Als im Jahr 2008 die Wirtschaftskrise begann, versicherte die französische Regierung ihren Bürgern, das Sozialmodell würde sie schützen und auffangen, und sie würden bei Weitem nicht so hart vom Abschwung getroffen wie andere Länder.

Zwei Jahre später kann keine Rede mehr davon sein, dass das Sozialmodell die Bürger Frankreichs beschützt hat. Die Arbeitslosigkeit ist stetig gestiegen, stärker als in Grossbritannien und Deutschland. Sogar Deutschland ist dank seiner hervorragenden Exportzahlen besser aus der Krise gekommen.

Es sieht so aus, als hielte das französische Modell auch in der Nachkrisenzeit keine guten Meldungen für uns bereit. Der 0,6%- Anstieg des französischen BIP im 2. Quartal liegt klar hinter den 2,2% in Deutschland zurück. Dort rechnet man für das Gesamtjahr mit einem Wachstum von 3 bis 3,5%, in Frankreich dagegen mit 1,4%. Auch die USA und Grossbritannien erwarten eine Steigerung um mehr als 2,4%.

Hoffen auf die Schicksalswende

Und immer wieder erzählt man uns, das nächste Jahr werde besser. Paris prognostiziert 2% BIP-Wachstum für 2011. In Anbetracht der Tatsache, dass in der Euro-Zone im kommenden Jahr 1,4% Wachstum erwartet werden, wäre das eine Art Schicksalswende. Dass dabei der Wunsch der Vater des Gedankens ist, unterstrich Natixis-Analyst Jean-Christophe Caffet, der im «Wall Street Journal» auf Frankreichs Ausgabenkürzungen und die Exportschwäche hinwies und auf dieser Basis ein Wachstum um nur 1% vorhersagte.

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So stellt sich heraus, dass das französische Sozialmodell, das von französischen Politikern so hoch gelobt wird, weder vor noch während oder nach der Krise besonders hilfreich war. Ganz im Gegenteil, es erwies sich als das grösste Hindernis auf dem Weg zu längst überfälligen Reformen. Die französische Führung hat recht: Das französische Sozialmodell schützt. Aber nicht vor der Krise - es schützt uns vor einem Wirtschaftswachstum.

Die ruhmreiche Vergangenheit dieses Modells ist zu schnell in Vergessenheit geraten. Seit Ende der 1970er-Jahre wird Frankreich von zweistelligen Arbeitslosenzahlen gehemmt - mehr als 10% der Erwachsenen und 21% der jungen Menschen sind auf Arbeitssuche. In den Vorstädten ist die Angst immer mehr gewachsen, und das nationale Bildungssystem hat Hunderttausende junger Menschen ohne Schulabschluss in die Welt hinausgeschickt, die damit zu anhaltender Arbeitslosigkeit verurteilt sind.

Solidarität ist ein Mythos

In den vergangenen 25 Jahren ist die Zahl junger Menschen mit einem hohen Bildungsabschluss gewachsen, die Frankreich auf der Suche nach Arbeit verlassen haben. Die Wohlhabenden suchen im Ausland Zuflucht vor dem habgierigen Staat. In Frankreich, wo das angeblich soziale Modell der «Solidarität» so wunderbar funktioniert, starben während der Hitzewelle im Jahr 2003 immerhin 15 000 Mitbürger, die von den öffentlichen Sozialdiensten und den Gewerkschaften im Stich gelassen wurden, die lieber ihre Privilegien als ihre Arbeiter verteidigen.

Das französische Sozialmodell ist in allererster Linie ein Modell der Ungleichheit zwischen Öffentlich und Privat, zwischen denjenigen, die ihr Leben lang Arbeit haben, und denen, die sich auf dem Arbeitsmarkt allein durchschlagen müssen. Es ist paradox, wenn nicht sogar grotesk, in einem Land, in dem mehr als 6 Mio Menschen von öffentlichen Geldern leben und sich jeder Art von Reform widersetzen, von Gleichheit und Solidarität zu sprechen. Wenn es um Löhne, Pensionen oder Ferien geht, steht der öffentliche Sektor klar besser da als der private. Wie war das noch mal mit der berühmten französischen Egalité? Und schlimmer noch: Frankreich bricht alle Rekorde in Sachen Quellensteuer, aber von diesem Geld wird weit weniger umverteilt als in den meisten anderen Ländern, die Mitglied der OECD sind. Frankreich konfisziert mehr als die Hälfte des von Franzosen geschaffenen Wohlstands und verteilt weniger als die USA, die von ihren Reichen nur rund 30% einkassieren. Wohin fliesst das Geld? Die Wahrheit ist, dass dieses «Modell» ganz grosser Käse ist: Es hat eine Riesenbürokratie geschaffen; mehr als 1 Mio Beamte oder öffentlich Bedienstete profitieren davon, Politiker schlachten es im Wahlkampf aus, und die Gewerkschaften preisen es als vorbildlich.

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Nur ganz an der Spitze der französischen Bürokratie versteht man offenbar nicht, dass Einkommensteuern und Quellensteuern für das Wachstum kontraproduktiv sind und ihre Erhebung jeden Versuch, die Staatsverschuldung zu senken, boykottiert. Derweil erreicht dank lächerlicher Kontrollmechanismen ein Grossteil der Beiträge der Wohlhabenden die Armen gar nicht, sondern versickert in den Reihen der Bürokraten, die damit betraut sind, das Kapital meines Staates «umzuverteilen». Wir haben keine gleiche, gerechte und brüderliche Gesellschaft geschaffen, sondern dazu beigetragen, dass eine Gesellschaftsklasse entstehen konnte, die von der Freigiebigkeit des Wohlfahrtsstaats und den unglücklichen Massen profitiert, die dazu gezwungen sind, ihn zu bezahlen.

Das französische einsprachige Wörterbuch Petit Robert assoziiert das Wort «Modell» mit «kopieren». Für das französische Sozialmodell könnte man das so interpretieren, dass dies das Modell ist, um das uns die ganze Welt beneidet, das aber keiner jemals kopieren würde.

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