Vergessen scheinen die Verluste der geplatzten Dotcom-Blasen. Wie einst vor der Jahrtausendwende gehören Hightechwerte heute zu den Lieblingen der Anleger. Einmal mehr sind dabei die US-Investoren am mutigsten: Dort tummeln sich unter den besten Aktien des Kursbarometers Dow Jones seit Beginn des Jahres mit IBM, Microsoft, Cisco, Hewlett-Packard und Intel gleich fünf Tech-Titanen unter den Top zehn.

Entsprechend stieg der Sektorindex S&P 500 Information Technology seit dem Tiefpunkt vom letzten März um knapp 80% und entwickelte sich damit 15 Prozentpunkte besser als der S&P 500 Index (siehe Grafik).Doch das Kalkül hinter den Zukäufen im Technologiesektor ist diesmal ein anderes. «Hightechunternehmen gelten als relativ stark konjunkturabhängig», sagt Markus Zschaber, Fondsmanager der M.Z.V. Vermögensverwaltung. «Bei den ersten Anzeichen einer Stabilisierung haben die Technologiewerte deshalb vielfach die erhoffte wirtschaftliche Erholung mit stark steigenden Kursen vorweggenommen.»

Warnung vor dem grossen «W»

Diese Korrelation zeigt aber auch klar die Gefahren für Anleger auf, die jetzt noch in das Segment einsteigen: Denn das Schicksal der Tech-Rally 2.0 ist eng mit der Frage verwoben, ob die Wirtschaft in den entwickelten Industrienationen tatsächlich über den Berg ist oder ob die Konjunktur doch erst noch den zweiten Abwärtshaken des «W» durchlaufen muss. «Leider spricht derzeit vieles für letzteres Szenario», sagt Keith Wade, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Schroders. Und dann dürfte es auch die Aktien aus der IT-Branche noch einmal empfindlich erwischen.

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Lohnendes Kostenmanagement

Fundamental zumindest präsentieren sich die Grossen des Sektors gut aufgestellt. «Die Unternehmen haben im Abschwung konsequent ihre Kosten reduziert, oftmals deutlich stärker als vom Markt erwartet», sagt Knut Woller, Branchenanalyst bei Unicredit.

Kein Wunder: Gerade dieser Sektor war schliesslich vom plötzlichen Ende des TMT-Booms (Technologie, Medien, Telekom) besonders kalt erwischt worden und beweist nun, dass die Manager etwas aus der letzten Krise gelernt haben. Das strikte Kostenmanagement wurde vor allem in der laufenden Quartalssaison belohnt, als es gut 80% der bisher berichtenden Konzerne gelang, die Erwartungen des Marktes zu schlagen.

Freilich naht nun der Zeitpunkt, an dem die Unternehmen auch «liefern» müssen. Bisher haben sie es überwiegend durch Ausgabendisziplin geschafft, ihre Margen zu stabilisieren. «Doch sparen bringt langfristig nichts, wenn der Absatz stagniert oder gar sinkt», gibt Jens Herdack, Marktstratege der Weberbank, zu bedenken. Und mit dieser Tatsache haben weiterhin viele der Konzerne zu kämpfen. Anleger sind zwar bereit, das zu akzeptieren. Aber dann muss die Perspektive stimmen.Das bekamen Ende Oktober die Aktionäre der deutschen Softwareschmiede SAP zu spüren. Die Walldorfer hatten nicht nur für das abgelaufene Quartal einen Umsatzeinbruch von 9% vermeldet auch für den folgenden, gewöhnlich besten Dreimonatszeitraum mussten sie die Prognose zurücknehmen. Die Aktie stürzte um ganze 7% ab. Schon vorher hatten die SAP-Aktionäre wenig Grund zur Freude. Die Aktie hatte den Aufschwung des Gesamtmarkts nur unterproportional mitgemacht.

Der Funke, der das Papier anspringen lässt, könnte sich aber aus der besonderen Konstellation auf dem Technologiesektor ergeben. «SAP spielt im Zuge der fälligen Konsolidierung der IT-Branche eine besondere Rolle», sagt Analyst Woller. «Aufgrund seiner Ausrichtung wäre der Konzern für Unternehmen wie Oracle, IBM, Microsoft oder Hewlett-Packard eine strategisch sinnvolle Ergänzung.»

Übernahmekampf entbrannt

Und die Konsolidierung innerhalb des Sektors ist bereits im Gang. SAP-Konkurrent Oracle kämpft zurzeit mit der Europäischen Kommission um grünes Licht für die Übernahme des Computerherstellers Sun Microsystems, die deutsche Software hat IDS Scheer übernommen und Gerüchte ranken sich zum Beispiel um ein mögliches Zusammengehen des Netzwerkherstellers Cisco Systems mit dem Speicherspezialisten EMC.Gute Aussichten also für den Tech-Sektor? Das Fundament der aktuellen Rally jedenfalls scheint deutlich stabiler als zehn Jahre zuvor. Die Frage bleibt allerdings, wie viel von den langfristig guten Aussichten der Branche jetzt schon in den Kursen eingepreist ist. «Auf mich macht der Sektor mit Blick auf die Stabilität von Gewinn und Umsatz trotz des Kursaufschwungs keinen nachhaltig positiven Eindruck», sagt Vermögensverwalter Zschaber.

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Und auch wenn das Absturzpotenzial geringer erscheint als Ende des vergangenen Jahrtausends: Bei der Tech-Rally 2.0 bleiben konservative Anleger vielleicht besser erst mal aussen vor.