Die Finanzagentur, eine Tochter des Bundes, versteigerte im Auftrag der deutschen Bundesregierung am letzten Mittwoch neue Papiere mit zehnjähriger Laufzeit im Wert von 6 Milliarden Euro. Die Market Maker, die grossen Investmentbanken, boten jedoch nur für 3,9 Milliarden. 2,1 Milliarden oder 35 Prozent verblieben bei der Finanzagentur, die sie später im Sekundärmarkt absetzen wird.

Die Überraschung war gross. Ist die Ansteckung schon so weit fortgeschritten, dass auch deutsche Staatsanleihennicht mehr sicher sind? Verschiedene Kommentatoren wie etwa beim Finanzblog Zerohedge schlugen Alarm: Die Schuldenkrise hat jetzt auch Deutschland erfasst, der Euro kollabiert. Aus der Tatsache, dass die nicht versteigerten Anleihen von der Finanzagentur vorübergehend bei der Bundesbank geparkt werden, konstruierten einzelne wie etwa Cullen Roche von Pragmatic Capitalism gleich ein scheinheiliges Verhalten Deutschlands: eine indirekte Monetisierung der Staatsschulden durch die Bundesbank, genau das, was Deutschland der Europäsischen Zentralbank im Falle Italiens oder Spaniens verunmöglicht.

Die Wirklichkeit ist weit weniger aufregend:

  • Die Finanzagentur hält immer einen Teil des Volumens zurück, üblicherweise 15 bis 20 Prozent. Das einzig Spezielle diesmal war die Höhe des zurückbehaltenen Anteils: 35 Prozent. 
  • Das Angebot mit einer Rendite von 1,96 Prozent war wenig attraktiv. Mit 2 Prozent lag der Coupon so niedrig wie noch nie. Davor hatten die Anleihenzeichner immerhin 2,5 Prozent erhalten.
  • Die Nachfrage der Marketmaker war bei dieser Auktion schwächer als üblich, weil der Zeitpunkt für die Investmentbanken so kurz vor dem Jahreswechsel ungünstig war. Sie übernehmen die Anleihen auf ihr Handelsbuch und suchen dann Käufer dafür. Sie müssen diese Positionen bis zur Weiterplatzierung absichern. Wegen der hohen Volatilität möchten sie ihr Handelsbuch aber möglichst wenig belasten. Zudem sind sie wegen der angespannten Bilanzsituation und dem Zwang, Risikopositionen und Verschuldung abzubauen, gedrängt, die Anleihen vor dem Jahreswechsel aus dem Handelsbuch zu entfernen. Sie haben also nur vier Wochen Zeit, sie weiter zu platzieren, denn nach dem 23. Dezember läuft wegen der Feiertage nichts mehr. Üblicherweise haben sie dafür monatelang Zeit. 
  • Von einer Monetisierung der Staatsschulden durch die Bundesbank kann keine Rede sein. Die Bundesbank übernimmt die Anleihen nicht, sondern hält sie lediglich vorübergehend als Agent für die Finanzagentur. 
  • Die Verkleinerung des Zinsspreads zwischen deutschen Bundesanleihen und jenen der anderen Euro-Staaten war wohl kaum eine Folge der Auktion. Das hatte vielmehr mit den Äusserungen der Euro-Chefs zu tun, die dahingehend interpretiert wurden, dass die Tür für Euro-Bonds einen Spalt weit geöffnet wurde. Kommt es nämlich zur Schaffung von Euro-Bonds, übernehmen diese von den deutschen Bundesanleihen zum Teil die Funktion des sicheren Hafens. Die Zinsen für deutsche Bundesanleihen müssten dann leicht steigen, jene Italiens oder Spaniens würden sinken.

Fazit: Die Schuldenkrise hat nicht auf Deutschland übergegriffen. Das Land bleibt bis auf weiteres der sichere Hafen Europas.

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