Wird die Finanzwelt mit den neuen Basel-III-Vorschriften sicherer?

Hans-Ulrich Doerig: Ja. Wir begrüssen daher den Basel-Prozess. Er belegt auch den hohen Stellenwert von international harmonisierten Regulierungen, die im Grundsatz auch für die Schweiz genügen sollten.

Wie viel Eigenkapital muss sich die CS wegen des neuen Regelwerks zusätzlich beschaffen?

Doerig: Keines. Aufgrund der Übergangsfristen sollte es uns durchaus möglich sein, den zusätzlichen Kapitalbedarf aus laufenden Gewinnen zu decken. Das Hybridkapital, das künftig nicht mehr anrechenbar ist, müssen wir über die Jahre ersetzen. Bekanntlich haben wir auch seit 2007 einiges vorgekehrt, sowohl durch Bilanz- und Risikoreduktion wie auch durch die Stärkung der Kapitalbasis. Zudem haben wir in der Schweiz seit Juni 2010 strenge Liquiditätsvorschriften eingeführt und zwar vor allen anderen Staaten.

Sie werden also kein Kapital am Markt aufnehmen, so wie dies etwa die Deutsche Bank kommuniziert hat?

Doerig: Wir gehen davon aus, dass die Credit Suisse dank ihrem Geschäftsmodell, mit dem sie gute Gewinne und entsprechend auch Kapital generiert, sowie aufgrund der schrittweisen Einführung der Kapitalregeln die neuen Vorschriften erfüllen kann, ohne die Wachstumspläne oder die aktuelle Kapital- und Dividendenpolitik materiell zu ändern.

Anzeige

Und welche Folgen haben die neuen Basel-III-Regeln insbesondere für die Kreditvergabe?

Doerig: Es ist noch zu früh, über die Auswirkungen der neuen Regeln auf einzelne Geschäftsfelder zu spekulieren.

Auf Basel III folgt ein weiterer Regulierungsschub. Von der Politik kommen unter dem Stichwort «too big to fail» auch Forderungen, das Investment Banking abzuspalten.

Doerig: Das wäre ein Eigentor. Es ergibt keinen Sinn, ausgerechnet ein Geschäftsmodell aufzugeben, um das uns ausländische Konkurrenten beneiden.

Wie wichtig ist das Investment Banking für die Credit Suisse?

Doerig: Das ist für uns ein entscheidender Wettbewerbsvorteil im Private Banking. Zudem nimmt die bisher übliche Bankenfinanzierung tendenziell ab, das lässt sich speziell in den USA beobachten. Qualifizierte Gesellschaften nehmen das Geld zunehmend an den Kapitalmärkten auf. Dies ist ein Teil des Investment Banking.

Ist eine solche Universalbank allein wegen ihrer schieren Grösse nicht ein Auslaufmodell?

Doerig: Nein, im Gegenteil. Dieses Modell ist wegen des Risikoausgleichs attraktiv.

Der jüngste Halbjahresausweis gibt Ihnen recht - Credit Suisse ist zahlenmässig auf Erfolgskurs. Trotzdem: Sehen Sie keine Risiken?

Doerig: Doch. Als Bank, die sich auf das Kundengeschäft konzentriert, sind wir abhängig davon, dass unsere privaten und institutionellen Kunden Geld anlegen, Transaktionen tätigen und wir sie beraten können. Derzeit herrschen am Markt aber noch Unsicherheit und Zurückhaltung. Was wir aus Sicht der Gesamtwirtschaft und der Kapitalmärkte sicher auch genau verfolgen müssen, ist die Situation rund um den Euro.

In Deutschland will die Staatsanwaltschaft über Befragungen von Kunden, die auf einer gestohlenen CD auftauchten, allfällige Praktiken zur Steuerhinterziehung bei CS-Beratern aufdecken. Droht der Bank ein weiterer Imageschaden?

Doerig: Geht es um die Einhaltung der gesetzlichen Regeln, sind wir absolut strikt, und natürlich dürfen wir uns auch wegen unseres guten Rufs keine Fehler leisten. Leider gibt es nirgends eine Garantie, dass alle Mitarbeitenden lückenlos immer das Richtige tun.

Wie sieht die Weissgeld-Strategie der Credit Suisse aus?

Doerig: Wir wollen grundsätzlich keine unversteuerten Gelder. Gleichzeitig können wir aber nicht weltweit für die Steuerbehörden den Polizisten spielen. Wenn Leute mit Schwarzgeld zu uns kommen, schicken wir sie zum Steuerberater.

Identifiziert die Bank alle Kunden mit unversteuertem Geld?

Doerig: Ich kann nicht für jeden Kunden eruieren, wie seine Steuersituation vor zehn Jahren ausgesehen hat. Wie gesagt, grundsätzlich wollen wir keine unversteuerten Gelder.

Italien hat erfolgreich eine Steueramnestie durchgeführt. Wäre das nicht auch für andere Staaten, wie etwa Deutschland, eine gute Lösung?

Doerig: Den Ausdruck Amnestie möchte ich nicht gebrauchen. Es geht ja schliesslich nicht darum, jemandem etwas zu erlassen. Man sollte vielmehr eine Abgeltungsregelung ins Auge fassen.

Mit der Übernahme von Artikel 26 des OECD-Musterabkommens durch die Schweiz ist nun auch Amtshilfe bei Steuerhinterziehung möglich. Heisst das, die Credit Suisse will in einigen Jahren nur noch versteuertes Geld in den Büchern haben?

Doerig: Das wird angestrebt. Wir unterstützen die OECD-Regelung und sind daran interessiert, dass sie in möglichst vielen Doppelbesteuerungsabkommen umgesetzt wird.

Trotz des starken ausländischen Drucks auf das Bankgeheimnis verzeichnete die Credit Suisse im 1. Halbjahr einen hohen Netto-Neugeldzufluss. Was sind die Gründe?

Doerig: Nehmen Sie das vergangene Jahr: Da sind uns im Private Banking rund 42 Mrd Fr. an Neugeldern zugeflossen. Das entspricht dem, was eine Privatbank mittlerer Grösse insgesamt an Vermögen verwaltet. Entscheidend ist, dass wir Kunden umfassendes Know-how bieten und sie innerhalb einer global aufgestellten Organisation betreuen. Zudem ist die Expertise aus dem Investment Banking ein neuerdings wichtiges Attribut innerhalb der Vermögensverwaltung, das speziell Unternehmer sehr schätzen.

Verschieben vor allem Europäer wegen der Euro-Schwäche ihr Geld in die Schweiz?

Doerig: Nicht unbedingt, die Neugelder stammen aus allen Regionen weltweit.

Wie sieht es in der Schweiz aus? Profitiert die Credit Suisse noch immer von verunsicherten Kunden der UBS?

Doerig: Wir gewinnen generell Marktanteile. Neue Kunden kommen von anderen Bankengruppen zu uns, aber auch Kunden, die bereits bei der Credit Suisse sind, vertrauen uns neue Gelder an.

Der CS haben Sie eine Selbsterneuerung verordnet. Wie sieht dies denn konkret aus?

Doerig: Wir sind stets selbstkritisch und fragen uns, ob wir alles richtig machen und über eine zukunftsträchtige Strategie verfügen. Um immer auf dem neusten Stand zu bleiben bezüglich Arbeitsprozessen, Compliance und Kontrolle, erneuert sich die Bank ständig. Das ist absolut notwendig.

Gilt das auch für die Bonusprogramme der Credit Suisse?

Doerig: Ja, da sind wir schon weit fortgeschritten. Wir waren die Ersten, die nach den Salär-Richtlinien der G-20 reagiert haben. Als global tätige Bank haben wir allerdings ein Problem: Die Finma in der Schweiz sagt bei den Vergütungssystemen etwas anderes als die Finanzaufsichtsbehörde FSA in Grossbritannien oder das Fed in den USA. Neue Vorgaben kommen auch aus der EU. Da dürfte es relativ schwierig sein, alle diese postulierten Salärsysteme unter einen Hut zu bringen. Wir sind zuversichtlich, unser Salärsystem so anzupassen, dass Aufsicht und Öffentlichkeit den Willen erkennen, die notwendigen Lehren zu ziehen und dass es aus Sicht der Mitarbeitenden und Aktionäre wettbewerbsfähig ist.

Sie verfolgen ein Geschäftsmodell mit einem reduzierten Risikoeinsatz. Hat sich damit auch die finanzielle Absturzgefahr vermindert?

Doerig: Wir haben seit 1856 zirka 40 interne und externe Krisen aus eigener Kraft gemeistert - ohne Staatshilfe. Ebenso haben wir seit der Gründung im Jahr 1856 jedes Jahr eine Dividende bezahlt, und das soll so bleiben in Zukunft.