dass die Aktienmärkte 2010 nicht so stark zulegen, wie viele annehmen. Es werden Konjunkturdaten aus den USA veröffentlicht werden, die vermutlich eine Stagnation herbeiführen.

Ihr Jahresziel von über 7 Mrd Fr. Neugeldern haben Sie sicher schon erreicht.

Strähle: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass wir unser Jahresziel erreichen beziehungsweise übertreffen. Wir haben nach wie vor sehr erfreuliche Nettoneugelder. Das Wachstum der Nettoneugelder hat sich im Vergleich zum 1. Halbjahr noch beschleunigt beziehungsweise die Entwicklung in den Monaten Mai, Juni, Juli hat sich fortgesetzt.

Sarasin kann das Neugeld nicht so gut in Margen ummünzen wie andere Banken ...

Strähle: Wir haben Fortschritte gemacht. Wir haben unsere Preise überprüft und mit Wirkung per 2. Quartal in der Schweiz eine neue Gebührenstruktur eingeführt. Die Kunden sind aber noch immer vorsichtig und halten mehr Bargeld als in normalen Zeiten. Wir sehen aber auch, dass wegen der guten Performance vermehrt gemanagte Mandate nachgefragt werden. Nicht zuletzt muss man jedoch sehen, dass unser Neugeldanteil hoch ist. Das drückt auf die Marge.

Sie streben eine Bruttomarge von 90 Basispunkten für 2010 an. Schaffen Sie das?

Strähle: Das Ziel ist etwas ambitiös. Mit den Kosten liegen wir sehr gut im Rennen. Es ist eher eine Frage des Ertrags. Wir sind keine «Produktepusher», deshalb leiden wir immer wieder unter Margendruck. Das ist aber einfach unser Geschäftsmodell. Die Kunden haben dafür mehr Vertrauen in uns als Bank.

Die Retailkunden hat Sarasin an die Tochter Zweiplus ausgelagert. Im 2. Halbjahr wollte die Bank eine grössere Übernahme ankündigen. Wird dies noch gelingen?

Strähle: Wir hoffen, noch in diesem Jahr etwas ankündigen zu können. Wir sind aber nicht im Zeitdruck. Zweiplus wächst nicht so schnell wie in normalen Zeiten, ist aber profitabel.

Auch um die angestrebten Partnerschaften ist es ruhig geworden ...

Strähle: Es ist um alle ruhig geworden. Wir wollen mehr Kunden auf die Plattform bringen. Es geht in die richtige Richtung.

Ist längerfristig ein Verkauf geplant?

Strähle: Wir müssen zuerst eine Wachstumsstory entwickeln. Dies dauert sicher zwei bis vier Jahre. Es kann aber sein, dass plötzlich jemand anklopft und der Preis stimmt. Wenn wir Gelegenheiten sehen, packen wir sie beim Schopf.

Hat Sarasin in den nächsten Jahren einen Wettbewerbsvorteil, weil die Bank offenbar wenig undeklarierte Vermögen hält? Sie selbst schätzen den Anteil auf 5% ...

Strähle: Ja, in den nächsten zwei bis fünf Jahren wird dies zu einem Wettbewerbsvorteil. Dazu kommt, dass wir stark in Asien oder dem Mittleren Osten wachsen, wo die Steuerfrage kein Thema ist.

Hat der Kampf der Italiener gegen Steuersünder bei Sarasin zu Abflüssen an Kundengeldern geführt?

Strähle: Nein, das ist für uns nicht der Rede wert. Wir haben in Lugano eine kleine Filiale mit ein paar Mitarbeitern. Es ist für mich ein Säbelrasseln: Die Finanzminister müssen gegenüber der Öffentlichkeit Aktivität zeigen. Man sollte sich nicht davon beeindrucken lassen. Mich würde interessieren, wie erfolgreich die Steueramnestie in Italien tatsächlich ist. Im Moment höre ich tiefe Zahlen.

Von regulatorischer Seite nimmt die Finma die Banken unter die Lupe. Sehen Sie die Gefahr, dass jetzt über das Ziel hinaus geschossen wird?

Strähle: In der Bankenwelt verdienen wir unser Geld, indem wir Risiken eingehen. Das wissen alle, und damit müssen wir umgehen. Eine Überregulierung wird unserer Industrie nicht helfen. Die Finanzkrise ist auch nicht nur von den Bankern herbeigeführt worden. Die Investoren wollten auch hohe Renditen. Wenn jetzt alle mit ihren Renditevorstellungen auf dem Boden bleiben, wird es auch bei den Banken nicht mehr so schlimm zu- und hergehen. Das kann man nicht nur mit Regulierung hinbiegen. Es hat auch mit Verantwortung zu tun. Schauen Sie mal, wie viele Autofahrer die Tempolimiten einhalten.

Banker fahren gerne schnelle Autos. Man könnte saftige Bussen verteilen ...

Strähle: Banker können doch gar nicht schnell fahren, sie werden in der Limousine chauffiert (lacht). Im Ernst: Was bringen Sie mit Bussen hin? Es braucht immer Checks-and-Balances. Es geht um Verantwortung. Wir hätten zum Beispiel die Saläre reduziert, statt im grossen Stil Stellen abzubauen, wenn wir dazu aufgrund der Börsenlage gezwungen gewesen wären. 2008 hat die gesamte Geschäftsleitung trotz Gewinn auf den Bonus verzichtet.

Wird die Finma jetzt bei den Privatbanken die Schraube stärker anziehen?

Strähle: Wir müssen schon ehrlich sein. Wenn die Grossbanken Milliardengewinne erzielen, ist es für die Finma schwierig zu sagen, dass die Bank ihre Positionen herunterfahren soll. Es stecken auch wirtschaftliche Interessen dahinter. So funktioniert der Mensch. Wenn Sie die Pistole am Kopf haben, sagen Sie nichts mehr dagegen. Heute ist die Situation anders. Man schaut sich die Dinge unterdessen genauer an.