Mit dem Namen Stephen King verbinden viele Horror vom Feinsten. Doch anders als der US-Schriftsteller analysiert der Brite Stephen King als HSBC-Chefvolkswirt wirtschaftliche Entwicklungen. Dass auch hier Gruseliges lauert, zeigt sein neues Buch «When the Money Runs Out».

Ihr Buch hat eine harte Botschaft für uns alle: Wir werden ärmer. Warum?
Stephen King: Zunächst lautet die Botschaft nicht: Wir werden ärmer. Vielmehr lautet sie: Das Versprechen, immer wohlhabender zu werden, kann nicht gehalten werden. Die westlichen Gesellschaften haben Versprechungen gemacht, die auf hohem Wirtschaftswachstum basierten – Pensionszusagen, Gesundheits- und Pflegeausgaben, niedrige Steuern und ganz generell Schulden, die ja nichts anderes sind als das Versprechen zukünftiger Zahlungen. Ich glaube, dass diese Versprechen nicht eingehalten werden können.

Weshalb nicht?
Nun haben wir bereits eine Dekade mit schwachem Wachstum hinter uns. Und ich glaube, dass in Zukunft das Wachstum schwach bleiben wird. Das ist der Grund. Viele Menschen übersehen, dass es bereits geschieht. Beispiel Grossbritannien: Über die vergangenen zehn Jahre ist das Pro-Kopf-Einkommen um lediglich 4 Prozent gestiegen – einen Bruchteil des Wachstums in den vorangegangenen Dekaden. Ähnlich geht es den meisten anderen westlichen Nationen. Gleichzeitig verhalten wir uns so, als wenn das nur ein zyklischer Rückschlag wäre, dem ein neuer Aufschwung folgt. Politiker und Ökonomen sagen immer: Das nächste Jahr wird besser als das vergangene. Die Wissenschaft nennt das eine kognitive Optimismus-Verzerrung.

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Welche Rolle spielt die Bevölkerungsentwicklung bei den Versprechungen, die laut Ihner These nach nicht eingehalten werden?
Natürlich hat die Verschiebung der Alterspyramide grosse Auswirkungen. Immer weniger arbeitende Menschen müssen immer mehr Menschen in Rente unterstützen. Aber das ist nicht der einzige Grund für schwächeres Wachstum in Zukunft. In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Wirtschaftswachstum noch durch einige Entwicklungen befeuert. Erstens die Liberalisierung des Welthandels – nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in der westlichen Welt, dann mit den Staaten des Ostblocks plus China.

Aber gibt es nicht immer noch Handelsbarrieren, die wir beseitigen und damit Wachstumsimpulse setzen können?
Ja, aber diese Barrieren bestehen hauptsächlich auf der südlichen Halbkugel, zwischen Asien und Afrika sowie Südamerika. Sollte ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa zustande kommen, gibt es kaum noch weitere Verbesserungsmöglichkeiten.

Und zweitens?
Die massive Vergrösserung des Arbeitsmarkts durch Frauen in den vergangenen 50 bis 60 Jahren. Viele vergessen, welch kräftigen positiven Schub das gegeben hat. Aber wir haben in vielen Ländern eben bereits sehr hohe Partizipationsraten und wenig Raum für Verbesserungen. Drittens: Die Erhöhung des Bildungsniveaus. Wir haben viel mehr Universitätsabsolventen als früher. Aber auch hier gelangen wir an die Grenzen.

Gibt es noch eine weitere Entwicklung?
Die private Verschuldung hat sich seit den 1950er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis ins erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends massiv ausgedehnt und Mehrkonsum ermöglicht. Aber auch hier gibt es Grenzen. Ab einem gewissen Niveau schaffen es die Menschen nicht mehr, die Schulden zu bedienen.

Was macht Sie sicher, dass Ihre Prognosen für die kommenden Jahrzehnte zutreffen?
Zunächst einmal beobachte ich, was bereits passiert ist. Die Wachstumsraten in den vergangenen zehn Jahren waren sehr niedrig. Punkt. Gleichzeitig gehen den Regierenden die Optionen aus, um wirtschaftliches Wachstum zu fördern. Einerseits haben niedrige Steuereinnahmen und hohe Sozialausgaben die fiskalische Situation verschlechtert, anderseits stösst auch die Geldpolitik bei Nullzinsen an ihre Grenzen. Wir sind sowieso sehr abhängig von den Notenbanken.

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Aber mit Anleihenkäufen und der Ausweitung der Bilanz haben die Notenbanken doch noch einige Pfeile im Köcher?
Ich würde dieses Quantitative Easing eher mit Medizin vergleichen. Es war gut, dass die Notenbanken 2008 und 2009 diese ausserordentlichen Massnahmen ergriffen haben, um eine Depression zu verhindern. Damals wirkten sie wie starke Antibiotika, die eine Entzündung verhinderten. Aber mittlerweile wirken sie mehr wie Schmerzmittel, von denen wir abhängig sind. Unter ihrem Einfluss hat sich jedoch in der Struktur unserer Volkswirtschaften nicht viel geändert.

Warum werden die Schmerzmittel dann weiter verwendet?
Niedrige Zinsen unterhalb der Inflationsrate sind ein eleganter Weg für Staaten, ihr Schuldenproblem zu mindern. Das bedeutet aber gleichzeitig, die Sparer zu berauben. Und es ist kein Mittel, um höhere Wachstumsraten zu erreichen.

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Was halten Sie von der US-Wirtschaft?
Fakt ist, das Wachstum im vergangenen Jahrzehnt war niedriger als in den 1990er-Jahren erwartet – im Schnitt nur 2,5 Prozent pro Jahr. Und die wurden nur mit dem enormen Aufbau neuer Schulden erreicht. Ja, der demografische Ausblick ist besser als in Europa. Aber die fiskalische Situation und die grossen Sozialprogramme für Kranke und Ältere werden aus den nächsten Jahren harte Jahre machen.

Wie wird die US-Wirtschaft in den kommenden Monaten laufen?
Wir gehen von 1,8 Prozent Wachstum für 2013 aus. Damit sind wir am unteren Ende der Prognosen. Jetzt nähert sich der Konsens unseren Erwartungen an.

Trotz all der Probleme feiern die US-Börsen neue Allzeithochs.
In den vergangenen Jahren hat sich wegen des Quantitative Easing ein Spalt aufgetan zwischen der Hoffnung der Finanzmärkte und der ökonomischen Realität. Während der Aktienmarkt mehr oder weniger ähnlich gut gelaufen ist wie in anderen Erholungsphasen, war der konjunkturelle Aufschwung viel schwächer.

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Steckbrief

Name: Stephen King

Funktion: Chefvolkswirt HSBC

Alter: 49

Ausbildung: Volkswirtschaft und Philosophie, Universität Oxford

Prominenter Berater
Seit 1998 ist King HSBC-Chefvolkswirt, von 2007 bis 2010 war er Mitglied im EZB-Schattenrat. King gilt als einer der einflussreichsten Finanzmarktspezialisten Grossbritanniens und ist ein gefragter Experte. So hat er unter anderem dem britischen Ober- und Unterhaus beratend zur Seite gestanden.

Das Unternehmen
Mit einer Bilanzsumme von 2,6 Billionen Dollar ist die britische HSBC die zweitgrösste Bank der Welt.