Die Sorge um ihren Job könnte den Wall-Street-Beschäftigten die Rückkehr aus den Sommerferien vermiesen. Denn die schwächelnde US-Wirtschaft, volatile Märkte, die Finanzmarktregulierung sowie geänderte Gehaltsregeln machen einen Stellenabbau auf breiter Front immer wahrscheinlicher. Dabei hatte sich die Jobsituation bei Banken und Finanzunternehmen gerade erst entspannt. Bisher hält sich der Umfang der Kündigungen zwar noch in Grenzen, doch Firmen und Analysten erwarten einen Anstieg, falls die Geschäfte nicht bald anziehen sollten.

«Wenn es hart auf hart kommt, wird man an der Wall Street auf Nummer sicher gehen», glaubt Michael Franzino von Korn/Ferry International in New York, einem Spezialisten für die Vermittlung von Führungspersonal im Finanzgewerbe. Bisher wurde bei Barclays Capital bereits rund 400 Personen gekündigt, meist aus dem Backoffice-Bereich. Und die Credit Suisse Group hat ihre Mitarbeiter informiert, dass in der Londoner Niederlassung 75 Stellen gestrichen werden könnten. Auch andere Häuser erwägen angesichts schleppender Wertpapierverkäufe und des sehr ruhigen Handels Kündigungen. Wenig euphorisch stimmen auch die mageren Aussichten im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen, obwohl die Aktivität bei Deals in der Vorwoche auf den höchsten Stand seit Dezember 2009 geklettert ist.

Einige Häuser betonen, die jüngsten Stellenkürzungen seien Routine. Andere Unternehmen expandieren weiter in Bereichen, in die sie bei der Erholung im vorigen Sommer eingestiegen waren. Nomura Securities etwa hat seit März 2009 mehr als 600 neue Mitarbeiter eingestellt, bis zum März 2011 sollen noch weitere 300 Stellen dazukommen.

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Goldman Sachs wartet ab

Etliche Wall-Street-Unternehmen jedoch, die zuletzt fleissig eingestellt hatten, lassen diese Bemühungen nun auslaufen. Bei Goldman Sachs beispielsweise kommen allenfalls für strategische Positionen Neueinstellungen infrage. Ende des 2. Quartal waren dort 34 000 Menschen beschäftigt, 3% mehr als im Quartal zuvor. Doch momentan liegt das Hauptaugenmerk der Goldman-Verantwortlichen auf den Veränderungen, die sich aus der Finanzmarktregulierung ergeben, unter anderem die drohende Schliessung des Eigenhandels.

Nach offiziellen Daten waren Ende Juni 799 800 Menschen in der US-Wertpapierbranche beschäftigt. Das sind zwar 1,2% mehr als im März, aber 6,7% oder 57 500 Personen weniger als im Jahr 2007. In New York allein wurden Ende Juni 159 200 Jobs im Wertpapiergeschäft gezählt. Seit Februar haben die Beschäftigungen zwar zugelegt, ihre Zahl liegt aber immer noch 17% unter der von August 2008. Jean-Yves Fillion, Leiter des nordamerikanischen Kundengeschäfts bei BNP Paribas, sagte kürzlich, dass er in den kommenden Monaten Jobkürzungen in der US-Investmentbanking-Branche erwarte. Die französische Bank plane dagegen, weiterhin Leute in den USA einzustellen, besonders im Kapitalmarktbereich. Die grösste Gefahr für die Arbeitsplätze an der Wall Street droht von der schwächelnden Wirtschaft und den stark schwankenden Märkten. Diese zwei Faktoren in Kombination verringern die Chancen, dass Unternehmen und Investoren in den kommenden Monaten das nachfragen, was die Wall Street anbietet.

Mehr Lohn, weniger Boni

Die Entscheidung von Unternehmen, ob sie Leute einstellen oder entlassen, wird auch von der neuen Entlohnungsstruktur an der Wall Street beeinflusst: Die meisten Firmen sind mittlerweile dazu übergegangen, ein höheres Grundgehalt und dafür geringere Boni zu zahlen. Das erhöht ihre Bereitschaft, einen Trader, der wenig Geschäft an Land gezogen hat, lieber zu entlassen, als ihm nur den Bonus zu verweigern.

Die Grundgehälter an der Wall Street seien 2010 zwischen 10 und 40% gestiegen, sagt Jeff Visithpanich von Johnson Associates Consulting. «Die Cash-Boni werden in diesem Jahr mit Sicherheit gekürzt. Aber das Gros der erfolgsbezogenen Vergütung wird nur auf dem Papier zugeteilt.» Und diese Non-Cash-Vergütung könnten sich die Unternehmen wieder zurückholen.