Wie Rohöl aus dem Bohrloch schoss 2009 auch der Erdölpreis in die Höhe. Notierte das schwarze Gold letzten Dezember noch bei 45 Dollar je Fass, kletterte der Kurs bis heute knapp unter die 70-Dollar-Marke: Ein Plus von über 50%. In den letzten Tagen wurde der Hausse jedoch die Spitze gebrochen; unter den Investoren hat damit das Rätselraten begonnen, wohin sich der Preis künftig bewegen wird.

Spekulative Kräfte am Werk

Die Analysten von Goldman-Sachs, bekannt durch notorisch optimistische Ölpreisprognosen, sehen das Barrel Erdöl Ende Jahr bei 85 Dollar. Die Konkurrenten von JP-Morgan Chase sind mit 65 Dollar schon vorsichtiger, und in der Schweiz sagt André Diem, Erdölspezialist und Partner beim unabhängigen Vermögensverwalter Diem Client Partner: «Kurzfristig halte ich einen Rückschlag im Ölpreis für wahrscheinlich.»

Das ist auch die gängige Meinung am Markt. Nach den enormen Zugewinnen innert weniger Monate fehlt es dem Öl zunehmend an Impulsen.

Ein wichtiger Treiber des Höhenflugs beginnt nämlich zu versiegen - die Investorengelder, die wegen der Finanzkrise monatelang auf der Seitenlinie «geparkt» waren. Die Anleger hatten es in der Hoffnung auf ein baldiges Ende der Rezession wieder ins Spiel gebracht. «Da waren definitiv spekulative Kräfte drin, ähnlich wie am Aktienmarkt», blickt Diem zurück.

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Nun, da der Aufschwung doch noch nicht in Griffweite zu liegen scheint, hat die gute Laune jedoch einen Dämpfer erhalten.

Wenig hilfreich ist dabei der Umstand, dass derzeit ein reales Überangebot an Öl besteht. Die Raffinerien haben ihre Produktion wegen der Krise stark gedrosselt; allein in den USA sind die Ölreserven daher so hoch wie letztmals 2006. Das wiegt schwer auf dem Preis, sobald die Spekulationen nachlassen.

Gefragte Inflationswährung

Die mangelnde Nachfrage hat nun sogar Finanzinvestoren dazu bewogen, Vorräte für bessere Zeiten zu bunkern. So hat JPMorgan eigens einen Öltanker vor Malta gechartert, um das am Markt erstandene Heizöl zwischenzulagern, bis die Preise anziehen. Bis dahin können JPMorgan und Co. noch hoffen, dass die von der Opec geplante Produktionssenkung Wirkung zeigt.

Unbesehen der kurzfristigen Schwierigkeiten sind aber die Aussichten für Gewinne mit Erdöl weiterhin intakt. Denn das Angebot des fossilen Brennstoffs ist endlich. Derweilen wird die Nachfrage insbesondere aus den Schwellenländern noch deutlich zunehmen. Hinzu kommt das Thema Inflation. «In den letzten zwölf Monaten hat sich die Geldmenge in den USA verdreifacht, die Ölreserven bleiben dagegen konstant», sagt Diem. Dies spreche für eine selektive Teuerung bei den Energiepreisen - auch deswegen, weil Öl und andere Rohstoffe als Währungsersatz gehandelt würden. Der Erdölspezialist erwartet daher Erdölnotierungen auf einem weit höheren Niveau als heute. «Wir sehen den Ölpreis in ein paar Jahren bei 150 Dollar.»

Nächste Monate entscheiden

Anleger können sich deshalb überlegen, bei Korrekturen Positionen im Segment Öl zuzukaufen. Recht direkt lässt sich dies über Zertifikate bewerkstelligen: Die Absolute Return Note auf Nymex-WTI-Kontrakte vom Emittentin Clariden Leu etwa bietet Schutz für das eingesetzte Kapital, während Käufer an Kursgewinnen (und Verlusten) der Ölkontrakte teilhaben. Die Valorennummer des Papiers lautet auf 4509922.

Wer indirekt von den Gewinnen der Ölindustrie profitieren will, kann sich ein Investment in Aktien überlegen (siehe Kasten). Auch hier sollte aber erst nach Korrekturen zugekauft werden.

Von Interesse ist schliesslich auch eine Anlage in alternative Energien. Der Sektor durchlebt derzeit zwar eine schwere Krise. «Ich rechne damit, dass nur die bestfinanzierten und umsatzstärksten Unternehmen mit effizienten Technologien die nächsten Monate überleben werden», sagt Matthias Fawer, Analyst bei der Privatbank Sarasin. Aus der Bereinigung werde die Branche aber gestärkt hervorgehen - und künftig vom knapper werdenden Öl, dem Klimawandel und den Konjunkturprogrammen der Regierungen profitieren.