Was halten Sie von den Fortschritten der EU bei der gemeinsamen Bankenunion?
Paul Marson: Die bislang getroffenen Massnahmen bezüglich einer koordinierten Bankenaufsicht innerhalb der EU verhindern Extremsituationen. So ist etwa die vorgesehene Bankenunion für eine europäische Fiskalunion notwendig. Aber es genügt nicht, um die Krise zu lösen.

Wieso ?
Es geht nicht darum, wer die Banken überwacht − sondern darum, wie sie überwacht werden.

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Wie soll man das denn machen?
Kapitalkennzahlen oder risikogewichtete Aktiven zu berechnen, ist der falsche Weg. Besser wäre es, wenn man den Leverage der Banken beurteilen würde. Bei einem so komplexen Bankensystem sollte man möglichst einfache Regeln haben.

Glauben Sie, dass sich an der Aufsicht etwas ändern wird?
Nein, die Grossbanken und die Politiker haben kein Interesse daran. Die europäische Bankenaufsicht wird dieselben Werkzeuge einsetzen wie die bisherigen Aufsichtsbehörden. Auch wenn das nicht funktioniert hat. Die acht Top-Banken der Euro-Zone verfügen über Vermögen im Wert von 10800 Milliarden Euro, bei einem Aktienkapital von 466 Milliarden Euro. Die Banken der Euro-Zone sind noch viel zu stark gehebelt.

Anleger sorgen sich aber nicht um die grossen Player, sondern um die kleinen spanischen Banken.
Sie brauchen noch viel Kapital. Doch es wird nicht reichen, diese Institute nur mit frischem Geld auszustatten. Das wird sogar zu Problemen führen. Die jüngste Kapitalspritze für spanische Banken setzt im schlechtesten Fall einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von 6Prozent voraus, das ist bescheiden.

Wo sehen Sie weitere Probleme?
Die Massnahmen-Pakete der Zentralbanken, bei denen die Geldmenge ausgeweitet wird, das sogenannte Quantitative Easing, machen mir keine Sorgen – aber der Ausstieg aus den Programmen wird problematisch werden. Das gilt insbesondere für die USA, Grossbritannien und die Schweiz.

Paul Marson, Chief Investment Officer von Lombard Odier Private Bank

Weshalb?
Wenn die Zinsen tief sind, ist es kein Problem, Geld zu drucken. Denn dann verlangsamt sich der Geldkreislauf. Interessant wird es dann, wenn sich die Zinsen erhöhen. Das Geld wird dann schneller zirkulieren. Inflationserwartungen werden geschürt, was zur paradoxen Situation führen wird, dass im jetzigen Umfeld steigende Zinsen für Inflation sorgen können. Mitsamt den üblichen Auswirkungen. Wenn die Zentralbanken aus den Programmen aussteigen wollen, müssen sie sehr schnell handeln.

Welche Gefahren bestehen für die Anleger?
Die Schulden sind noch immer da. Ihr Abbau ist ein Mythos. Auch die Banken stehen noch immer schlecht da. Zudem ist der Zustand des amerikanischen Staatshaushalts für Anleger gefährlich, und auch China ist nicht mehr der erhoffte Wirtschaftsmotor. Das führt zu einem global schwachen Wachstum. Das Umfeld ist unberechenbar.

Wie würden Sie investieren?
Wir favorisieren Gold. Wir halten in unseren Portefeuilles einen beachtlichen Anteil am Edelmetall, denn es ist gemessen an all den systemischen Risiken zurzeit noch lange nicht zu teuer bewertet. Gold ist zwar per se kein Inflationsschutz, aber es ist eine gute Absicherung gegen solche Risiken. Gegen die Inflation helfen Immobilien, in den USA gibt es interessante Objekte und tief bewertete Aktien mit hohen Kapitalbeständen und interessanten Risikoprämien.

Welche Titel kaufen Sie?
Es gibt überall attraktive Firmen. Viele sind für Krisen gut gewappnet, weil sie ihren Markt dominieren, so zum Beispiel Heineken, JP Morgan, Allianz, Swisscom, Adecco oder Actelion.

Paul Marson, Anlagechef Lombard Odier