Als am Ende des Romans «Alexis Sorbas» die mühevoll errichtete Seilbahn zusammenkracht, reagiert der Titelheld unerwartet: Statt zu klagen, führt er lachend einen Tanz auf. An Alexis Sorbas fühlen sich derzeit Millionen Bürger erinnert, die die Verhandlungen zwischen Griechenland und den drei Institutionen verfolgen. Auch der griechische Premier Alexis Tsipras und sein Finanzminister Janis Varoufakis scheinen mit der Möglichkeit des Zusammenbruchs zu spielen. «Heute ist ein schöner Tag», soll Varoufakis nach den geplatzten Gesprächen gesagt haben.

Doch anders als dem schelmischen Sorbas ist den meisten Sparern und Steuerzahlern in Europa nicht zum Lachen zumute. Da können Ökonomen noch so oft betonen, dass eine Staatspleite des Mittelmeerlandes ein isoliertes Ereignis wäre, nicht nur Börsianern wird es angst und bange. Zu Wochenbeginn verzeichneten die europäischen Kapitalmärkte teils herbe Verluste. Über den Einbruch von mehr als sieben Prozent an der Börse Athen wunderte sich am Montag nach den gescheiterten Gesprächen niemand.

Griechenland einer Staatspleite näher denn je

Am Wochenende hatte Jean-Claude Juncker, der Chef der EU-Kommission, mit Verweis auf die kompromisslose Haltung Griechenlands die Verhandlungen abgebrochen. Damit ist das Mittelmeerland einer Staatspleite so nah wie nie. Darüber hinaus haben sich auch Konjunkturindikatoren dramatisch verschlechtert. Vor allem Kapitalflucht und mangelndes Zukunftsvertrauen setzen der griechischen Wirtschaft zu.

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Allerdings blieben die Kursverluste nicht auf Athen beschränkt. Auch an den anderen Börsen des Kontinents machte sich die Angst breit, dass eine Pleite Griechenlands ein mehr oder weniger unkontrolliertes Ausscheiden aus dem Euro auslösen könnte, auch der Schweizer Leitindex SMI rutschte am Montag unter 9000 Punkte. Auch der Dax gab stark nach. Das wiederum könnte die Grundfesten der Währungsunion erschüttern, die auf ewig ausgelegt ist.

«Stimmungslage zusehends vergiftet»

«Die Stimmungslage der handelnden Politiker scheint zusehends vergiftet. Die Wahrscheinlichkeit einer unkontrollierten Staatspleite Griechenlands hat sich deutlich erhöht«, sagt Frank Wieser, Investmentstratege bei PMP Vermögensmanagement. Es ist nicht so sehr die Gefahr einer Insolvenz an sich, die ihn bedenklich stimmt. Schlimmer wäre eine monatelange Hängepartie mit wechselnden Extremszenarien.

«Wie ein Grexit, ein Austritt Griechenlands aus dem Euro, abgewickelt werden würde, ist ziemlich unklar«, sagt der Geldmanager. Am Ende könnte die griechische Wirtschaft vielleicht mit einem System zweier paralleler Währungen stabilisiert werden. Doch bis dahin müssten Anleger mit starken Schwankungen rechnen.

Absturz von Dax auf 10'000 Punkte möglich

«Börsen wollen keine Unsicherheiten«, sagt Wieser. Andere Experten teilen die Befürchtungen. Nach Berechnungen des Investmentstrategen Christian Stocker von der UniCredit Bank könnte der Dax um weitere 10 Prozent einbrechen, sollte das Grexit-Szenario eintreten. Auch Jens Klatt vom Research-Haus DailyFX hält einen Absturz des Leitindex in Richtung 10'000 Punkte für realistisch, sollte es zum «Super-GAU« kommen und Griechenland aus dem Euro ausscheiden.

Schon jetzt ist der Dax angezählt. Von seinem Hoch am 10. April hat das Börsenbarometer mehr als 1300 Punkte verloren, die psychologisch wichtige 100-Tage-Durchschnittslinie ist in weite Ferne gerückt. Mit minus elf Prozent hat der deutsche Leitindex mehr verloren als jeder andere europäische Markt.

Spareinlagen der Griechen steigen

Ironischerweise sind die Verluste beim Dax sogar grösser als beim griechischen Börsenbarometer ASE. Der hat seit Mitte April nur rund 5 Prozent eingebüsst, allerdings waren griechische Aktien zuvor nicht so stark gestiegen. Eine richtige Tendenz gibt es seit der Übernahme der Regierung durch Alexis Tsipras und sein Linksbündnis Syriza an der Börse Athen ohnehin nicht mehr. Der Markt wird von Spekulanten beherrscht.

Eine klare Richtung gibt es hingegen bei den Spareinlagen der Griechen. Seitdem sich der Sieg Syrizas Ende 2014 ankündigte, haben die Hellenen mehr als 20 Milliarden von ihren Bankguthaben abgehoben. Pro Kopf entspricht das fast 2000 Euro. Für Griechenland wird jetzt die Zeit knapp, eine einvernehmliche Lösung mit seinen Gläubigern zu finden.

Folgen des Grexit abschätzen

Am 30. Juni muss Athen 1,6 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) überweisen. Der IWF hatte schon das Zugeständnis gemacht, dass Athen mehrere im Juni fällige Kreditraten am Monatsende auf einen Schlag zurückzahlen darf. Zeitgleich läuft auch das schon zweimal verlängerte Hilfsprogramm der Europäer aus. Schon im Juli könnte es also zu der gefürchteten Zahlungsunfähigkeit kommen.

Die Starkrhetorik der Tsipras-Regierung treibt mittlerweile auch Europapolitikern Sorgenfalten auf die Stirn, die stets Bereitschaft bekundet hatten, den Griechen weit entgegenzukommen. So warnte EU-Parlamentschef Martin Schulz (SPD) am Sonntagabend in der ARD-Talkshow «Günther Jauch«: «Es kann sein, dass der Grexit verpufft. Es kann aber auch sein, dass er eine ökonomische Katastrophe auslöst.»

Verunsicherung breitet sich aus

Schon springt die Verunsicherung wieder auf andere europäische Kapitalmärkte über. Anders als Griechenland haben frühere Krisenländer wie Spanien und Portugal sich zwar an die Abmachungen mit den Geldgebern gehalten, Investoren sehen jedoch, dass diese Länder noch einen weiten Weg vor sich haben, um wieder wettbewerbsfähig zu werden und sich aus eigener Kraft zu sanieren.

Die Hauptsorge ist, dass ähnlich wie in Griechenland populistische Bewegungen die Reformbemühungen, und seien sie noch so zaghaft, abwürgen und die Euro-Partner dann auf ähnliche Weise erpressen wie Tsipras und Varoufakis – nach dem Motto: Entweder ihr gebt uns Geld zu unseren Bedingungen, oder wir stürzen die europäische Wirtschaft ins Chaos.

Investoren fliehen aus spanischen Anleihen

Aktuell richtet sich Blick vor allem auf die Iberische Halbinsel. Während die Aktienmärkte dort erst leicht ins Rutschen gekommen sind, hat bei den Staatsanleihen von Spanien und Portugal bereits eine Investorenflucht eingesetzt. Die zehnjährige portugiesische Staatsanleihe ist von einem Kurs von 113 auf jetzt 97 abgestürzt. Umgekehrt ist die Rendite nach oben geschossen.

Will der Finanzminister in Lissabon Geld am Kapitalmarkt aufnehmen, muss er heute 3,2 Prozent Zinsen bieten, im März waren es nur 1,6 Prozent. Innerhalb kürzester Zeit haben sich die Kosten also verdoppelt. Portugal gehört mit einer Schuldenquote von 120 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt zu den am höchsten verschuldeten Ländern der Europäischen Union.

In Spanien sieht es ähnlich aus. Hier liegt die rechnerische Verzinsung zehnjähriger Anleihen zwar erst bei 2,4 Prozent. Doch auch das ist deutlich höher als noch im Frühjahr. Vor allem aber muss Madrid nun wieder einen deutlichen Risikoaufschlag bezahlen.

Instablile Lage an den Börsen

Betrug der Spread spanischer zu deutscher Staatsanleihen im März noch weniger als 100 Basispunkte (ein Prozentpunkt), so sind es jetzt 160 Basispunkte. In Spanien stehen im Herbst Parlamentswahlen an, die ein ähnliches Polit-Erdbeben nach sich ziehen könnten wie der Sieg Syrizas Anfang des Jahres in Griechenland.

«Die Börsen werden erst dann wieder zu einer gewissen Stabilität zurückfinden, wenn die Rahmendaten klar werden«, sagt Wieser. Zu diesen Rahmendaten zählen die Konditionen eines möglichen Schuldenschnitts, aber auch der Umgang mit den immensen Verbindlichkeiten in Europa generell.

Eine Frage ist zum Beispiel, wie viele Verluste den Banken durch einen Zahlungsausfall entstehen würden. Pessimisten sehen Parallelen zur Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. Zunächst unterschätzt, liess dieses einzelne Ereignis das globale Finanzsystem wanken.

Unbeeindruckt vom Pokern der Politiker

Allerdings gibt es auch Gegenstimmen. «Wir sehen die Wahrscheinlichkeit einer unkontrollierten Staatspleite Griechenlands bei null«, sagt zum Beispiel Martin Stürner, Vorstandschef der PEH Wertpapier. Auch die Wahrscheinlichkeit eines Grexits liege bei null Prozent.

Man solle sich nicht durch das Pokern der Politiker beeindrucken lassen. Für naheliegender hält er eine Lösung à la Bremen, also dass die reicheren Euro-Staaten das ärmere Mitgliedsland mitfinanzieren.

Euro selbst kürzlich aufgewertet

«Wenn die ökonomischen Fakten wieder in den Vordergrund rücken und die Emotionen und Ängste in den Hintergrund treten, hat der Dax Erholungspotenzial«, sagt Ingo Schweitzer vom Kapital-Forum Schwaben/Allgäu. Ohnehin könne die Grexit-Angst schwerlich als alleinige Erklärung für den schwachen Dax herhalten.

Auch die erwartete Zinswende in den USA und die Abschwächung der Weltkonjunktur lasteten auf der Stimmung. «Das ist eine ganz normale Korrektur. Der Markt ist in sechs Monaten rund 4000 Punkte gestiegen. Nun hat er 1000 Punkte abgegeben«, sagt Schweitzer.

Eines passt ohnehin nicht in das Szenario eines Euro-Untergangs: Die Gemeinschaftswährung selbst hat letztens wieder aufgewertet. Am Montag wurde der Euro bei 1,1250 Dollar gehandelt, sieben Cent höher als im März. «Möglicherweise ist der stabile Euro der beste Indikator dafür, dass wir keinen Grexit zu erwarten haben«, sagt Stürner. Der Euro, so kann man vermuten, würde dem frech-verwegenen Sorbas gefallen.

Dieser Artikel ist zurerst in unserer Schwester-Pubklikation «Welt Online» erschienen unter dem Titel «Die Börsen fürchten Griechenlands Pokerspieler».