Die Angst, dass die USA kurz vor einer Rezession stehen, ist für David Rosenberg vollkommen unbegründet. Warum? «Weil sie schon mittendrin stecken», erklärte der Chefvolkswirt der Investmentbank Merrill Lynch vergangene Woche – und löste an der Wall Street damit bereits den zweiten Kursrutsch des Dow Jones um mehr als 200 Punkte in diesem Jahr aus.

Auch Rosenbergs Kollegen von Goldman Sachs sprechen das in Börsianerkreisen verhasste R-Wort inzwischen offen aus. Allerdings erwarten sie den wirtschaftlichen Abschwung erst im 2. oder 3. Quartal.

Ob die Rezession nun erst noch kommt oder schon da ist – fest steht, dass die Immobilienkrise die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten stärker erschüttert als bislang angenommen. Selbst Präsident George W. Bush räumte «zunehmend gemischte Konjunkturaussichten» ein, nachdem auch das Handelsbilanzdefizit der weltgrössten Volkswirtschaft im 4. Quartal 2007 nach ersten Berechnungen erneut stark angestiegen ist. Hinzu kommt – und das wiegt an der Börse weitaus schwerer – die Sorge um den von der Kreditkrise geschüttelten Bankensektor. Analystenschätzungen zufolge werden die Institute deutlich höhere Summen an faulen Krediten in den Wind schreiben müssen, als sie bisher einräumten (siehe auch Seite 37).

Kapitalspritzen gesucht

Händeringend suchen die Manager der betroffenen Banken nach Kapitalspritzen. Staatsfonds aus China, Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben sich bereits eingekauft und werden ihre Beteiligungen wohl aufstocken, um das internationale Finanzsystem zu stabilisieren. Auch US-Notenbankchef Ben Bernanke will alles tun, um einen Flächenbrand in der amerikanischen Bankenlandschaft zu verhindern. «Wir sind bereit, zusätzliche substanzielle Massnahmen zu treffen, um das Wachstum zu stützen», so der oberste Währungshüter. Volkswirte erwarten deshalb bereits Ende Januar eine kräftige Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt.

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Das bedeutet Hoffnung für die Wall Street. Die wohl unumgänglichen Zinssenkungen könnten den Schaden für die Aktienkurse in Grenzen halten, zumal die Geschäfte der Unternehmen ausserhalb des Bankensektors offenbar normal weiterlaufen. Zwar warnte der Telekom-Konzern AT&T, dass wegen Zahlungsschwierigkeiten von Privatkunden immer mehr Festnetzanschlüsse gekappt werden müssten, das Wachstum des Gesamtkonzerns werde dadurch aber nicht beeinträchtigt. Dank des nach wie vor starken Mobilfunk- und Breitbandgeschäfts sehe er keine Veranlassung, die Prognosen zu senken, sagte Vorstandschef Randall Stephenson.

Die traditionell vom Aluminiumhersteller Alcoa eingeläutete Quartalsberichtssaison begann am Mittwoch sogar verheissungsvoll. Sowohl Alcoa als auch die weltgrösste Einzelhandelskette Wal-Mart legten deutlich bessere Zahlen vor als von Analysten erwartet. Da die Kapitalmarktexperten ihre Erwartungen zum Teil schon kräftig nach unten geschraubt haben, sind weitere positive Überraschungen wahrscheinlich. Nach einer Studie der Citigroup könnten unter anderem prominente Adressen wie Apple, Boeing, Eastman-Kodak, Johnson&Johnson, Microsoft, Pepsi und Nvidia besser abschneiden als bisher prognostiziert. Unter den Ewartungen dürften dagegen nach Ansicht der Analysten Unternehmen aus dem Finanzsektor bleiben – wen wunderts?

In der Vergangenheit lagen die Citi-Experten mit ihren Einschätzungen nicht schlecht. Sogar innerhalb des kriselnden Finanzkonzerns geht das Leben also weiter. Anleger sollten sich deshalb von den düsteren Konjunkturprognosen nicht ins Bockshorn jagen lassen.

Aber wie sieht es in Europa aus? Nach einer Umfrage des deutschen Verbands unabhängiger Vermögensverwalter VuV werden Standardaktien am Jahresende höher notieren als momentan. Aus dem am Freitag veröffentlichten VuV-Stimmungsbarometer geht hervor, dass 70% der befragten Vermögensverwalter trotz des aktuellen Durchhängers durchaus optimistisch sind.

Dies sei allerdings «keine Verbandsmeinung», schränkt der VuV-Vorsitzende Lutz Gebser ein, sondern «ein Durchschnittswert aus verschiedenen individuellen Meinungen». Aussagekraft hat das Barometer gleichwohl: In der vorangegangenen Umfrage vom Juni 2007 hatte die Mehrzahl der Vermögensverwalter die US-Kredit- und Immobilienkrise und die damit verbundenen Gefahren für Hedge-Fonds beinahe punktgenau vorhergesagt.

An Aktien führt kein Weg vorbei

Insgesamt führt aus Sicht der VuV-Mitglieder auch im Jahr 2008 kein Weg an Aktien vorbei. 43,1% stufen die Dividendenpapiere als aussichtsreichste Anlageklasse ein – allerdings nur die Blue Chips. Nebenwerten trauen nur 7,1% die beste Performance zu. Auf Platz 2 der Beliebtheitsskala rangieren erstaunlicherweise Hedge-Fonds, deren Krise demnach im Jahresverlauf zu Ende gehen sollte. Dahinter folgen Edelmetalle (12,4%) und andere Rohstoffe (7,4).

Wenig Chancen sehen die befragten Experten dagegen für Immobilien, lang laufende Rentenpapiere und Private Equity, die alle 2% oder weniger erhielten.