Wie kommentieren Sie die jüngste Entscheidung der EZB, weiterhin eine Tiefzinspolitik zu fahren und ohne Beschränkung Staatsanleihen kaufen zu wollen?
François Savary: Fakt ist: Die Lage in der Euro-Zone trübt sich weiter ein. Betreffend den Kauf von Staatsanleihen der Krisenstaaten wird die Zentralbank erst die Antwort des deutschen Verfassungsgerichts vom 12. September abwarten wollen, bevor sie allenfalls ­zukauft.

Die Investoren hatten auf die Einführung von Euro-Bonds gehofft. Wird daraus nun nichts?
Meiner Meinung nach führt kein Weg um deren Einführung herum. Denn die bisherigen Rettungspakete zeigten wenig dauerhafte Wirkung. Zudem ist der Plan einer Banken- und Fiskalunion in der Euro-Zone an eine Stabilisierung der Mitgliedländer gebunden – und dazu braucht es am Ende wohl die Bonds.

Aber sicher ist nichts?
Sagen wir es so – es besteht die Möglichkeit von Enttäuschungen. Wir ­raten unseren Kunden, in den nächsten Wochen vorsichtig mit risikoreichen ­Anlagen zu sein.

Was empfehlen Sie konkret?
Man muss dazu nicht gänzlich aus Aktien aussteigen. Aber es empfiehlt sich, ­Gewinne mitzunehmen. Wir rechnen mit einem Rückgang des Euro Stoxx 50 Index um 5 bis 7 Prozent in diesem September.

Dann hat die Ratingagentur Moody’s zu Recht den Ausblick für die Euro-Zone auf negativ gesenkt?
Die grossen Ratingagenturen kommen oftmals spät mit ihren Entscheiden. Tatsache ist, dass die Konjunktur auch in den Kernländern der Euro-Zone wie etwa Deutschland schwächelt. Wir gehen davon aus, dass sich das ­Wirtschaftswachstum in Europa ­insgesamt über die nächsten Jahre markant abschwächen wird.

Auch Amerika und China sind in einer heiklen Phase. In beiden Ländern steht ein Machtwechsel bevor. Wie wird die Börse darauf reagieren?
In China wird ein Teil des Parteikaders ersetzt. Das ist ein Vorgang, der sich lange hinzieht und der ruhig über die Bühne gehen sollte. Kommt es allerdings zu Streitigkeiten innerhalb der Partei, dann würden die Märkte sicher verschreckt reagieren. Auch so gibt es viel Unsicherheit, da wegen des Macht­wechsels die Wirtschaftspolitik beinahe stillsteht.

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Und was sind die Auswirkungen der Präsidentschaftswahlen in den USA?
Ob Barack Obama oder Mitt Romney das Rennen macht – die Führung Amerikas muss sich vor dem Januar 2013 einigen, wie sie dem Defizit beikommen will. Ansonsten treten automatisch Sparmassnahmen und Steuererhöhungen im Umfang von rund 500 Milliarden Dollar in Kraft. Die Wirkung auf die ­Börsen wäre massiv.

Trotz solcher Gefahren haussieren Aktien und Hochverzinsliche. Dürfen Anleger jetzt noch auf die Rally aufspringen?
Die Hausse halte ich für wenig ­be­stän­dig, denn trotz der Kursgewinne sind die Handelsvolumen dünn. Wie gesagt – der September könnte ein schwie­riger ­Monat für risikoreiche Anlagen werden.

Hingegen müssen auf Sicherheit bedachte Investoren bei Staatsanleihen Negativzinsen in Kauf nehmen. Gibt es keine Alternativen?
Staatsanleihen werden in den nächsten Jahren kaum Rendite bringen. Eher sollten sich Anleger auf Firmenobligationen von guter Qualität oder auf ­defensive Aktien mit hoher Dividende konzentrieren. Schweizer Anleger sollten sich auf den Frankenraum konzentrieren.

Welche Titel kommen da infrage?
Titel wie Novartis, Roche oder Nestlé erscheinen attraktiv. Auch Wandelanleihen können als Beimischung ins Portefeuille interessant sein, da sie je nach Marktlage Optionen offenlassen.

François Savary ist Investmentchef der Bank Reyl mit Hauptsitz in Genf. ­