Essen Sie täglich Fleisch?

Adolphe R. Fritschi: Ja, sicher.

Allerdings tun das immer weniger Leute. Die höchsten Zuwachsraten im 1. Halbjahr bei Bell verzeichnete nicht Fleisch, sondern Seafood.

Fritschi: Seafood ist eine erfreuliche Geschichte, aber Seafood kann man nicht gegen das Fleisch ausspielen. Fisch ist komplementär. Seafood ist eben die Vorspeise. Letztes Jahr hätte ich geschworen, dass Seafood dieses Jahr stagnieren wird, weil Seafood das teuerste Produkt ist, das wir führen. Es ist sogar teurer als Kalbfleisch. Seafood wächst jetzt noch zwischen 5 bis 12% im Vergleich zur Vorjahres- woche.

Worauf führen Sie das zurück?

Fritschi: Offensichtlich haben die Schweizer gelernt, Seafood zuzubereiten. Vor allem die jungen Leute kaufen dies. Und die Konsumenten sind überzeugt, Seafood sei gesund und mager.

Wird der Trend nach Seafood und Convenienceprodukten, die ebenfalls stark wachsen, weiter anhalten?

Fritschi: Davon bin ich überzeugt. Der Konsum ausser Haus nimmt zu. Wir sind stark im Zubereiten von Sandwiches und Salätli und zudem der grösste Anbieter von Birchermüesli.

Wie stark ist Bell im 2. Halbjahr gewachsen?

Fritschi: Es gibt einen leichten Knick im 2. Halbjahr.

Wieso?

Fritschi: Die Preissensibilität der Konsumenten ist stärker geworden. Die güns- tigen Artikel laufen wieder besser. Bei unserem Hauptkunden Coop sind das Prix- Garantie-Produkte. Seit den Sommerferien wächst dieses Sortiment deutlich.

Ist das nicht ein Widerspruch: Einerseits wächst Prix Garantie, aber anderseits auch relativ teures Seafood?

Fritschi: Die Schere geht auseinander. Auch Bio läuft nach wie vor ungebrochen gut. Wir haben zu wenig Biofleisch, insbesondere beim Schweinefleisch. Aber der heutige Kunde switcht. Einmal kauft er Teures, dann wieder Billiges. Ich versuche, mich immer in die Hausfrau mit zwei Kindern zu versetzen: Die kauft eben Hackfleisch, wenn die Krankenkassenprämien steigen.

Um wie viel Prozente wächst Bell?

Fritschi: Dank den Übernahmen wuchs die Gruppe im 1. Halbjahr um 40%.

Und ohne Übernahmen?

Fritschi: Das Volumen wuchs um 2,9%, der Umsatz lag auf Vorjahresniveau. Das hängt stark mit den sinkenden Preisen zusammen.

Wie wirkt sich das auf das Ergebnis aus?

Fritschi: Bei der Charcuterie verdienen wir weniger dieses Jahr. Der Preiskampf der Retailer Migros und Coop schlägt auf uns zurück. Die Logistik ist teurer und auch die Energie. Wir brauchen viel Energie für unsere gekühlten Produktionsräume.

Ihr Marktanteil in der Schweiz beträgt 25% auf Stufe Fleischgewinnung. Sie beliefern vor allem Coop. Ist Ihr Mutterhaus Coop nicht ein Klumpenrisiko?

Fritschi: Wir sind Hauptlieferant von Coop, der rund 60% unseres Umsatzes in der Schweiz ausmacht. Ich lebe seit 16 Jahren mit der Situation, dass Coop unser Hauptkunde ist. So schlecht ist es nicht gelaufen.

Ist man nach 16 Jahren nicht ein wenig betriebsblind geworden?

Fritschi: Das mag schon sein, aber das bessert ja. Es dauert nur noch vier Jahre bis zu meiner Pensionierung.

Sie sind ursprünglich Metzger. Heute gibt es fast keine Metzgereien mehr. Ist das nicht schade?

Fritschi: Meine Vorgänger haben zu lange an das Modell Fachgeschäft geglaubt, aber die Kunden wollen alles unter einem Dach und Selbstbedienung. Das Fachgeschäft ist ein sterbender Schwan.

Wie läuft eigentlich das Auslandgeschäft? 2008 hat Bell drei Firmen gekauft.

Fritschi: Diese drei Firmen sind völlig verschieden. Der Rohwurst- und Schinkenproduzent Polette in Frankreich merkt erst im 2. Halbjahr, dass es zäher geht. Die deutsche Abraham als Rohschinkenspe-zialistin produziert das teuerste Charcuterieprodukt. Wir merken, dass die Krise in Deutschland angekommen ist und dass der Konsument weniger Rohschinken isst. Wir rechnen bei Abraham mit weniger Umsatz. Und bei Zimbo läuft es in Deutschland gut, aber Zimbo ist stark in Osteuropa aufgestellt, und dort läuft es harziger. Aber das 2.Halbjahr ist stark geprägt vom Weihnachtsgeschäft. Da lasse ich nicht die Ohren lampen, wenn es etwa zäher geht.

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Das Auslandgeschäft ist schwierig, trotzdem wollen Sie vor allem dort zulegen.

Fritschi: Es bleibt uns nichts anderes übrig. Der Schweizer Markt ist gesättigt. Wir wollen im Ausland im Charcuteriebereich weiter akquirieren. Wenn etwas Passendes im umliegenden Ausland daherkommt, würden wir zugreifen. Nicht in Frage kommt für uns etwas aus dem Frischfleischbereich, also kein Schlachthof und keine Zerlegerei.

Wäre zum Beispiel italienischer Salami interessant für Bell?

Fritschi: Genau, so etwas wäre wünschenswert.

Welche anderen Regionen sind interessant?

Frischi: Österreich liegt kulturell nahe und hat ähnliche Konsumgewohnheiten wie wir. Sie machen auch Wurst und Schinken.

Wie kommen Sie mit der Integration der Firmen voran, die Sie letztes Jahr gekauft haben?

Fritschi: Sehr gut. Die Firmen, die zu uns gestossen sind, passen von den Produkten und vom Management her zu uns. Das ist für uns zentral.

Synergien nutzen heisst oft Stellenabbau. Haben Sie das gemacht?

Fritschi: Nein. Wenn das nötig gewesen wäre, dann wären die Firmen nicht gesund gewesen. Wir übernehmen keine Sanierungsfälle.

Wie spürt Bell die Schweinegrippe?

Fritschi: Mit dem Ausdruck «Schweinegrippe» tut man diesem Tier unrecht. Die Schweinebauern sind sehr verärgert über diesen Ausdruck. Sie behaupten, dass der Preiszerfall beim Schweinefleisch damit zu tun hat. Meiner Meinung nach hat das jedoch mit der Überproduktion zu tun.

Das heisst, Bell spürt nichts?

Frischi: Nein, bis jetzt nicht. Wir würden es spüren, wenn ein grosser Anteil der Bevölkerung krank würde. Kranke Leute essen weniger. Vielleicht könnte es dann auch schwierig werden, die Produktion aufrecht-zuerhalten. Aber viele Leute haben in Bezug auf die Schweinegrippe hyperventiliert. Bisher lief alles gut. Wir gehen davon aus, dass das so bleibt.

Seit Bell die Halbjahreszahlen publiziert hat, ist der Aktienkurs gesunken. Woran liegt das?

Fritschi: Wir haben während der Krise weniger gelitten als der Gesamtmarkt. Deshalb gehen wir davon aus, dass gewisse Realisierungseffekte stattgefunden haben. Wir wissen von grossen institutionellen Kunden, die Gewinne realisieren mussten, damit ihre Bilanzen entsprechend besser aussehen.

Wie viel Potenzial liegt noch in der Aktie?

Fritschi: Da liegt bestimmt noch Potenzial drin. Aber wir sind natürlich nicht so ein sexy Papier für gewaltige Höhenflüge. Fleischwaren sind stabil und stellen einen sicheren Wert dar.

Sie sagen es: Hat der Kursrückgang nicht mit den Risiken der eingeschlagenen Auslandstrategie zu tun?

Fritschi: Es gibt sicher Investoren, die denken, dass Bell nicht ins Ausland hätte gehen sollen, es gab schon Bedenken bezüglich der Risiken. Aber was für Unternehmer wären wir, wen wir keine Risiken eingehen würden? Früher oder später werden wir den Agrarfreihandel haben in der Schweiz. Deshalb dürfen wir nicht auf dem Ofenbänkli sitzen bleiben.